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erwärmte, dass er die schöne Emerentia als ein überirdisches Wesen ansah. Und mit diesem überirdischen Wesen sein Leben zuzubringen, – welche Aussicht! Welche vollkommene Erfüllung seines Plans, beständig glücklich, und nun mit der reifsten vorherbestimmten Überlegung, beständig glücklich zu sein!

Gegen Philipp hatte das Vertrauen unsers Anselms seit geraumer Zeit mit Rechte so sehr zugenommen, dass dieser mehr sein Freund als sein Untergebener war. Anselm konnte über dem Gedanken, mit Jungfer Emerentia das Glück seines Lebens zu teilen, keine Nacht mehr schlafen. So weit er herumsann, fand er an ihr alle Eigenschaften einer vortrefflichen Frau und keinen einzigen Tadel. Doch wollte er, als ein nunmehr weise gewordener Mann, den wichtigsten Schritt seines Lebens nicht ohne die genaueste Überlegung tun. Er entdeckte demnach zuletzt seine Absicht seinem Freunde Philipp und fragte ihn um Rat. Wir nennen dies so, weil es im gemeinen Leben so genannt wird, wenn man jemand in Form über dasjenige fragt, was man zu tun schon entschlossen ist. Dies war hier auch der Fall. Denn es schien unserm dicken mann unmöglich, länger ein so grosses Glück zu verschieben, das er so nahe vor sich sah.

Philipp, wie wir schon wissen, liebte Anselmen, dem er soviel zu danken hatte, beobachtete ihn in der Stille, konnte aber, wie wir ebenfalls wissen, seine Betrachtungen bei sich behalten, wenn er nicht gefragt ward. Er hatte längst bei allen Gelegenheiten auf Jungfer Emerentia genau Acht gegeben, weil er die grosse Neigung Anselms merkte und sie innerlich nicht ganz billigte. Da ihn nun Anselm befragte, teilte er ihm seine kalten Beobachtungen mit, wo freilich manches in ein ganz anderes Licht gesetzt ward, als es dem warmen Liebhaber erschien. Anselm hörte aufmerksam und mit Kopfschütteln zu, bis Philipp seinen Verdacht äusserte: Jungfer Emerentia möge wohl stolz sein; und ihm scheine eine stolze Frau für niemand, am wenigstens aber für Anselm, eine gute Gefährtin des Lebens sein zu können.

Hier fuhr Anselm auf und rief: »Mein lieber Philipp, da hast du nun gewiss ganz unrecht! Wie könnte diese edle, diese von Vorurteilen so freie Seele stolz sein

Philipp, versetzte: »Du kannst an ihr vielleicht nicht so beurteilen, was Stolz ist, weil du ganz im gleichen stand mit ihr umgehst. Wer in der niedern Klasse steht, bemerkt genauer, wann sich jemand erhebt; er fühlt gewisse kleine Züge, welche grosse innere Ursachen hinter sich haben müssen, und schliesst daraus auf den Charakter.« »Nein, lieber Philipp, da bist du wirklich ganz irrig! Ich wünschte, du hättest unser gestriges Gespräch von Überwindung der Vorurteile, von Mässigung der Meinung von uns selbst hören können. Da hättest du vernommen, wie weit diese erhabene Seele entfernt ist, niedrige Einbildungen zu hegen oder sich selbst über die Gebühr zu schätzen

»Ja! was sie spricht, weiss ich nicht; ich habe nur aus einigen kleinen Zügen in ihren Handlungen so geurteilt; ich kann mich irren

»Wahrlichrief Anselm aus, »du irrst« – und ergoss sich so im Lobe der edlen Emerentia, dass Philipp merkte, wie es mit der Sache war und unnötig fand, etwas weiter hinzuzufügen. Anselm aber erwärmte sich so sehr durch ihr Lob, dass er weiter nicht säumen wollte, sondern gleich denselben Nachmittag nach Aachen fuhr, um die edle weibliche Seele zu besuchen, die das Glück seines Lebens machen sollte.

Nach wenigen gleichgültigen Unterhaltungen fing er an, das Eis zu brechen, bezeugte seine innige Verehrung gegen alle ihre vortrefflichen Eigenschaften; und ziemlich schnell ging er zu einer förmlichen Liebeserklärung und zu dem Wunsche über, sie zur glücklichen Gefährtin seines Lebens zu haben, wobei er sie bat, durch ihr Beistimmen sein Glück zu gründen.

Jungfer Emerentia lächelte sanft und sagte: Er täte ihr viel Ehre, sie müsse allerdings stolz darauf sein, die Eroberung eines so schönen Geistes und artigen Mannes gemacht zu haben; indes sei der Antrag zu wichtig, um ihn nicht noch reifer zu überlegen.

Anselm, voll Feuer, erwiderte: Allerdings sei es für ihn sehr wichtig, es betreffe das einzige Glück seines Lebens, daher er sie beschwöre, die Erfüllung seines Wunsches nicht gar zu lange auszusetzen.

Jungfer Emerentia antwortete lächelnd: »Der Antrag ist mir so unerwartet, dass ich freilich nicht gleich zu dessen Beantwortung die rechte Wendung finden kann

»Unerwartetsagte Doktor Anselm etwas kleinlaut. »Ich hätte gehofft, dass meine Aufmerksamkeit auf Sie, schöne Emerentia, etwas von meinen Empfindungen für Sie verraten hätte

»O! ich habe Sie immer für einen ganz feinen und galanten jungen Mann gehalten, habe aber nicht geglaubt, dass Sie mich so hoch beehren wollten. Lassen Sie es gut sein. Wir wollen beide die Sache näher überlegen; vielleicht finden Sie bei reiferm Nachdenken einige Schwierigkeiten, und – »Teureste Emerentia! Welche Schwierigkeiten könnten es sein? Mein Glück liegt zu Ihren Füssen; ich lebe und webe nur in Ihnen, –« und hiermit kniete er zu ihren Füssen und griff nach ihrer Hand, die sie zurückzog.

»Teureste Emerentia? – Teureste Emerentia? – Stehen Sie auf, Herr Doktor! Sie müssen nicht Szenen machen. – Teureste Emerentia! Das klingt sehr vertraulich. Diese Ihre unerwartete Vertraulichkeit nötigt mich, damit kein Missverständnis entstehe, Ihnen lieber gleich meine Meinung deutlich zu sagen. Sie sind ein artiger