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gelehrter junger Mann; aber ich hätte nie gedacht, dass Sie den Gedanken zu einer solchen Verbindung hegen könnten, der, wenn er auch mit meinen Neigungen übereinkäme, unmöglich auszuführen ist. Sie sind der Sohn eines Tuchmachers, Herr Doktor; und Sie wissen, welchen Rang mein Vater hatte! Dies hätten Sie bedenken sollen, ehe Sie einen so unbedachtsamen Schritt taten

Anselm war vor ihr niedergefallen, aus brünstiger Liebe; und konnte nicht wieder aufstehen, aus grossem Schrecken: denn das übertraf alles, was er erwartet hatte.

Er stammelte: »Wie? Sollte es möglich sein? Emerentia könnte wirklich solche Vorurteile hegen

»Lieber Herr Doktorsagte Jungfer Emerentia ganz kalt, »es ist kein Vorurteil; es ist eine Tatsache, dass Sie der Sohn eines Tuchmachers sind

Hier gab die Indignation unserm Anselm einigen Mut. Er versetzte, doch noch immer stammelnd und knieend: »Ich bekenne meinen Irrtum! Ich hatte gedacht, Ihre Philosophie wäre so stark, dass Torheiten und Vorurteile des gemeinen Lebens über Sie keine Macht hätten

»Sie sind in der Tat im Irrtume, Herr Doktor! Wenn ein Vorurteil allgemein für Richtschnur im gemeinen Leben gilt, so ist der mehr als töricht, der es bloss zu seinem Vorteile für Torheit erklären will. Seine angemasste Philosophie ist dann nichts als Dünkel und Eigennutz. A propos von Philosophie! Nehmen Sie den Rat einer guten Freundin an. Sie sprechen gern von philosophischen Dingen, aber, wie es mir scheint, bloss, weil Sie sich selbst gern sprechen hören. Sie sind wirklich ein ganz artiger junger Mann; aber Sie werden viel besser zu leiden sein, wenn Sie sich von dieser kleinen Schwachheit heilen können. Ich weiss nicht, ob Sie sich erinnern, was ich gestern von der Mässigung der Meinung von uns selbst sagte. Das galt Sie! Ich glaubte um so viel mehr, Sie hätten mich verstanden, da Sie ganz meiner Meinung Beifall gaben. Um desto weniger hätte ich den heutigen Antrag von Ihnen erwartet. Indes ist es vermutlich nur eine kleine Übereilung. Ich habe darüber keine Rancüne, sondern werde demungeachtet immer Ihre gute Freundin bleiben. Nur heute bin ich bei dem Herrn Hofrat *** zum Spiele und Abendessen engagiert. Ich muss mich frisieren lassen. Verzeihen Sie also, dass ich Sie verlasse –«. Sie machte ihm einen tiefen Knicks und ging fort.

Anselm stand wie angenagelt einige Minuten da, ohne sich besinnen zu können. Als er endlich sich entfernen musste, ging er vier Strassen langsam durch, ehe er sich entschliessen konnte, in den Wagen zu steigen, weil er sich fürchtete, seinem Philipp in die Augen zu sehen.

Vierzehnter Abschnitt

Zweiter Versuch Doktor Anselms, seine Kenntnis des Frauenzimmers praktisch zu zeigen, und dessen Folgen

Dass Anselm der Jungfer Emerentia weiter keinen Besuch machte, ist leicht zu erachten. Es hätte sich auch nicht wohl tun lassen; denn der Herr Hofrat *** hatte ebendenselben Nachmittag die schon langeohne, dass unser dicker Mann es geahnt hatteim Werke seiende Heirat der Jungfer Emerentia mit einem jungen, am Körper sehr feinen und an geist sehr derben Junker zu stand gebracht. Besagter Junker hatte einen stattlichen fürstlichen Titel, ferner sechzehn volle Ahnen und wirklich mit Tuchmachern und Tuchhändlern weiter nichts zu tun, als dass er solcher Art Leuten eine ziemliche Summe schuldig war. Da aber diese Summe, nebst andern Schulden, acht Tage nach der Vermählung aus dem Vermögen der neuen gnädigen Frau bezahlt wurde, so hatte sie auf das häusliche gute Vernehmen so wenig Einfluss als der derbe Geist des Herrn von *** auf die Philosophie der Frau von ***, die sich immer noch in vielen Gesprächen zeigte. Vielleicht veranlasste ihr Gefallen daran, dass sie nach Monatsfrist wirklich dem Herrn Dr. Anselm die Gnade tat, ihn zur Mittagstafel einladen zu lassen, welches der Starrkopf abschlug.

Unser guter dicker Mann ward ganz hypochondrisch, dass die Jungfer Emerentia nicht seine Frau geworden war. Doch liess er sich darüber von Philipp leicht trösten; denn er sah nun selbst wohl ein, wie sehr er sich in dem Charakter dieses Frauenzimmers geirrt hatte. Aber durch den Makel seiner Geburt ward er aufs tiefste gebeugt. Er hatte auf denselben noch nie sein Auge gerichtet; auch hatte sich seine Philosophie nie vorgestellt, dass im Jahr Eintausendsiebenhundertundachtzig, wo seiner Meinung nach die Aufklärung so gewaltige Fortschritte gemacht hatte, irgendein vernünftiges Wesen solche Geburt für einen Makel halten könnte. Bisher war ihm sein Vater, der durch Fleiss und Ordnung sich selbst aus dem Staube gehoben und es bis dahin gebracht hatte, so viele Menschen zu ernähren und so vielen Menschen wohlzutun, als der verehrungswürdigste Mann vorgekommen; und er hatte geglaubt, in diesem Lichte müsse sein Vater jedermann erscheinen. Er änderte auch desfalls seine Meinung nicht; aber, aller seiner Philosophie ungeachtet, empfand er den Sinn von Philipps, ohne alle Philosophie, bloss aus Erfahrung gemachter Bemerkung, dass derjenige, der sich aus dem stand der Gleichheit in eine untere Klasse versetzt sieht, manche Dinge anders ansehen muss, als der auf gleicher Linie oder höher steht. Fast mehr noch empfand er aber die bittere Bemerkung der Jungfer [Fussnote] über seine Philosophie, bitterer umsomehr, da sein gesunder Verstand dunkel darin etwas Treffendes fühlte. Er ahnete einigermassen, dass seine Philosophie nicht für die Welt sei und dass es wohl noch eine andere Philosophie geben möge, welche dient, die Dinge in der Welt richtig zu betrachten und