Wirte. Denn Jungfer Angelika war freilich reich an Schönheit und Empfindsamkeit, besonders aber an Ausdrücken der Moralität, des Edelmuts und der Wohltätigkeit, wovon ihr Mund beständig überfloss, aber mit Glücksgütern war sie ganz und gar nicht versehen; hingegen Doktor Anselm galt für sehr reich. Sie liessen also allerseits die ihrer Meinung nach günstige gelegenheit keineswegs fahren, sich einer person zu entledigen, von welcher ihre ökonomische Weisheit die Möglichkeit voraussah, sie könne ihnen einmal zur Last werden.
Die Heirat ward einige Wochen nachher in den schönen Tagen des Mais, des Wonnemonds, da sich die ganze natur zur Liebe neigt, vollzogen; und der Himmel hing, wie man bei jungen Ehepaaren zu sagen pflegt, voll Geigen.
Sechzehnter Abschnitt
Kaufmännische Klugheit und philosophische Spekulation mit häuslicher Zärtlichkeit gekrönt
Anselm war ausser sich vor Freuden. Er hatte häusliches Glück mit einer schönen und zärtlichen Frau so lange gewünscht und sah sich nun am Ziele seiner Wünsche. Er sah den Plan, den er sich von Jugend auf gemacht hatte, gelungen; er sah im geist die Folgen desselben bis in sein spätestes Alter in so heiterm Lichte, als ihm dieses seine lebhafte Einbildungskraft nur vorstellen konnte, welche durch die Honigwochen seines Ehestandes mit reizenden Bildern noch lebhafter angefüllt ward.
Der geneigte Leser wird schon bemerkt haben, dass unser dicker Mann das, worauf er verfiel, von ganzem Herzen und mit dem heftigsten Bestreben tat und dass er seit einiger Zeit, auf seine Kosten, recht viel solider und nachdenkender geworden war als vorher. Also liebte er jetzt nicht nur seine junge Frau von ganzem Herzen; sondern als ein weiser Mann bedachte er nun auch die Pflichten eines Hausvaters und nahm sich ernstlich vor, sie in ihrem äussersten Umfange zu erfüllen. So gleichgültig er bisher gegen Geld und Geldeswert gewesen war (welche besagte Gleichgültigkeit ihm dadurch ziemlich war erleichtert worden, dass es ihm in seines Vaters haus von Jugend auf nie an Gelde fehlte), so sah er doch nun ein, er werde eine zahlreiche Nachkommenschaft haben, und entschloss sich, aus Liebe zu seinen künftigen Kindern reich zu werden.
Zu diesem Behufe fasste er den Vorsatz, sich der Verwaltung der Manufaktur mit verdoppeltem eigenen Fleisse zu unterziehen. Nachdem er dieselbe nochmal examiniert und reiflich darüber nachgedacht, auch mit Philipp in Betreff dieser Sache manchen vergebenen Wortwechsel gehabt hatte, entschloss er sich, die Anzahl der Stühle und der Arbeiter zu verdoppeln und machte seinem Freunde Philipp etwa einen monat nach der Hochzeit seine Willensmeinung darüber bekannt.
Philipp tat dennoch – wir wissen nicht, ob aus eingewurzelten Vorurteilen oder aus andern Ursachen – alles Mögliche, um unserm dicken mann die Vergrösserung seiner Manufaktur auszureden. Es ist wahr, er hatte manche scheinbaren Gründe anzuführen. In der Tat schien es, als hätte sich Anselm bis jetzt für reicher gehalten, als er war; wenigstens hatte er so gelebt. Sein Vater hatte durch Fleiss und Frugalität ein ziemliches Kapital zurückgelegt; dahinein war, wie schon bemerkt ist, von unserm jovialischen dicken mann etwas tief gegriffen worden; denn zu der Art, wie er lebte, konnten die Einkünfte der Manufaktur bei weitem nicht zureichen. Ausserdem war die Manufaktur, aus Mangel des Absatzes, in den letzten Jahren nicht so stark gegangen; und Philipp blieb bei der Meinung, sie jetzt zu vergrössern müsse Schaden bringen, zumal da schon ein starker Vorrat an Tüchern auf dem Lager war. Seine Vorstellungen aber halfen nichts. Alles, was er über Anselm erlangen konnte, bestand darin, dass die schon beträchtliche Anzahl der Stühle nur mit einem Drittel vermehrt ward. Weniger konnte aber auch nicht geschehen. Denn Anselm fand, um seine künftig sich vergrössernde Haushaltung zu unterhalten, durchaus nötig, grössere Geschäfte zu machen. Darauf liess sich nun nichts weiter einwenden. Auch fand Anselm, mit seinem offenen kopf, sogleich Rat, sich von dem grossen Vorrate der Waren loszumachen. Er gab seinen auswärtigen Abkäufern grösseren Kredit als vorher und schickte einem Korrespondenten in Polen eine grosse Anzahl Stücke in Kommission. Auf diesen Gedanken war freilich Philipp nicht gekommen; und vielleicht wendete er bloss deswegen viel dawider ein, weil er einen so glücklichen Einfall nicht selbst gehabt hatte. Aber dem sei, wie ihm wolle! Das Warenlager ward nun in ein paar Monaten so aufgeräumt, dass dessen Umfang ferner keinen Grund gegen die Vergrösserung der Manufakturarbeiten abgeben konnte. Die Stühle würden also vermehrt, Vorrat von Wolle und Garn gekauft und eine Menge neuer Arbeiter angesetzt. Anselm war von der Richtigkeit und notwendigkeit seiner Spekulation durch reifes Nachdenken überzeugt. Er konnte sich wahrlich nicht vorwerfen, leichtsinnig dabei zu Werke gegangen zu sein, da er manche Stunde darüber nachgedacht und jeden Zweifel des den Ideen seines Plans wirklich ziemlich furchtbaren Philipps mit einem Syllogismus beantwortet hatte. Nun konnte ihm Philipp die Prämissen keines einzigen derselben durch einen andern Syllogismus widerlegen; daher war er von der Wahrheit der Resultate so fest überzeugt, dass er sich nicht einen Augenblick bedachte, da sein barer Geldvorrat durch die wöchentliche Bezahlung so vieler Arbeiter bald erschöpft ward, zum Behufe der so heilsamen Vergrösserung seiner Manufaktur kurz nacheinander ein paar beträchtliche Kapitalien aufzunehmen.
Es gibt Kaufleute, griesgrämige magerbäckige Gesichter, welche für Spekulationen, wodurch der Handel bis ins Unendliche getrieben wird, keinen Sinn haben. Sie begnügen sich, ganz engherzig ihr eigenes Kapital oder wenig darüber in Umlauf zu bringen oder gar nur zu sorgen, es allenfalls mit einer geringen jährlichen Vermehrung zu erhalten. Diese werden nicht ermangeln, über unsern dicken Mann die Achseln zu zucken, dass