1794_Nicolai_128_27.txt

richtig zu würdigen. Er gab sich alle Mühe, sie zu finden, aber vergeblich. Er kannte die wirkliche Welt allzuwenig, indem ihm teils seine Eitelkeit, teils seine Einbildung und seine Philosophie, durch die er die Welt nach seinen Ideen formte, noch gar zu lieb waren.

Unser dicker Mann, nicht gewohnt widriger begebenheiten, ward ziemlich verdriesslich, welche Gemütsstimmung er wechselweise bald für Schwermut, bald für Philosophie hielt. Und doch war sie keines von beiden, sondern bloss die wirkung des Eigenwillens eines Männchens, das sich bisher immer selbst verzärtelt hatte und nun mit sich selbst und mit Gott und der natur schmollte, dass nicht alles nach seinem Sinne ging. Indes zog ihn nach wenig Wochen sein jovialisches Temperament, und vielleicht eben so sehr seine Liebe zu Zerstreuungen, nach und nach aus seinem eingebildeten Tiefsinne; und mit seiner frohen Laune kehrte auch seine Neigung zum schönen Geschlechte wieder zurück. Es klebte ihm freilich nun eine gewisse Schüchternheit an, um so mehr, da das so unvermutet erhaltene Körbchen nicht ganz verborgen bleiben konnte. Er schaute zwar, wie ehedem, fleissig unter den hübschen Mädchen herum, aber etwas furchtsamer; und er wagte es sobald nicht wieder, einen Antrag zu tun, weil ihm immer bange war, es möchte ihm der Tuchmacher aufgemutzt werden.

Indem seine Blödigkeit unter den Schönen in Aachen sich nicht recht umherzuschauen traute, zog ihn mit einmal ein fremder Stern, der an dem Horizonte von Burscheid hervorstieg, aus seinem Schlummer. In einem haus daselbst, wo er aus- und einging, hielt sich ein junges Frauenzimmer, Jungfer Mariane M., auf ihrer Durchreise nach einem etwa zwanzig Meilen entfernten Orte vierzehn Tage bei einer dort wohnenden Verwandtin auf. Ihre ausbündige Schönheit zog unsern Anselm an sich; und ihr froher Mut, ihre offenherzige Natürlichkeit und ihre angenehme Unterhaltung hielten ihn so fest, dass er, da kaum acht Tage vorbei waren, bei sich fest überzeugt war, durch sie könne ihm Jungfer Emerentia und noch mehr ersetzt werden. Sie tanzte wie ein Engel, war immer lustig und in witzigen Repartieen unerschöpflich. Es bedurfte bei ihm kaum acht Tage mehrern Umgangs, dass sich der Gedanke, eine so angenehme Gefährtin des Lebens für sich zu wählen, noch fester setzte; und er ergriff daher die erste gelegenheit, ihr einen förmlichen Antrag zu tun. Sie nahm ihn lächelnd an; sagte, auf einen Antrag dieser Art könne sie sich hier nicht erklären, da sie fremd sei und von ihren Eltern abhänge; dabei blieb sie freundlich wie vorher. Anselm, der hierin keine abschlägige Antwort sah, wollte seiner Sache gewisser sein und wagte es, mit Vorsicht und einigem Stammeln, auch seiner Geburt zu erwähnen. Aber sie sagte mit ungezwungener Freundlichkeit, dass weder sie noch die Ihrigen sich je an einem Umstand dieser Art stossen würden.

Wer war froher als Anselm? Als er nach haus kam, erzählte er ungesäumt seinem Freunde Philipp: Er habe einen Antrag getan und seine zweite Braut vernünftiger gefunden wie die erste; er verlangte, Philipps Meinung zu hören, und sagte ihm zugleich, er habe die grösste Hoffnung, dass die Sache gewiss zu stand kommen werde. »Was hilft«, sagte Philipp, »meine Meinung zu einer Sache, die schon geschehen ist

»Missbilligst du meinen Antrag? Oder was sagst du dazu

»Ich weiss nicht, ob ich ihn billigen oder missbilligen soll. Sehr schnell ist es von beiden Seiten; und du hattest dir vorher vorgenommen, nicht wieder schnell zuzufahren

Aber, dieses schon vergessenen Vorsatzes ungeachtet, war es gerade diese Geschwindigkeit, was Anselm nicht tadelhaft finden konnte; denn der Leser wird schon bemerkt haben, dass unser dicker Mann das, was er wollte, ganz wollte und seine Wünsche immer schleunigst in Gedanken erfüllt sah. Er schritt also auch jetzt zur Sache, entwarf ungesäumt einige Briefe an die Eltern seiner Braut und nahm sich vor, mit ihr über diese Korrespondenz zu sprechen. Er besuchte sie daher schon den folgenden Vormittag; aber, siehe da, es war ihr ein Wagen geschickt worden, mit welchem sie noch denselben Mittag abreisen sollte. Es war zu viel Gesellschaft und Unruhe im haus, als dass Anselm mit ihr allein sein, sie wegen dieser Sache, die ihnen beiden so wichtig war, sprechen und ihr die Entwürfe der Briefe zeigen konnte, ob sie ihren Beifall hätten. Er blieb da, bis man sich zu Tische setzte; denn er konnte das Gesicht nicht von ihr verwenden. Sie nahm zwar von ihm den freundlichsten Abschied und versicherte, sie hoffe nächstens zurückzukommen und dann vielleicht mehr seiner angenehmen Gesellschaft zu geniessen. Aber das war ihm nicht genug. Er konnte den Gedanken, von seiner Braut zu scheiden, gar nicht ertragen. Er liess also, ohne Philipp oder sonst jemand ein Wort zu sagen, ein Reitpferd kommen; und als der Wagen kaum hundert Schritte aus Burscheid heraus war, zeigte er sich schon am Wagen seiner Geliebten. Sie nahm diese Galanterie sehr wohl auf, war ausserordentlich munter und unterhielt sich mit ihm vom Wagen aus. Dies war in der Tat für sie etwas angenehmer als für ihn; denn er musste neben dem Wagen hertraben, und der Nachmittag war sehr heiss. Aber diese Ungemächlichkeit fühlte der verliebte Anselm nicht, sondern nur das Vergnügen, in die Augen der Schönen zu sehen; und er spornte seinen Witz an so wie sein Pferd, sie und ihre im Wagen sitzende