bleibt bei meinem Handel: Vergnügen um Vergnügen, und noch Vergnügen zugegeben. Bleib du bei den Göttern des Plato; ich werde acht Tage in Aachen bleiben, wo ich am Sonntage auf dem Balle ein göttliches Mädchen gesehen habe; die muss ich näher kennenlernen und wissen, wer sie ist, dann will ichs dir wieder erzählen.«
Zehnter Abschnitt
Doktor Anselms Eifer, die Arzneigelahrteit zu praktizieren
Unser dicker Mann hielt sein Wort. Er blieb acht Tage in Aachen, er betrank sich nicht, er spielte nicht, aber er verliebte sich in eine Vettel, die ihn mit witzigem und empfindsamen Schnickschnack ankörnte und bei welcher er zwei lange breitschultrige, aber ganz artige Leute fand, voller Witz und lustiger Laune. Sie machten ein Gastmahl zusammen. Da ward freilich gegessen und getrunken, aber nicht bis zum Betrinken, sondern nur, um guter Dinge zu werden. Nun ward ein Spiel vorgeschlagen, aber Anselms Klugheit warf dies weit weg. Indes sah er zu, wie andere spielten. Es ward aufs Spielen gewettet. Wie es zuging, dass Anselm mitwettete, und noch mehr, wie er so schnell eine beträchtliche Summe verlor, wissen wir nicht, da er es sich selbst nicht recht erinnern konnte. Was er sich deutlich erinnerte, war, dass er glaubte, geprellt zu sein, dass er dies merken liess und dass ihn darauf die beiden breitschultrigen Herren etwas unsanft zur tür hinaus – und die Treppe hinunter schafften.
Es ist offenbar, dass hierbei gegen die Klugheit unsers dicken jungen Mannes nichts einzuwenden war; denn wer konnte so etwas voraussehen? Auch war wider seinen Mut nichts einzuwenden, denn es waren zwei gegen einen. Aber der strenge Philipp sagte doch: »Freund, hast du nicht Missvergnügen für Vergnügen eingewechselt; und wär es nicht besser, Vergnügen für Arbeit zu kaufen?«
Die Wahrheit dieses Spruchs fiel nun unserm dicken mann um so mehr auf, je stärker das ihm ganz unvermutete Missvergnügen auf ihn wirkte. Seine Einbildungskraft ward entflammt durch die Vorstellung der neuen Art des Vergnügens, sich nützlich zu beschäftigen; und nun opferte er zwei Tage lang alle seine Gedanken den Göttern des Plato. Er war mit Ernste bedacht, sich der Ausübung der Medizin zu widmen, um sich dadurch ein neues Vergnügen zu schaffen. Damit er sich nun aufs geschwindeste in Praxis setzen möchte, fing er plötzlich an, alle kranken Armen in der Gegend zu besuchen und umsonst zu kurieren. Da er gleich anfangs das Vergnügen hatte, dass einige gesund wurden, so ergab er sich dieser menschenfreundlichen Beschäftigung mit verdoppeltem Eifer. Vom Morgen bis an den Abend war er und sein Karriol unterwegs, um in die Wohnungen des Mangels und des Elends Hilfe zu bringen. Ob ihn dazu bloss seine Menschenfreundlichkeit und Guterzigkeit, zwei ihm angeborne Temperamentstugenden, so sehr antrieben, oder ob die Begierde, sich geltend zu machen, eine ihm ebenfalls angeborne Temperamentstorheit, einen beträchtlichen Anteil daran gehabt habe: möchte eine weitläuftige Untersuchung erfordern, die um so unnützer sein würde, da wir der Wahrheit zur Steuer berichten müssen, dass etwa nach einem Monate dieser Eifer ziemlich nachliess. Einige arme Kranke starben; andere waren unfolgsam und nahmen seine Arznei nicht. Die Unreinlichkeit ihrer Hütten ward ihm ekelhaft; und weil er, wie wir beiläufig bemerken müssen, noch die Temperamentseigenschaft der Bequemlichkeit in hohem Grade besass, so fand er es bald sehr lästig, zu allen zeiten des Tages und in aller Witterung in seinen menschenfreundlichen Geschäften auf den Landstrassen herumzurollen. Er gab zwar ferner den Armen guten Rat und Arznei, wenn sie sich bei ihm meldeten, aber seine Krankenbesuche wurden seltener und hörten endlich gar auf. Ja zuweilen, wenn ihm ein Rat wegen eines armen Kranken abgefordert ward und er gerade ein neues schönes Gesicht erblickt oder sonst etwas Neues im Sinn hatte, es sei nun eine heitere Romanze oder eine tiefsinnige Betrachtung über Substanzen und Accidenzen, so antwortete er zerstreut und kurz; und wer weiss, ob er nicht zuweilen radix Chinae mag verschieben haben, wo er cortex Chinae hatte verschreiben wollen. Das Beste ist, dass der Schaden für die Kranken so gross nicht kann gewesen sein; denn arme Leute werden gemeiniglich gesund, wenn sie nur Arznei nehmen, sei es, welche es wolle, so wie reiche Leute, die arm am geist sind, oft schon dadurch gesund werden, wenn sie den Arzt nur sehen und ihre ganz besonderen ganz unerhörten Krankheiten ihm nur klagen können.
Meister Anton, der mit stillem Vergnügen bemerkt hatte, dass sein Sohn anfing, sich mit Ernste auf etwas zu legen, und der daher das Geld für die Arzneien, welche die Kranken bekamen, mit doppeltem Vergnügen gegeben hatte, sah mit Betrübnis, dass er in kurzem diesen Anfang von Beschäftigung wieder verliess und in seine gewohnte verkehrte und zerstreute Lebensart fiel. Er sah ein, dies sei nicht der Weg, auf dem sich sein Sohn zu einem brauchbaren mann bilden könne. So wenig auch Sprechen seine Sache war, so konnte er doch nicht umhin, ihm darüber einen Wink zu geben. Einst sagte er zu seinem Anselm: »Du hast nun so lange studiert, mein Sohn; und ich denke nach, was du bist! Mich dünkt: Nichts! Wisse aber, lieber Sohn: Aus Nichts wird Nichts.« Anselm rief mit Heftigkeit aus:
»Wie? Ich wäre Nichts? Bin ich nicht Doktor der Arzneigelahrteit?«
»Ja, das hat mein Beutel empfunden! Aber die Kranken wissen von