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, kamen so viele, dass sie ihm lästig wurden. Er hatte sich über Gott und die menschliche Seele stumpf gesonnen, und wenn er ein Gedicht machen wollte, konnte er weder Reim noch Gedanken finden. Kurz, es war einer der Zeitpunkte, dergleichen er oft hatte, wo er nicht recht wusste, was er wollte; und so fiel ihm ein, auch einmal einen blick auf die Manufaktur zu wenden, um zu wissen, wie es darin aussähe. Er ging die verschiedenen arbeiten derselben von Anfang an durch und begriff erst kaum, dass ihrer soviel sein könnten und dass der Rock, den er trug, wenigstens dreissigerlei arbeiten erforderte, bis er ein Rock würde. Seine Neigung für alles Neue gab diesen Dingen bald sehr viel Anziehendes für ihn, so dass er sich einige Wochen lang unermüdet auf den Wollenböden, unter den Spinnmaschinen, bei den Weberstühlen, bei den Pressen und Kalandern und in den Färbereien herumtrieb. Allein seine sehr gute Meinung von sich selbst liess ihn auch bald heimlich bei sich glauben, er könne einen grossen teil dieser Sachen viel vorteilhafter einrichten und viele Fehler, die er allentalben zu entdecken vermeinte, verbessern. Er fasste daher plötzlich den Entschluss, die Arzneikunst ganz bei Seite zu legen und ein Wollenfabrikant zu werden. Seine Eitelkeit unterliess nicht, seinem Vater es so vorzustellen, als brächte er ihm hierdurch ein Opfer, wobei freilich der Vater nicht wusste, ob er sich wirklich freuen sollte. Anselm sagte aber laut: Nun solle jedermann sehen, dass er einer nützlichen Tätigkeit fähig sei und mit Eifer arbeiten könne. Er hatte auf der Universität unter der Menge Sachen, die er sich zu lernen vornahm, auch Kollegien über die Technologie und über das doppelte Buchhalten gehört; er vermeinte also, sehr gute Kenntnisse von Manufakturen und von Handlungssachen zu besitzen. Es ist aber ungewiss, ob etwa durch die spekulative Philosophie, welche unser dicker Mann auf der Universität zur Hauptsache gemacht hatte, die Technologie war verderbt worden, oder ob etwa ein Kollegium über die Technologie nicht praktische Kenntnisse geben mag, oder was sonst die Ursache gewesen ist, dass die Manufaktur nicht besser ward, seitdem er sich damit befasste. Er wollte alles gründlicher wissen, alles anders einrichten. Diese neuen Einrichtungen fing er mit grosser Lebhaftigkeit an, ward aber bald träge, arbeitete ruckweise mit vielem Eifer und blieb dann wieder tagelang von den Arbeitern und von der Schreibstube weg. Er begann viel und machte nichts fertig, und was er machte, selten zu der Zeit, wenn es gemacht werden musste. Kurz, er brachte durch seine Gelehrsamkeit so viele Unordnung in die Manufaktur, dass Philipp mit seiner Ungelehrsamkeit durch die grösste Mühe kaum wieder alles in Ordnung bringen konnte.

Unser dicker Mann keuchte zwar unter der schweren Arbeit, die er sich selbst aufgelegt hatte, und rühmte gegen jedermann, wie sauer ihm das werde, was er nun für die Manufaktur tue; es ward ihm aber nicht Zeit gelassen, auch dieser neuen Beschäftigung, so wie der vorigen, überdrüssig zu werden. Meister Anton, schon lange schwächlich, fiel in eine schwere Krankheit. Dr. Anselm hatte so viele Selbstkenntnis, dass er es nicht unternehmen wollte, ihn zu kurieren. Aber auch ein alter erfahrner Arzt konnte es nicht. Meister Anton starb alt und lebenssatt, voll Liebe gegen seinen Sohn, aber voll Bedauern, dass sein lieber Sohn sich zu allem, was er unternahm, so verkehrt anstellte.

Zwölfter Abschnitt

Fernere Taten Doktor Anselms in der ganzen Fülle seiner Jugendkraft und Tätigkeit

Anselm war der einzige Sohn und also der einzige Erbe eines beträchtlichen Vermögens, das er aber, da er in allen Weltändeln mehr zu zählen als zu rechnen pflegte, für sehr viel ansehnlicher hielt, als es war; zumal da sich fand, dass er auf seine künftige unerschöpflich geglaubte Erbschaft schon seit einiger Zeit beträchtliche Schulden gemacht hatte.

Er war nun sein eigener Herr, besass Vermögen und traute sich nicht wenig Geschicklichkeit zu, es zu verwalten. Er sah wohl aus und befand sich wohl an Geist und Körper. Auf seine geistigen Vorzüge setzte er keinen geringen Wert. Er fand sich gelehrt und witzig, und, was er mehr als alles schätzte: er fand sich voll philosophischer Einsichten, die er überflüssig hinlänglich hielt, um ihn in allen verschiedenen Lagen des Lebens aufs Weiseste zu leiten. Seine Kenntnis der Arzneikunde und sein Doktordiplom waren seiner Meinung nach auch nicht zu verachten; denn sie gaben ihm einen Stand in der Welt, während seine Handlungsgeschäfte ihm Reichtum geben sollten. Seine Philosophie hatte ihn zwar längst das Geld, dieses elende Ding, verachten gelehrt; seine Liebe zum Vergnügen hatte ihn aber wieder gegen den Besitz der edlen Metalle ziemlich tolerant gemacht: daher er auch beschloss, die Handlungsgeschäfte zu seinem Hauptgegenstande zu machen. Seine Manufaktur und sein Hauswesen waren im besten stand; und er traute sich Kräfte zu, beide noch auf einen viel bessern Fuss zu setzen. Denn er hielt für ausgemacht, dass die Veränderungen, die er in kurzer Zeit bei der Manufaktur gemacht hatte, derselben grosse Vorteile brächten. Ob nun gleich Philipp anderer Meinung war und es zuweilen auch wohl merken liess, so hatte er doch wider ihn sehr viele Gründe anzuführen, wobei Philipp zu schweigen für gut fand, welches ihm so angerechnet ward, als ob er überzeugt sein müsste.

Es lachte jetzt unsern dicken Mann alles an, und seine Einbildungskraft war voll der heitersten Aussichten, sein Leben froh zu geniessen. Alle schönen