1794_Nicolai_128_21.txt

deiner Doktorschaft so viel wie nichts

»Aber rechnen Sie denn für Nichts, dass ich so viele Wissenschaften studiert habe und mich der Philosophie ergebe und die Ontologie und die Psychologie studiere

»Ich weiss nicht, was das ist und für wen du das studierst

»Für mich selbst! Ich habe mich selbst und meine Seele kennen lernen, und täglich entdecke ich neue Kräfte in derselben

»Du weisst also viel von dir selbst, oder dünkst dich viel zu wissen; und doch scheint es mir, wenn du dich selbst kenntest, so würdest du anders handeln, als du handelst. Doch wisse immer von dir selbst, so viel du willst. Es ist auch nötig, dass du weisst, was dich andere Leute angehn, damit du in der Welt fortkommst und auch andern nützlich wirst

»Ich denke zuerst an mich; und das mag jeder tun! Was gehen mich die andern an

»Auch ich nichts

»Lieber Vater, das will ich nicht sagenSie wissen ja wohlich liebe Sieaber ...«

»Aber siehe nun, mein Sohn, hätte ich auch so denken wollen wie du und hätte nur an mich gedacht: so wärest du nicht mit so viel Kosten Doktor geworden; und wenn ich jetzt noch so dächte wie du, so könntest du jetzt nicht so viel Geld im Müssiggange verschwenden. Es ist ein herrlicher Spruch in der Bibel: Was du nicht willst, dass dir die Leute tun sollen, das tue du ihnen auch nicht. Wenn du, mein lieber Sohn, dich um niemand bekümmern willst, so wird sich künftig auch niemand um dich bekümmern! Dann wird es dir übel gehen; denn kein Mensch kann einzeln glücklich leben

»Aber Sie tun mir Unrecht, lieber Vater, hab ich denn nicht freiwillig angefangen, die armen Kranken zu kurieren

»Angefangen! – Das war recht gesagt, mein Sohn; denn du fingst nur an und hörtest gleich wieder auf; das ist es eben, was mir leid tut. Ich weiss wohl, du hast manches Gute. Du kommst mir vor, wie ein Pack gut gekämmte Spanische Wolle oder fein gesponnenes Garn. Es könnte vielerlei schönes Zeug daraus gemacht werden. Wenn aber nicht wirklich etwas daraus gemacht wird, so wirds jahrelang auf dem Garnboden hin- und hergeworfen, verliegt, wird schmutzig und ist dann zum schlechten Zeuge nicht einmal tauglich. Sieh zu, dass es mit dir nicht auch so geht

Anselm hatte sehr viel zu seiner Verteidigung zu sagen. Meister Anton war nicht gelehrt genug, ihm zu antworten, und so glaubte Anselm, Recht zu behalten. Er ging in seiner bisherigen Lebensart fort, fasste gute Entschlüsse, die er nie ausführte, machte Teorien, die nie praktisch wurden, kam von einem aufs andere, bloss wie es ihm einfiel oder ihm eben Vergnügen machte, war Arzt, Dichter, Philosoph, weiser Mann, abwechselnd und ruckweise, und im grund keins von allem. Er wusste alles besser wie andere, wollte alles tun und tat nichts. Er suchte nur, seinen Willen zu haben und nach seiner Bequemlichkeit die Art seines Müssigganges zu wählen und abzuwechseln; und das hiess er, sein Vergnügen suchen. Denn schon fing er an zu fühlen, dass ein beständiges sinnliches Vergnügen einförmig wird und aufhört, Vergnügen zu sein.

Elfter Abschnitt

Wie Philipp und Doktor Anselm miteinander wetteifern

Während dass der feurige Anselm in seiner unruhigen Untätigkeit von einem gegenstand zum andern forttaumelte und weder sich selbst noch andern nützte, hatte sich der kalte Philipp nach und nach in eine ruhige und nützliche Tätigkeit gesetzt. Er war gewohnt, immer fleissig zu sein. Er hatte auf dem Philantropin und auf der Universität seine Zeit nützlich zugebracht. Es ist wahr, er hatte sich nicht, so wie Anselm, in die Tiefen der spekulativen Philosophie versenkt. Aber er hatte aus den Repetitionen anderer Kollegien, die für ihn um so lehrreicher wurden, je mehr Anselm davon versäumte, eine Menge nützlicher Dinge gelernt. Er hielt sich verpflichtet, dem haus dankbar zu sein, wo er in so bedrängten Umständen aufgenommen und so wohl war beraten worden.

Ohne auf Befehl zu warten, nahm er sich freiwillig und mit Eifer aller Geschäfte an, die in der Manufaktur und in der Schreibstube vorfielen. Er schrieb eine schöne Hand, war in allen Arten von Rechnungen erfahren, hatte einen fähigen Kopf, um bald die wahre Art zu fassen, wie Geschäfte betrieben werden mussten, die ihm neu waren, und ausdaurenden Fleiss, um sie mit Eifer und Treue zu verrichten. Meister Anton, der nun anfing, alt und schwächlich zu werden, genoss nach einiger Zeit von diesem jungen Menschen die kräftigste Unterstützung. Er bemerkte bald mit Vergnügen, dass er sich in allen Dingen auf ihn verlassen konnte. Er vertraute ihm daher die ganze Direktion der Manufaktur an und setzte ihm dafür einen beträchtlichen Gehalt aus.

Anselm freute sich über diese neue Einrichtung; denn er liebte seinen Freund Philipp. Aber einige Zeit nachher tat diese neue Einrichtung eine besondere wirkung auf ihn. Er hatte bisher auf die Manufaktur und deren Geschäfte gar nicht achtung gegeben. Jetzt aber war eben ein Zeitpunkt, wo in den Kurmonaten in Aachen keine neuen schönen Gesichter zum Vorschein gekommen waren und er derjenigen überdrüssig war, die er schon kannte. Der armen Kranken hingegen, welche seinen Rat und seine Arznei verlangten