machte ihn staunen und etwas bestürzt. Er hatte zwar die gerichtliche Arzneikunde zu gut studiert, um nicht zu wissen, dass eine siebenmonatliche Geburt für echt erkannt werde; aber dass ihm gerade selbst ein so seltener Fall begegnen sollte, gefiel ihm nicht und brachte ihm allerlei Gedanken in den Kopf. Doch er hatte nicht lange Zeit, denselben nachzuhangen; denn andre Gemütsbewegungen warteten seiner. Das Kind verfiel am dritten Tage in Gichter und starb aller von ihm angewandten Mittel ungeachtet. Er lenkte nun seine Sorgfalt auf die Mutter, welche nicht aus einer sehr schädlich auf sie wirkenden Unruhe zu bringen war. Sie erlag unter derselben und starb wenige Tage darauf unter vielen Tränen, welche Tränen der Reue schienen.
Anselm war durch diese Vorfälle im Innersten gerührt. Bald aber stürmten noch mehrere Unfälle auf ihn zu. Platter verschwand, und es zeigte sich, dass er sehr viele Schulden hinterliess. Für Anselm blieb nichts übrig, als die Verschreibung zur Verfallzeit zu bezahlen. Als er darauf dachte, kam die Nachricht, dass der grösste teil der nach Polen in Kommission geschickten Tücher noch unverkauft läge und dass der auswärtige Kaufmann, auf den, für verkaufte Tücher, der Wert von 6000 Talern Species trassiert war, zu zahlen aufgehört habe. Die vermehrten Stuhlarbeiter erforderten wöchentlich eine ansehnliche Bezahlung; und die Tücher, welche sie lieferten, waren vor der Hand nicht abzusetzen. Alle diese Unglücksfälle mussten den gänzlichen Sturz des Hauses und der Manufaktur verursachen. Durch Anselms neue Einrichtungen war also das ganze Werk, welches sein Vater mit so viel Fleiss und Sparsamkeit gestiftet und viele Jahre lang erhalten hatte, in wenig Monaten zusammengestürzt und seine eigene Wohlfahrt unwiderbringlich verloren. Er überliess sich, beinahe ohne Besinnung, einem wütenden Schmerze.
Man sollte denken, die vielen Wissenschaften, besonders die Philosophie, wovon unser guter dicker Mann sogar zweierlei sich widersprechende Systeme vollkommen innehatte, müssten bei solchen harten Zufällen Stärke und gesetzten Mut geben, um Unglück zu ertragen und besonnen zu bleiben, aber die Erfahrung lehrt gemeiniglich das Gegenteil. Leute, welche den Kopf mit Wissenschaften und Weisheit vollstopfen, sind wie die guten Hausfrauen, welche ihre Wohnzimmer entweder beständig so nass waschen, dass sie nicht darin wohnen können, oder sie so weiss scheuern und zierlich aufputzen, dass sie sich darin zu wohnen nicht getrauen. Sie behelfen sich dann lebenslang in einer schmutzigen Schlaf- oder Polterkammer und wohnen lieber gar nicht in ihren Zimmern. Aus einer gleichen Ursache scheinen die gelehrten Philosophen ihre Philosophie in der wirklichen Welt so wenig brauchen zu können. Sie ist entweder noch scheuernass, oder sie befürchten, wenn sie angegriffen würde, müsste sie wieder gescheuert werden.
Philipp, ohne alle Teorie und Philosophie, behielt bei diesem Unglücke seine Besonnenheit unter anderm auch deswegen, weil er einen teil der Unfälle vorausgesehen und zuweilen auch, ohne gehört zu werden, vor deren Veranlassung gewarnt hatte. Er leistete die nützlichsten Dienste. Anselm, der nun allen Mut verlor, überliess sich und seine Wohlfahrt ihm ganz; und das war noch klug gehandelt. Philipp kannte die wahren Vorteile der Manufaktur und der Handlung, welche nur durch die unüberlegte Vergrösserung und durch die schlechte Haushaltung so sehr waren vermindert worden. Er verkaufte gleich Kutschen und Pferde und schränkte das Haus nur auf die allernötigsten Ausgaben ein. Er dankte einen teil der nicht nötigen Arbeiter ab. Er fand Mittel, die übrigen, welche in Tätigkeit mussten erhalten werden, vor der Hand richtig zu bezahlen. Er hatte das Glück, durch einen treuen Korrespondenten das polnische Kommissionslager, obgleich mit Schaden, doch bar zu verkaufen, und dadurch, selbst zur Verwundrung des Wucherers, die Verschreibung zur Verfallzeit zu bezahlen. Anselm fing nun selbst an, wieder einigen Mut zu fassen. Philipp hatte zu allen nötigen Ausgaben Geld gefunden und war dadurch im stand, die Manufaktur noch einige Monate lang mit Nutzen und Ehren zu führen. Aber nun häuften sich die Schwierigkeiten wieder. Das aufgenommene Kapital ward aufgekündigt, und es war aller angewandten Mühe ungeachtet keine Verlängerung der Verschreibung zu erhalten. Es schien also unmöglich, das Haus vor dem Umsturze zu sichern. Philipp aber verlor den Mut nicht. Er verhehlte möglichst die misslichen Umstände, fand durch die weiseste Sparsamkeit und durch ein kleines Kapital, das er von seinem eigenen Gehalte erspart hatte, Mittel, abermal die Manufaktur fortarbeiten zu lassen, so dass man äusserlich nichts merkte; und unter der Hand suchte er einen Käufer dazu, den er auch an einem reichen Kaufmanne in Burscheid fand, welcher ziemlich den Wert dafür gab. Nun zahlte Philipp alle Schuldner richtig aus, und am Ende blieben noch ein paar tausend Taler übrig.
Anselm war in seinem Innersten gerührt und wollte den kleinen Rest seines Vermögens mit dem treuen Philipp teilen. Dieser weigerte sich aber schlechterdings, etwas weiter zu nehmen als seinen Vorschuss und seinen gewöhnlichen rückständigen Gehalt. »Was ich tat«, sagte er, »war ich meiner Pflicht und der Dankbarkeit schuldig.« Anselm verehrte diesen edlen Mann und fühlte nun in sich selbst zuerst, wie weit er, der sich immer so klug dünkte, demselben an wahrer Klugheit und ausdaurendem Mute nachzusetzen sei.
Es musste jetzt eine ganz neue Ordnung der Dinge angehen. Anselm war sehr unschlüssig, was für ihn zu tun sei; aber darin war er mit sich einig, es werde ihm unerträglich sein, in Aachen oder Vaals sich ferner aufzuhalten, ob er gleich nicht eigentlich wusste, wohin. Philipp, welcher sich durch die kluge Führung von Anselms Geschäften