1794_Nicolai_128_32.txt

er den grössten teil seines Vermögens teils auf übermässigen Kredit weggab, teils gar in ein weit entferntes Land auf einen ungewissen Kommissionshandel wagte und zugleich ein sehr grosses Kapital aufnahm, um seine Manufaktur zu einer Zeit beträchtlich zu vergrössern, da der Absatz sehr zu fallen schien. Aber diese altväterischen Schreibstubensitzer erwägen nicht, dass unser Anselm sich in der notwendigkeit sah, grössere Geschäfte zu machen, um seine nun vergrösserte Haushaltung ferner mit Anstand zu führen. Man könnte diesen kurzsichtigen Tadlern, die nicht für recht halten, man dürfe mehr wagen als man selbst besitzt, bloss deswegen, weil man mehr Geschäfte machen will, das Beispiel ansehnlicher Komtore, ja ganzer Handlungsplätze entgegensetzen, wo noch grössere und weit aussehendere Spekulationen betrieben und bloss mit der notwendigkeit, die Geschäfte zu vergrössern, entschuldigt werden.

Es ist freilich wahr, dass die Kaufleute, welche jetzt Spekulationen bis zu einer Grösse treiben, die denjenigen erschrecken könnten, welcher die Sache nicht versteht, gewöhnlich dabei eine Vorsicht gebrauchen, an die unser dicker Mann wohl nicht denken konnte, da er bisher der Wolfischen Philosophie kundiger war als der feinen Handlungsgebräuche. Diese Kaufleute fabrizieren nicht selbst, noch weniger nehmen sie zum Behufe einer Manufaktur ein grosses Kapital auf. Sie verschreiben vielmehr, da jetzt der Kredit so leicht gemacht wird, binnen kurzem aus Frankreich, Holland und England, von verschiedenen Orten her, einen Vorrat von Waren, der ihr eigenes Vermögen dreissig und mehrmal übersteigt, welchen sie denn mit kühnem Mute in entfernte Länder verborgen. Gelingt es ihnen: so gewinnen sie ansehnlich, werden als kluge und grosse Kaufleute verehrt und wagen nun wieder eben so grosse Posten, bis es einmal nicht gelingt. Dies scheint dann dem gemeinen Haufen ein Unglück; aber der spekulierende Kaufmann, welcher die Gefahr vorhersah, hält es eben nicht dafür. Nicht er, sondern die Menge der fremden Kreditoren haben die Gefahr zu tragen. Er verlässt sich darauf, vorteilhaft mit einem Verluste von vierzig oder fünfzig vom Hundert zu akkordieren, wobei er mit Rechte voraussetzt, dass fremde Fabrikanten eher geneigt sein müssen, einen solchen Akkord einzugehen als einheimische Wechselgläubiger, vor denen er sich hütet. Es müsste bei einem Akkorde, den der klügere Kaufmann über den dreissigfachen Wert seines Vermögens schliesset, wunderlich zugehen, wenn er sein wirkliches Vermögen nicht rettete und vielleicht noch mit der Hälfte vermehrte. Dieses, und die Anzahl der Kreditoren, welche macht, dass keiner ganz zugrunde geht, hilft ihm, dass er nach geschlossenem Akkorde ganz unbesorgt sein kann, ferner Kredit zu bekommen und weiter zu handeln; denn das versteht sich. Auf diese feinen Kaufmannskünste, wodurch jetzt die Handlung und durch sie die fabrizierende Industrie bis auf einen Gipfel steigt, dass es beinahe scheinen möchte, beide würden sehr bald wieder herabstürzen müssen, war unser dicker Mann freilich nicht bedacht. Er war ehrlich genug, sein eigenes und seines nächsten Nachbars Vermögen auf eine ganz neue Spekulation zu wagen. Aber da er alles nach der ihm so geläufigen matematischen Metode untersucht hatte, so glaubte er vorauszusehen, dass seine Spekulation gewiss den sichersten Vorteil abwerfen werde. Wollte er nun diesen Vorteil nicht entbehren, so waren, wie er ebenfalls demonstieren konnte, die Versendung beinahe seines ganzen Warenlagers in Kommission und die Anleihe eines grossen Kapitals ganz notwendige Massregeln.

Die gedachte Anleihe aber ward noch in einer andern Absicht notwendig. Eben zu der Zeit, da unser dicker Mann eine so schnelle Revolution in seinem Manufaktur- und Handlungswesen vornahm, entstand in seinem häuslichen Wesen auch eine Revolution, die sich zwar unvermerkt entspann, aber fast schneller fortging als jene. Die zärtliche Frau Angelika hatte mancherlei Bedürfnisse. Sie mochte sich gern putzen. Daran hatte nun der verliebte Anselm selbst seinen Gefallen und gab alle Kosten gern her, um einen so schönen Körper noch mehr zu zieren. Aber Frau Angelika wollte auch ihren Putz gern zeigen. In Vaals war niemand, für den es der Mühe belohnte; daher mochte sie gern oft in Aachen sein, und dazu wollte sie eine Kutsche mit vier Pferden angeschafft wissen. Anselm besass selbst zwar eine ziemliche Anlage, sich gern geltend zu machen; indes hatten Philipps ökonomische Zweifel, obgleich alle durch die Kraft logischer Schlüsse widerlegt, doch einen gewissen Eindruck auf unsern dicken Mann hinterlassen. Er fing also jetzt an, vorher zu berechnen, da er sonst nur untersucht und Schlüsse gemacht hatte; und da schienen ihm die Kosten der Anschaffung und der Unterhaltung so beträchtlich, dass er es der Mühe wert hielt, seine aritmetischen Resultate der jungen Frau mitzuteilen. Diese sanfte Seele merkte aber nun erst, dass er, seitdem er auf das Manufakturwesen so sehr achtgab, sich weniger mit ihr beschäftigte. Sie schloss daraus auf eine Abnahme seiner Liebe, da sie sonst sein Alles gewesen war und zerfloss in Tränen, indem sie seinen Wankelsinn zärtlich anklagte. Anselm suchte sie zu beruhigen, aber ihre Nerven waren schwach. Sie bekam verschiedene Zufälle. Als sie sich wieder erholte, erfolgte die zärtlichste Szene der Versöhnung. Die sanfte Angelika begab sich, bloss aus Liebe zu ihrem Anselm, der Forderung der Kutsche und Pferde, ob sie wohl nicht leugnen mochte, sich dieselbe sehr gewünscht zu haben, zumal da bei ihrem nervenschwachen Körper der Arzt ihr den Gebrauch der frischen Luft so sehr empfohlen hatte. Aber sie versicherte, ihren Anselm zu innig zu lieben, um nicht seiner Klugheit, der sie unter zärtlicher Umarmung den Vorzug vor der ihrigen gern zugestand, alles aufzuopfern. Der zärtliche Anselm hingegen, um