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welche der gedachten geschichte einigemal beigefügt ist.

Unser Held hingegen blieb dick bis in sein männliches Alter, und so wird er auch gleich auf dem Titel dieser wahren geschichte nach dieser Eigenschaft benannt. Er hätte auch können der kluge Mann heissen; denn es fehlt ihm nicht an Klugheit. Man will aber überhaupt bemerkt haben, dass die körperlichen Eigenschaften der Magerkeit und Dicke permanenter zu sein pflegen als die geistige Eigenschaft der Klugheit. Ob jemand beständig so klug geblieben sei, als er sich gleich in seinen Jünglingsjahren zeigte, kann man erst am Ende seines Lebens wissen; besonders, ob unser Held ebenso unverändert klug als dick gewesen, kann nur am Ende dieser geschichte recht deutlich werden; und wir trauen uns jetzt noch nicht, etwas Gewisses darüber im voraus zu sagen. Aber dass er als Kind, als Jüngling und als Mann beständig dick geblieben, zeigt sein dreifaches, von einem berühmten Künstler nach dem Leben gezeichnetes Bildnis, das wir dieser Einleitung, nebst den Bildnissen der sieben vorher benannten dicken Männer, als ein beweisendes Dokument, wie ungleich er jedem war, haben beifügen lassen.

Das Ende des menschlichen Lebens an sich ist der Tod; aber das Ende jeder geschichte von der Art der gegenwärtigen ist bekanntlich eine Heirat. Ob nun, zufolge des Titels, sich diese geschichte etwa gar dreimal endige, ja ob überhaupt die auf dem Titel angegebene Anzahl der Heiraten richtig sei, kann der Verfasser dieser Einleitung noch nicht ganz gewiss sagen, und der geneigte Leser oder Leserin kann es nicht gewiss wissen, bis sie diese wahre geschichte ganz werden zu Ende gelesen haben, worum wir ihn und sie hiermit pflichtschuldigst bitten. Aber selbst alsdann versprechen wir nicht, er oder sie möchte ganz gewiss erfahren, ob die auf dem Titel versprochne Anzahl der Körbe richtig sei. Es ist der Ungewissheit so viel unter dem mond wie des Leidens. Obgleich der Verfasser alle Bücher, die von der deutschen Sprache handeln, sorgfältig nachgeschlagen und viele Gelehrtedicke und magerebefragt hat: so war doch nicht völlig gewiss zu erfahren, ob es ein Korb zu benennen sei, wenn eine Mannsperson die Hand einer Frau ausschlägt. Wofern nicht die deutsche Deputation der königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin etwas hierüber entscheiden sollte, möchten wir schwerlich hierin zur Gewissheit kommen. Denn auch die berühmte deutsche Gesellschaft in Mannheim, deren Entscheidungen Deutschland von Osten bis Westen sich so gehorsam unterwirft, hat in die vielen Bänden ihrer Schriften, die, wenn auch nicht an andern Eigenschaften, dennoch an Dicke und Klugheit, unserm Helden wohl am nächsten möchten zu vergleichen sein, hierüber noch nichts festgesetzt.

Sonst wagen wir noch, jede unserer günstigen Leserinnen zu bitten, sie wolle auf unsern Helden nicht etwa schon im voraus einen Unwillen werfen in der Meinung, er möchte die Hand eines Frauenzimmers verschmähet haben. Noch wissen wir dies nicht gewiss. Sollte er aber ja auch dieser Tat schuldig befunden werden: so bitten wir unsre schönen Leserinnen, ihn nicht ungehört zu verdammen; denn wir vermuten fast, er werde etwas zu seiner Verteidigung anzuführen haben.

Erster Abschnitt

Von der Familie und den nächsten Vorfahren Anselms

In des heiligen Römischen Reichs Stadt Aachen, die sich den königlichen Stuhl nennet, ungeachtet seit Jahrhunderten in der Stadt und dem ganzen Reiche von Aachen eben kein König sich zu setzen gelegenheit gehabt hat, wohnte ungefähr in der Mitte dieses achtzehnten Jahrhunderts Meister Anton Redlich, ein Tuchmacher, nebst seiner Frau Sabine. Er war fleissig und sparsam, sie war bieder, sparsam und ordentlich; so vermehrte sich seine Arbeit, weil jeder Kaufmann Meister Antons Tuch besser gearbeitet fand als andrer Meister.

Nun ist aber ein weises Gesetz in Aachen: ein Tuchmachermeister solle mehr nicht als auf vier Stühlen arbeiten und mehr nicht als vier Gesellen halten; ein Gesetz, welches ausdrücklich gemacht scheint, um die vielen Bettler, womit alle Strassen dieser Stadt so reichlich gesegnet sind, nicht zum Spinnen und Kämmen der Wolle kommen zu lassen. Ferner bestehet in Aachen ein andres Gesetz, welches den Protestanten nicht verstattet, ein eigenes Haus, noch weniger das Bürgerrecht zu haben. Eine solche Verordnung würde der philosophische Gesetzgeber Dohm nicht gegeben haben, der aber auch seine für die Stadt Aachen entworfene Konstitution im Jahre 1790 nicht einführen konnte; sie ist hingegen ein wesentlicher teil der katolischen Konstitution, welche der militärische Gesetzgeber Spinola im Jahre 1641 mit gutem Erfolge in Aachen wirklich einführte. Dergleichen Verbote sind auf den frommen Grundsatz gestellt: Nötige sie hereinzukommen. Es ist aber ein Beweis, wie sehr der Verstand der Protestanten, verlassen vom unfehlbaren Richter, verkehrt worden ist, dass sie solche Verbote gewöhnlich so verstehen, als wäre ihr Sinn: Nötige sie hinwegzugehen. Meister Anton und Frau Sabine hatten das Unglück, nicht zur alleinseligmachenden Kirche zu gehören, und waren beständig missvergnügt, dass immer für mehr als vier Stühle Arbeit da war und sie nur vier Stühle halten durften, dass sie ein eigenes Haus nötig hatten und es nicht zu besitzen berechtigt waren und dass sie zum Gottesdienste eine Stunde weges nach dem holländischen dorf Vaals gehen mussten. Daraus entstand endlich ganz natürlich der Gedanke, sich neben ihrer Kirche zu setzen. Meister Anton zog also nach Vaals, mit Frau Sabine und mit Leonoren, seiner unverheirateten Schwester. Er kaufte dort ein Häuschen, hatte mit keiner Zunft Streit, liess auf so viel Stühlen arbeiten, als er wollte, legte eine eigene Tuchschererei und Färberei an, welches ihm in Aachen auch nicht erlaubt gewesen wäre, und hatte nur zwanzig