bei den Kaufleuten in der dortigen Gegend sehr viel achtung erworben hatte, ward von einem derselben nach Elberfeld empfohlen, um der Handlung und Manufaktur einer Witwe vorzustehen, deren Mann kürzlich gestorben war. Dies bewog Anselmen gleichfalls, Elberfeld zum Orte seines Aufentalts und vielleicht seiner medizinischen Praxis zu wählen. Sie reiseten dahin ab; und kurz vorher nötigte Anselm seinen Freund Philipp, um gegen ihn doch einige Dankbarkeit zu beweisen, die Zession von Platters Verschreibung der für ihn bezahlten Summe als ein Geschenk anzunehmen. Philipp liess der guten Gesinnung Gerechtigkeit widerfahren und nahm endlich die Zession aus blosser gefälligkeit an, weil es doch nicht im geringsten wahrscheinlich war, dass Anselm je auch nur den kleinsten teil dieser Verschreibung bezahlt erhalten würde.
Achtzehnter Abschnitt
Reise zweier Freunde nach Elberfeld und ihre beiderseitigen Entwürfe
Beide Freunde setzten sich in den Wagen mit etwas beklemmtem Gemüte. Anselm verliess Haus und Hof, sein vormaliges Eigentum. Alle die schönen Pläne, welche er zu seinem künftigen glücklichen Leben gemacht hatte, waren vereitelt. Er hatte nie Sorgen gehabt, und nun ging er auf ungewisse Hoffnung an einen unbekannten Ort. Es war ihm schon so manches misslungen, wovon er gewiss geglaubt hatte, es müsse gelingen; und so gelinde er sich zu beurteilen gewohnt war, so konnte er sich doch zuweilen nicht ganz verhehlen, es sei grösstenteils seine eigene Schuld gewesen, dass er immer Pläne voll chimärischen Glücks gemacht hatte, während er durch unbesonnene Aufführung seine schon festgegründete gute Verfassung untergrub und umstürzte. Alle diese Gedanken drückten mit verdoppelter Macht auf ihn, so dass er bis zum ersten Nachtlager in einem Nachdenken sass, das fast in Betäubung ausartete.
Trübe Gedanken konnten indes im geist unsers dicken Mannes nicht lange haften. Eine gute Abendmahlzeit munterte ihn auf. Er war, welches beiläufig angemerkt sein mag, ein Freund vom besten Essen und Trinken; und das bereitete ihm einen sanften Schlaf. Als sie morgens abreiseten, war die Sonne sehr heiter aufgegangen, Feld und Wiesen grünten, und eine Schar von Vögeln erfüllte die Büsche mit ihrem Gesänge. Seine poetische Ader regte sich, und bald mit derselben kehrte seine gewöhnliche Jovialische Heiterkeit zurück, mit dieser sein voriger guter Mut und mit demselben seine gute Meinung von sich selbst, die ihn eigentlich nie verlassen hatte.
Er dachte: »Weshalb soll ich mich grämen? Ich bin gesund. Ich habe eine schlechte Frau verloren. Ich habe doch zweitausend Taler und mehr in der tasche. Klug bin ich und habe Philosophie und Entschliessung, um Unglück zu ertragen und mir Glück zu verschaffen.«
Alle diese Eigenschaften hatte sich Anselm in Gedanken so oft beigelegt, dass er endlich glaubte, er besässe sie, so wenig er auch Proben davon zeigte.
Er fuhr fort: »Meine einzige Unklugheit war, dass ich eine Frau nahm. Alles wäre gut gewesen, hätte ich mir nicht eingebildet, ich könne nur im Ehestande glücklich werden. Gerade umgekehrt! Ich will ledig bleiben, so kann ich mein Leben viel besser geniessen. Warum bin ich doch nicht gleich auf den klugen Gedanken gekommen, ganz frei und unabhängig nach meinem Sinne zu leben und bloss mein Vergnügen zu suchen! Doch es ist ja noch Zeit! Ich bin noch nicht dreissig Jahre alt; ich habe Kenntnis von vielen Wissenschaften, von Manufakturen und von Handlung, und im Notfalle bin ich noch Doktor der Medizin. Denken kann ich auch und auch schreiben. Es kann mich brauchen, wer einen brauchbaren Mann nötig hat. Ich kann eines Ministers Sekretär, ein Amtsphysikus, ein Rat in einem Kollegium und was sonst noch werden. Doch weshalb soll ich ein Amt annehmen und mich nach andern richten? Ich habe noch Geld; ich habe Kenntnisse. Das wird mich bald wieder in guten Zustand bringen. Ohne Ruhm zu sagen, ich sehe nicht übel aus. Ich will auch dem schönen Gesehlechte nicht ganz entsagen. Ich will mich mit schönen Weibern und Mädchen ergötzen, aber mich nicht von ihnen fesseln lassen. Die Mädchen sind mir immer gut gewesen. In Elberfeld und Gemarke sind, wie ich höre, viel reiche Kaufleute, die schöne Töchter haben. Wie komme ich aber zu denen? Ei, ich bin ja Arzt! Es bleibt dabei: ich will mich der goldeden Praxis befleissen; die bringt Geld und gibt dem arzt grosse Vorzüge beim Frauenzimmer.«
So dachte unser dicker Mann, und sein Geist und seine Mienen wurden ganz aufgeheitert. Er dachte aber nicht allein das Obige; sondern, da sein Herz leicht überzuströmen geneigt war, so teilte er seinem Reisegefährten alle die frohen Hoffnungen mit, die ihn in seiner Einbildung beglückten. Philipp dachte auch mancherlei, behielt aber alles bei sich; denn ein grosser teil dessen, was er dachte, würde seinen Reisegefährten geschmerzt und dessen frohe Laune gedämpft haben, wenn er es herausgesagt hätte. Er überlegte, wie doch Anselm die einträgliche Manufaktur, welche sein Vater durch viel jährige Emsigkeit und Ordnung zu stand gebracht hatte, in so kurzer Zeit durch Leichtsinn, Dünkel und Unordnung zugrunde gerichtet habe. Er überdachte, welch ein glücklicher und wohlbehaltener Mann Anselm hätte sein können, wenn er nur, anstatt sich in chimärische unausführbare Projekte einzulassen, das Werk ruhig hätte seinen gang fortgehen lassen, das er durch seines Vaters Verstand und Überlegung ganz eingerichtet vorfand, und sich dem Müssiggange und eitlen Vergnügen nicht unmässig überlassen hätte. Er überdachte, wie vielen Hirngespinsten von Plänen Anselm von seiner ersten Jugend an, vermittels seiner Einbildungskraft, nachgelaufen sei, und wie