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war schon den vorigen Tag verreiset, und Angelika forderte diesmal auch nach der Mahlzeit die Gesellschaft ihres lieben Anselms. Sie fuhr mit ihm in der offnen Birutsche im heitersten Wetter spazieren und sass nachher mit ihm Hand in Hand unter dem liebreichsten Kosen. Gegen Abend kam sie freilich unvermerkt auf andere Materien und eröffnete eine Bitte, die ihn einigermassen überraschte. Die Sache war folgende: Freund Platter hatte im vorigen Sommer am Spieltische verloren und auch noch sonst manche kleinen Schulden gemacht. Darüber hatte er einem Wucherer eine Verschreibung von 5000 Speciestalern oder 12 000 Aachener Gulden ausgestellt. Sie war fällig; aber der Inhaber erbot sich, dem Schuldner auf vier Monate Frist zu geben, wenn Anselm sich dafür verbürgen wolle. Dies war es, worum Frau Angelika ihn bat, und wobei er anfänglich ein wenig stutzte. Frau Angelika bekam zwar einige Anfälle von Nervenschwäche, umarmte aber bald ihren mit Alkali-Fluor ihr beispringenden Anselm auf das herzlichste und gab ihm dabei zu bedenken, dass man ja nicht bare Bezahlung, sondern nur Unterschrift von ihm verlange, dass Platter gegen vier Monate gewiss wieder andere Spielschulden würde einkassieren können, ja, dass es auf den schlimmsten Fall keine Mühe kosten würde, die Zahlungszeit weiter zu verlängern. Dabei stellte sie ihm rührend das Edle der Handlung vor, einen hilfsbedürftigen Freund aus so grosser Verlegenheit zu retten. Hier traf sie Anselms schwache Seite. Denn Mangel an Guterzigkeit war sein Fehler nicht, und er konnte auch edelmütig sein, wenn nur seine eigene Gemächlichkeit dabei nicht in Kollision geriet. Er verbürgte sich also, nach einer kurzen Überlegung, unter den zärtlichsten Liebkosungen seiner Frau, die ihm die Verschreibung vorlegte. Die kurze Überlegung, die Anselm diesmal anstellte, führen wir nicht ohne Ursache an. Sie zeigte, dass er weder ein blosser Bel-esprit, noch ein blosser Philosoph war. Er erinnerte sich, dass es die Regel eines jeden soliden Kaufmannes ist, sich nicht auf eine Frist zu verbürgen, wenn er nicht gewiss weiss, dass er alsdann Kasse zur Zahlung haben wird; daher kam seine anfängliche Unentschossenheit. Er besann sich aber, dass er ja, noch ehe die vier Monate vorbei wären, den ersten Zahlungstermin von sechstausend Speciestalern für die auswärts verkauften Tücher zu erwarten hätte, ohne das, was gegen die Zeit von den in Polen in Kommission liegenden eingehen müsste. Er glaubte also, allenfalls eine solche Summe der Rettung eines Freundes aufopfern zu können, und fand sich noch dazu durch die Liebkosungen seines Weibchens mehr als belohnt. Dabei unterliess er nicht, seiner Klugheit insgeheim ein kleines Kompliment zu machen, dass er auf den glücklichen Gedanken gekommen war, seine Geschäfte zu vergrössern und besonders sein Lager von Tüchern zu einer günstigen Zeit nach Polen zu senden; denn hierdurch war er nun besser in den Stand gesetzt, seinem Freunde Platter zu dienen, welcher Freund denn auch nicht ermangelte, am folgenden Tage sich einzufinden. Anselm empfing von ihm eine Gegenverschreibung wegen der Bürgschaft für 12 000 Aachener Gulden. Platter vereinigte seinen lebhaftesten Dank mit den süssesten Liebesbezeugungen Angelikens, wodurch Anselm fühlte, er sei einer der glücklichsten Menschen.

Siebzehnter Abschnitt

Unvermutete Vorfälle, welchen Anselms Klugheit und philosophische Spekulation beinahe nicht gewachsen gewesen wäre

Anselm hatte nun in kurzer Zeit schon mancherlei Erfahrungen gemacht und vieles in seinem Ehestande, welcher immer das äusserste Ziel seiner jugendlichen Entwürfe eines glücklichen Lebens gewesen war, ganz anders gefunden, als seine Imagination und seine Spekulation, die beiden Grundpfeiler aller seiner Pläne, es ihm hatten vorstellen können. Seine Teorie vom häuslichen Glücke fand er immer noch vollkommen gegründet, besonders nachdem er sie nach der kritischen Philosophie berichtigt hatte; aber da kam der verzweifelte Hausfreund und die Verbürgung als zwei Tatsachen dazwischen. Nun sind Tatsachen eigensinnige widerspenstige Dinge, wodurch, wie die traurige Erfahrung lehrt, oft die hellesten Teorien dunkel gemacht werden. Zuweilen hatte unser dicker Mann darüber mancherlei Gedanken, denen er nicht lange nachhängen mochte und sich daher bald entweder der kritischen Philosophie oder den Liebkosungen seiner Angelika in die arme warf, welche seit der letzten gefälligkeit durch die geleistete Bürgschaft für ihren gemeinschaftlichen Freund viel häufiger wurden. Anselm fühlte sich dadurch so glücklich, dass er darüber oft sogar nicht nur den transzendenteilen Schein, sondern auch den empirischen Schein, als möge in seinem Hauswesen und in seinem Ehestande nicht alles nach seinem Plane gehen, auf eine Zeitlang vergass.

So waren etwa sieben Monate seit der Verheiratung unsers guten dicken Mannes verflossen. Anselm war eines Tages sehr vergnügt gewesen, weil Frau Angelika, obgleich kränklich, ihre Liebesbezeigungen gegen ihn verdoppelte. Er fühlte das grosse Glück, diese Frau zu besitzen, und überzeugte sich, dass die kleinen vorübergehenden Launen unbedeutend wären. Er überlegte nicht allein, wie schön und wie herzlich sie war, sondern auch wie voll von feinen Gesinnungen, wobei er sich lebhaft der ersten glücklichen Zeit der Bewerbung und der Lektur der neuen Heloise, begleitet mit den moralischen Betrachtungen der Frau Angelika, erinnerte. So war unser dicker Mann frohen Mutes, als sich mit einemmale plötzlich in seinem haus alles änderte. Den ersten Anfang machte ein Zufall, den niemand, und er am wenigsten, vermutete. Die schöne Angelika ward in der Nacht unpass; und wenige Stunden darauf ward sie von einem Knaben entbunden, der gesund und ebenso vollständig und rund war als Anselm selbst, wie er geboren ward. Diesen Zeitpunkt glücklich zu erleben, war immer sein liebster Wunsch und der Gegenstand mancher Ausrechnung gewesen; aber diesen Wunsch so früh erfüllt zu sehen,