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Pläne, die er vorher schon gemacht hatte, gingen ihm nun aufs Lebhafteste wieder durch den Kopf. Alle vereinigten sich in dem Hauptplane, beständig glücklich zu sein. Der nächste Weg dazu würde freilich gewesen sein, beständig klug zu handeln. Dies hielt auch Anselm bei den Geisteskräften, mit denen er sich begabt fühlte, für sehr leicht. Da es aber sogar dem weisen Memnon misslang, so wird auch der geneigte Leser schon mit unserm dicken mann einige Nachsicht haben, im Falle sich irgendeinmal finden sollte, dass seine Klugheit nicht bewährt genug gewesen wäre.

Wir haben oben schon bemerkt, dass unter den mancherlei heitern Bildern, mit welchen Anselms Einbildungskraft immer beschäftigt war, das schönste Gemälde von häuslichem Glücke eine vorzügliche Stelle einnahm. Er glaubte also, jetzt wäre die rechte Zeit, eine Frau zu nehmen, und zwar eine schöne Frau; Liebe zum Reichtume oder zu grosser Ehre kam nicht in seinen Sinn. Er wollte nur sein Leben mit einer schönen Seele, die in einem schönen Körper wohnte, wie einen sanften Bach, der zwischen blühenden Gebüschen über glatte Kiesel herabrollt, dahinfliessen lassen. Was er in Vaals und in Burscheid an Mädchen fand, schien ihm zu gemein, zu bürgerlich, zu wenig hervorstechend. Er wandte also seine Augen nach Aachen, in welcher Stadt damals ein ausgezeichneter Vorrat an jungen schönen Püppchen war und vermutlich noch ist. Er durfte nur die Blicke umherwerfen, so sah er, was sein Herz labte. Da aber unser dicker Mann, wie der Leser schon mehrmal wird bemerkt haben, nicht bloss sinnlich dachte, sondern in die Geheimnisse der höhern Philosophie eingeweihet war: so hielt er die äusserliche Schönheit zwar für eine notwendige Bedingung, ohne die er sein Herz nicht weggeben konnte, aber nicht für die einzige. Er wusste, wie schön er selbst war; und deshalb konnte er seinen künftigen Kindern nicht das Unrecht tun, sie nicht von einer schönen Mutter gebären zu lassen, aber er bemerkte auch in Gedanken, dass seine künftigen Kinder noch mehr als

100 bloss schön sein müssten, wenn sie ihrem Vater ganz gleichen sollten.

Von diesem allen ward er noch mehr überzeugt, da seine Philosophie, welche durch lange Spekulation schon einen grossen Grad der Stärke erlangt hatte, seit kurzem noch durch eine ziemliche Kenntnis der Welt, unter andern bei gelegenheit der beiden langen Herren in Aachen, war verstärkt worden.

Er fühlte nun, nach seines Vaters tod, das unbeschreibliche Vergnügen, sein eigener Herr zu sein und bloss von sich selbst abzuhängen. Seine öftern Reisen nach Aachen hatten zwar einen wichtigen Zweck, aus der Menge der dortigen Schönen sich eine Frau zu suchen. Aber ein Nebenzweck war auch, seine Unabhängigkeit zu geniessen und das Vergnügen, das ihm auf allen Seiten entgegenströmte, mit vollen Zügen in sich zu schlürfen. Wenn er selbst nicht dazu so viel Neigung gehabt hätte, so würden ihn andere dazu gebracht haben. So gewiss sich auf einem faulen Baume Würmer finden, sich von seiner Zerstörung zu nähren, so gewiss finden sich zu einem reichen oder auch nur wohlhabenden jungen Menschen betriebsame Personen, welche auf sein Geld mancherlei Ansprüche zu haben meinen. Sie nehmen alle Gestalten an: sie studieren seine Schwäche, die ihre Stärke werden muss, sie sind unterhaltend, angenehm, widersprechen nicht und wissen der Schmeichelei oft ein solches Ansehn der Wahrheit zu geben, dass wohl klügere Leute könnten dadurch betrogen werden als junge reiche Burschen, die nach Vergnügen dürsten und das Geld nicht achten. Solchen lustigen Brüdern ward denn unser dicker Mann auch zur Beute und um so viel leichter, je sorgloser er vermöge seiner unerfahrnen Gutmütigkeit und eingebildeten Klugheit in ihre Netze lief. Er fiel in alle die Gruben, in die gewöhnlich reiche Jünglinge fallen. Er verlor Zeit, er verlor Geld und bei gesetzten Leuten Ehre. Er lernte, dass es falsche Freunde gäbe und so schlaue, dass sogar er könne von ihnen betrogen werden. Er lernte, dass Schönheit bei manchem Frauenzimmer oft nichts mehr ist als ein herrlich angemalter Weinkranz an einem haus, worin man sehr mittelmässigen Wein trinkt.

Er lernte dies alles; machte auch zuweilen, wenn er nicht guter Laune war, ganz artige moralische Betrachtungen darüber, aber weiter hatte er keinen Nutzen davon. Mit aller seiner vielen Philosophie und Moral blieben alle seine Torheiten, wie sie vorher waren. Nachdem ihn Philipp daran erinnert hatte, konnte er sich selbst nicht verhehlen, dass sein oftmaliger Aufentalt in Aachen, dessen eigentlicher Zweck sein sollte, sich eine Frau zu suchen, um das höchste häusliche Glück in Vollkommenheit zu geniessen, ihm nur gelegenheit gab, lauter Dinge vorzunehmen, welche offenbar vom häuslichen Glücke weit abführten. Dennoch aber war er täglich da und handelte so unklug wie vorher; denn Müssiggang, Zerstreuung und sinnliche Ergötzungen hatten über ihn eine unwiderstehliche Gewalt.

Von falschen Vergnügungen gesättigt und durch plumpen Betrug gedemütigt, fing er bisweilen an, über die Eitelkeit der Freuden der Welt ganz artig zu philosophieren, auch wohl den Entschluss zu fassen, künftig weiser und vorsichtiger zu sein. Es geht aber oft den Jünglingen, die sich bessern wollen, wie den Menschen, welche auf sympatetische Kuren ihr Vertrauen setzen. Wenn diese einen bösen Schaden am Beine haben, so soll er dadurch geheilt werden, dass sie ein Schemelbein brennen oder verbinden lassen: eine bequeme Kur, welche ihrem eigenen lieben Beine Schmerzen ersparet, wodurch es aber auch nicht besser wird. Ebenso lässt der Jüngling, der es sich selbst insgeheim gestehen muss,