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dass er als ein Tor handle, bei seinem Vorhaben der Besserung seine Lieblingsneigung, die ihn eigentlich recht zum Toren macht, gewöhnlich ganz unberührt und wendet seine Strenge nur gegen diejenige Torheit an, die ihm selbst nicht mehr gefällt oder die er nicht mehr tun kann.

So auch unser dicker Mann. Als er einigen lustigen Brüdern und zärtlich-gefälligen Schönen entsagte, von denen er geprellt und nachher ausgelacht worden war, meinte er, dadurch schon seine Weisheit und Vorsicht ganz festgesetzt zu haben, und unterliess nicht, seiner Klugheit ein Kompliment zu machen, indem er es ihr zuschrieb, dass er nicht noch unweiser gehandelt und noch mehr verloren habe. Er beredete sich, schon längst gewusst und gedacht zu haben, dass noch mehr zum Glücke des Ehestandes erfordert werde als Schönheit. Auch wollte er schon längst bemerkt haben, dass, wenn etwa seine künftige Frau einige von den Eigenschaften besässe, die er jetzt erst an einigen Frauenzimmern entdeckte, welche er auf ihr schönes Gesicht und auf ihre anfänglich gezeigten empfindsamen Gesinnungen für Zierden ihres Geschlechts gehalten hatte, dennoch sein häusliches Glück nicht sehr feste stehen möchte. Er fing nun an, in seiner Einbildungskraft, die immer seine treueste Ratgeberin blieb, sich ein ganz neues und viel herrlicher ausgemaltes Bild von seiner künftigen Gattin zu entwerfen. Er stattete sie, ausser der Schönheit, in Gedanken noch mit so vielen andern vortrefflichen Eigenschaften aus, dass er, wenn er sie zusammenrechnete, bei seiner reifen Einsicht zuweilen selbst zu zweifeln anfing, ob er sie auch bei einem einzigen Frauenzimmer zusammen finden möchte. Desto behutsamer beschloss er zu sein und die Frauenzimmer, die ihm gefielen, erst genauer zu beobachten, ehe er mit ihnen nähere Bekanntschaft machte, und sie sorgfältig zu prüfen, ehe er einen Antrag täte, alsdann aber auch, nach so strenger Überlegung, die Sache bald zu stand zu bringen. Dass er, selbst bei dem schönsten und besten Mädchen, etwa nicht Gegenliebe finden möchte, darüber fiel ihm niemals der geringste Zweifel ein. Denn nicht nur hatte er seine künftige Geliebte mit einer guten Portion zärtlicher Gesinnungen ausgestattet, sondern er sah sich auch wie das grosse Los in der Lotterie an, nach welchem jeder greifen wird, dem es zufällt. Er wusste ja, welch ein wohlgebildetes, reiches und rundes Kerlchen er war. Der geneigte Leser wird gebeten, unserm dicken mann dies nicht zu einer unverzeihlichen Eitelkeit auszulegen. Denn fast alle reichen und gesunden Kerlchen denken ebenso und bringen oft das bisschen Schönheit und Weisheit, welches sie etwa besitzen, nicht einmal mit in Anschlag.

Dreizehnter Abschnitt

Erster Versuch Doktor Anselms, seine Kenntnis der Frauenzimmer praktisch zu zeigen

Es hatte in Aachen schon einige Zeit die Tochter eines verstorbenen Hofrats eines Fürsten im Reiche gewohnt. Anselm erblickte sie zufällig in einem Konzerte, das, gleich bei der Eröffnung der vollen Kurzeit in Aachen, einer von den tausend Deutschland unaufhörlich durchreisenden berühmten Virtuosen gab, von denen noch niemand hat reden hören, bis sie die Billette zu ihrem Konzerte herumschicken. Diese Schöne machte auf Anselm eine sehr grosse Sensation, deren Wirkungen noch fortdauerten, als der erste Eindruck längst vorüber war. Seine sorgfältigen Erkundigungen nach ihr mussten notwendig das Verlangen zu einem nähern Umgange erregen. Sie wohnte im haus ihres Vormundes, des Hofrats [R2]. Ihre Schönheit, Sittsamkeit und Jugend, nebst einem grossen Vermögen, von dessen Einkommen sie völlig Herr war, weil ihr Vormund, nach dem Willen ihres verstorbnen Vaters, hierin und in der Wahl eines Gatten ihr vollkommene Freiheit liess, waren ihre geringsten Vorzüge. Sie besass einen durchdringenden Verstand, einen lebhaften Witz, Kenntnisse in den Wissenschaften, wie man sie von einem Frauenzimmer kaum verlangen kann, und Talente, wie man sie selten findet. Sie sang wie ein Engel, sie spielte Klavier und Harfe, sie zeichnete, sie stickte. Wie hätte Anselm bei so vielen Vorzügen gleichgültig bleiben können? Er suchte mit Eifer Zutritt in ihr Haus und erhielt ihn. Ungeachtet sie eher etwas zurückhaltend war und sonst neuen Umgang eben nicht anzuknüpfen pflegte, so schien sie sich doch in Dr. Anselms Gesellschaft zu gefallen und ihn, von der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft an, vorzüglich von andern zu unterscheiden. Anselm besuchte sie nun so oft es möglich war, weil er auch in ihrer Gesellschaft ein ausserordentliches Vergnügen fand; und sie nahm dieses so wohl auf, dass sie ihn sogar einmal in Vaals wieder besuchte. Beide trafen auf so vielen Seiten in ihren Gesinnungen und Empfindungen zusammen, dass sie sich leicht wechselseitig gefallen konnten. Man kann denken, dass Anselm die Verse nicht werde gespart haben; denn Jungfer Emerentia war eine Kennerin von Gedichten. Was ihn aber noch mehr an ihre Unterhaltung fesselte, waren ihre wissenschaftlichen und philosophischen Unterhaltungen, welche, wie schon bekannt, unsers dicken Mannes Lieblingsfach ausmachten. Jungfer Emerentia liebte sehr die Untersuchungen über Gott, Welt, das Universum und die Substanzen. Dabei konnte der gute Anselm auskramen, was er am liebsten auskramte. Sie hörte ihm aufmerksam zu, antwortete so, dass zu sehen war, sie begreife, was gesagt ward, und nehme Anteil. Unvermerkt stieg dann die sanfte weibliche Seele vom Empyreum auf unsere Erde hernieder; und nun sprachen sie von den Pflichten der Menschen in der wirklichen Welt, von Edelmut, Wohltätigkeit, Menschenliebe und Aufklärung, welches unserm Anselm, der bei seinen mancherlei kleinen Torheiten eine gutmütige Seele war und gern, ohne viele Mühe, das ganze menschliche Geschlecht glücklich gemacht hätte, das Herz so