Gesellschafterin in beständiger Fröhlichkeit zu erhalten. Die Stadt, wo das erste Nachtlager sein sollte, war an drei Meilen entfernt. Anselm fühlte sich so glücklich, dass er sogleich den Entschluss fasste, bis dahin mitzureiten. Es schien ihm nichts natürlicher, als in eben dem Gastofe einzukehren und beim Abendessen ihr Gesellschaft zu leisten. Er versprach sich mit dieser muntern Schönen den angenehmsten Abend. Da er, wie man schon weiss, etwas in Anlegung von Plänen getan hatte, so hielt er es heimlich für eine Möglichkeit, sie noch weiter zu begleiten, besonders wenn er, wie er zu veranlassen hoffte, eine Einladung bekäme, einen noch leeren Rücksitz im Wagen einzunehmen, den er aus verschiedenen Ursachen jetzt schon gern eingenommen hätte. Seine lebhafte Einbildungskraft stellte ihm vor, wie schön es sein würde, auf diese Art zwei oder drei Tage in ihrer Gesellschaft zuzubringen, sich in ihre Gunst noch fester zu setzen, vielleicht wegen seiner Hauptsache noch eine nähere Zusage von ihr zu erhalten, vielleicht bis zu ihren Eltern mitzureisen und seinen Antrag mündlich bei denselben auszurichten. Dabei schmeichelte er sich dann ganz heimlich, dass der Anblick seiner werten person ihm bei den Eltern eben nicht schaden würde, zumal da er in der Gunst der Tochter schon so weit vorwärts gekommen zu sein deutlich vermerkte. Dieser angenehme Gedanke liess ihn manche kleinen Beschwerlichkeiten seines Rittes nicht achten, so dass Wagen und Reiter unter beständiger gegenseitiger Unterhaltung ganz unvermerkt bis etwa eine halbe Meile vor der Stadt ankamen, wo die Gesellschaft heute bleiben sollte. Da begegnete ihnen ein einspänniges Fuhr werk. Aus demselben sprang ganz behende eine lange Figur, für einen jungen Mann fast zu ernstaft, aber von schönem Wuchs und mit feurigen Augen. Der Wagen hielt an. Der Ernstafte öffnete die Tür, und die fröhliche Jungfer Mariane flog in seine arme, heitere ungekünstelte Freude auf ihrem Gesicht. Unserm Anselm, der eben ein Bonmot sagen wollte, erstarb es auf den Lippen. Er fühlte sich verlegen. Wer war der lange Mann, der so herzlich empfangen ward? Ein Bruder doch wohl; denn für einen Vetter war der Empfang zu vertraut, da die Umarmung selbst für einen Bruder beinahe allzu feurig hätte scheinen mögen. Nach einigen Minuten riss die schöne Mariane unsern dicken Mann selbst aus seiner Ungewissheit. Sie redete den langen Mann an: »Hier sehen Sie, mein Lieber, den Herrn Doktor Redlich, einen geschickten Arzt und gefälligen Mann. Er ist so gütig gewesen, uns bis hierher zu begleiten. Ich und meine Cousine haben ihm viel Verbindlichkeit, dass er uns diese Reise über fünf Stunden lang durch seine Unterhaltung so angenehm gemacht hat.« – »Herr Doktor«, fuhr sie fort, indem sie den langen Mann an die Hand nahm und ihn küsste, »hier sehen Sie – damit Sie sich über meinen vertraulichen Empfang nicht etwa wundern – meinen Bräutigam! Ich hätte Ihnen eher sagen können« – fuhr sie mit der unbefangensten Miene fort – »dass ich einen Bräutigam habe; aber es war in Burscheid meinen Verwandten noch nicht deklariert – und dann«, setzte sie noch mit einigem Lächeln hinzu, »will ich nicht hoffen, dass allenfalls diese Nachricht, wenn ich sie dort hätte geben können, Ihre angenehme Begleitung bis hierher würde verhindert haben.«
Der lange Mann zu fuss machte dem dicken mann zu Pferde bei diesen Worten zwar eine höfliche Verbeugung; aber es schien beinahe, als ob sein ernstafter blick dabei noch ernstafter ward. Er half indes seiner Braut in den Wagen und nahm ohne weitere Frage den Rücksitz ein, auf den der arme Anselm schon so ausführlich gerechnet hatte. Des Bräutigams Kutscher setzte sich ins Kariol, und so fuhren sie fort. Aber unser armes dickes Männchen sah kaum etwas von allem, was vorging. Es flimmerte ihm vor den Augen, und er fühlte nun mit einmal nichts als alle Beschwerden seines unbequemen Rittes. Wäre das Pferd nicht mechanisch den schnell fortfahrenden Wagen nachgetrabt, so hätte er vielleicht einige Zeit, ohne sich zu besinnen, auf der Landstrasse gehalten. Indes, als er sich ein wenig besann, setzte er sein Pferd in Schritt und liess die Wagen fahren. Als er vors Tor kam, erinnerte er sich erst, dass er vergessen hatte zu fragen, wo seine gewesene Gesellschaft abtreten wollte; denn jetzt wünschte er, sie zu vermeiden. Er war aber so glücklich, den Gastof zu treffen, wo sie nicht eingekehrt waren. Er liess sich vom Pferde heben, denn absteigen konnte er nicht, und legte sich unverzüglich zu Bette. Er konnte aber wenig schlafen, teils wegen körperlicher Müdigkeit und Schmerzen, teils wegen der unruhigen Gedanken, die ihn unaufhörlich verfolgten. Den andern Morgen setzte er sich, ohne jemand zu sprechen, auf seinen Gaul und liess sich so langsam als möglich nach haus tragen. Unser armer dicker Mann, der zwar an geist sehr stark, aber körperliche Beschwerden zu ertragen nicht eben eingerichtet war, musste sich auf seinem hof wieder vom Pferde heben lassen; denn er empfand sehr viel Schmerzen einige Zolle unter einem Beine, welches die Anatomiker vielleicht deswegen das heilige genannt haben, um dicke Leute, die nicht reiten können, zu erinnern, es an heissen Tagen zu schonen. Solch kleines körperliches Ungemach war die einzige Folge seiner allzu schnellen Liebe.
Diesmal erfuhr niemand als der treue Philipp etwas von der wahren Beschaffenheit der Sache. Als sich Anselm nach einigen Tagen erholt hatte, sagte er zu ihm: »Aber gesteh