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sein und wenn die mütterliche Zärtlichkeit dadurch neue Nahrung erhalten würde. Obgleich dieser Zeitpunkt leicht zu bestimmen war, so rechnete er ihn doch mehrmal umständlich aus; es gab dann selige Viertelstunden, in denen er beinahe noch angenehmere Aussichten hatte, als der fromme Lavater in die weite Ewigkeit. So froh aber auch seine Hoffnungen für die Zukunft waren, so drückte ihn zuweilen sein gegenwärtiger Zustand ein wenig; und es trat ihn sogar mitunter einiger Unmut an: eine Empfindung, wovon er, so lange er denken konnte, noch keine Erfahrung gehabt hatte.

Also war ihm Zerstreuung nötig. Er hätte sich freilich mit seinen Manufakturgeschäften genugsam zerstreuen können und auch wohl zerstreuen sollen, da ihn seine liebe Frau, wie schon gesagt, nicht selten erinnerte, nichts darin zu versäumen. Wir glauben aber, schon genug zu erkennen gegeben zu haben, dass unser guter dicker Mann zwar ein Geschäft, wovon die idee in seinem geist einmal lebhaft ward, mit grossem Eifer zu betreiben anfing, dass aber das Ausdauren eben seine Sache nicht war. Daher ward ihm auch nach wenigen Monaten die Vergrösserung seiner Manufakturgeschäfte, ob er sie gleich selbst veranlasst hatte, ziemlich zur Last und täglich lästiger, je mehr sich Schwierigkeiten fanden und häuften, welche er nicht vorhergesehen hatte. Er blieb also fast ganz von seiner Schreibstube weg und überliess das meiste seinem Philipp. Dies schien ganz vernünftig zu sein. Denn da Philipp die Schwierigkeiten, die sich jetzt fanden, alle vorausgesehen hatte, so war zu vermuten, er würde denselben besser ausweichen können als Anselm, welcher nie an Schwierigkeiten gedacht hatte.

Indes würde unserm dicken mann, dessen Geist immer mehr als eine Beschäftigung haben musste, diese seine Untätigkeit doppelt zur Last geworden sein zu einer Zeit, wo er einen neuen Gegenstand nötig hatte, um nicht allzu lebhaft an manches zu denken, was in seinem haus vorging. Glücklicherweise war damals eben erst Kants Kritik der reinen Vernunft und die darauf gegründete Metaphysik der Sitten in der Gegend von Vaals und Aachen bekannt geworden, wohin die neuen literarischen Erfindungen etwas später durchzudringen pflegen. Dies war Philosophie und etwas Neues. Wegen beider Ursachen mussten diese berühmten Werke unsern dicken Mann mit grosser Macht an sich ziehen. Er studierte sie mit anhaltendem Eifer und vergass eine Zeitlang darüber seine Manufaktur und den Hausfreund seiner Frau. Besonders die Lehre vom kategorischen Imperativ zog seine ganze Aufmerksamkeit auf sich; und er verfolgte dieselbe mit dem reifsten Nachdenken, bis er sich von der Richtigkeit derselben völlig überzeugte. Vielleicht trug selbst die Lage seines Hauswesens etwas dazu bei, diese Überzeugung mehr zu beschleunigen; denn es ist wohl kein Imperativ kategorischer, absoluter und autonomischer als der Wille einer schönen und nervenschwachen Frau. Da nun sowohl die Kritik der praktischen Vernunft als der Hausfrieden, welcher leicht hätte sehr kritisch werden können, unserm dicken mann Geduld empfahl: so hatte er denn auch Geduld.

Die liebe Frau Angelika gab ihm freilich hin und wieder guten Anlass, diese christliche Tugend zu üben. Nachdem teils die Kurgesellschaft in Aachen, und folglich die Assembleen und Bälle, ziemlich dünne geworden waren, teils der Fortgang ihrer Schwangerschaft ihr dieselben unbequem machte: blieb sie zu haus; und nun war Freund Platter, der fast nicht aus dem haus wich, ihre beständige Gesellschaft, sowohl in ihrem Zimmer, als wenn sie ausfuhr, um an schönen Herbsttagen frische Luft zu schöpfen. Der Ehemann beschäftigte sich zwar damals vorzüglich mit der transzendentalen Deduktion der reinen Verstandesbegriffe; aber er ward doch dabei auf manches sehr aufmerksam, was in der Sinnenwelt seines Hauses vorging, und ward darüber abermal etwas griesgrämig. Freilich, wenn man nicht sicher gewusst hätte, dass Ehefrau Angelika ihren runden Anselm liebte, hätte es zuweilen den Schein haben können, er wäre ihr nicht allein gleichgültig, sondern sogar zuwider. Denn wahr ist es, dass sie ihn zuweilen anfuhr, wenn er ihre Leseübungen mit Platter durch seine Gegenwart störte oder bei einer Spazierfahrt der dritte Mann zu sein Lust hatte. Das wusste ihm aber nicht nur Freund Platter als eine von den Grillen vorzubilden, die er sehr missbilligte, welche aber der jetzige Zustand der guten Frau einigermassen entschuldigen mochte, sondern auch die gute Frau riss ihn zuweilen selbst aus seinem Unmute, wann sie ihn herzlich umarmte und mit den zärtlichsten Namen bewillkommnete. Zufall war es, dass sie gerade immer zu eben der Zeit auch etwas von ihm verlangte, welches er denn einer so zärtlichen Frau nicht abzuschlagen vermochte. Jezuweilen gab ihm zwar ein übler Genius den Verdacht ein, als ob die Liebkosungen und die Forderungen einen Zusammenhang hätten, aber wenn er alles mit reifem Nachdenken überlegte, fand er, dass ein solcher unbilliger Argwohn, zufolge der hier angewendeten Kritik der reinen Vernunft, nur ein Gedankending oder ein leerer Begriff ohne Gegenstand sei; ja zuweilen war er gar geneigt, ihn für ein Unding oder für einen leeren Gegenstand ohne Begriff, für ein Nihil negativumdas heisst, für das, was die meisten philosophischen Disputationen sindzu halten. Er schlug sich also die Grillen aus dem Sinne und fand es viel besser, sich an der reinen Anschauung der zärtlichen Liebkosungen seiner lieben Gattin zu weiden.

Er hatte hierzu besonders an einem Tage gelegenheit, den er zu den vergnügtesten seines Lebens rechnete. Schon vom ersten Morgen an war seine liebe Angelika, obgleich immer nervenschwach, in der heitersten Laune. Sie hatte mit ihm die angenehmste Mittagsmahlzeit Kopf bei Kopf, wie man es in neufränkischem Deutsch geben würde, gehalten; denn Freund Platter