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, dass unserm dicken Jünglinge seine gesunde Vernunft, die ihn so gut auf den rechten Weg hätte leiten können, den er zu gehen hatte, gewöhnlich erst den falschen Weg bemerklich machte, wann er sich schon verirrt hatte, und ihn oft schon wieder verliess, ehe er sich ganz wieder zurecht finden konnte. Diese gesunde Vernunft, deren unser dicker Mann mehr benötigt war, als er selbst fühlte, schlummerte bei ihm gemeiniglich. Es war für ihn ein grosser Schaden, dass er so früh seine Mutter verloren hatte, deren sanfte Erinnerungen ihn auf einen bessern Weg hätten führen können, und seinen Oheim Georg, der alle Unordnungen mit Ernst würde gerügt haben. Meister Anton war allzustill und allzugewohnt, sein Hauswesen durch seine Frau und durch seinen Bruder regieren zu lassen und sich selbst bloss um seine Manufakturgeschäfte mit Ernst zu bekümmern. Er sah seines Sohnes sorglose und unordentliche Lebensart zwar mit Betrübnis an, wusste derselben aber nichts als einige gelegentliche Klagen und Ermahnungen entgegenzusetzen, die des Vaters Betrübnis verrieten, aber gegen den heftigen Stoss jugendlichen Leichtsinns wenig vermochten. Also war Anselm seiner eigenen Sorglosigkeit überlassen, und seine gesunde Vernunft ward nur noch zuweilen durch Philipps Vorstellungen aus ihrem Schlafe erweckt.

Philipp hatte schon lange nichts mehr mit Anselms Haaren zu tun; denn bereits in den ersten Universitätswochen hatte Anselm sehr nötig gefunden, seine Haare täglich von einem besonderen Friseur vormittags in schöne Unordnung und nachmittags in modische Ordnung bringen zu lassen. Eben so wenig hatte sich Philipp um Anselms Kleidung und übrige Sachen mehr zu bekümmern; denn zu eben der Zeit war schon ein besonderer Bedienter angenommen worden, der mit nach Vaals gekommen war, und welchen Meister Anton nicht das Herz hatte abzudanken. Philipp war mehr der Freund und Vertraute seines gewesenen Herrn, der sich mit diesem so nützlichen Freunde weniger durch Wahl oder Überlegung vereinigte als durch das Bedürfnis seiner natürlichen Schwatzhaftigkeit, jemanden haben zu müssen, dem er seine Gedanken mitteile.

Philipp nahm einst gelegenheit, dem mutigen Anselm sein Herumschwärmen und seinen zwecklosen Müssiggang vorzuhalten, aber ohne Erfolg.

Anselm rief: »Ich geniesse meine Jugend! Was wäre denn das ganze Leben wert, wenn man nicht glücklich lebte, das heisst, wenn man das Leben nicht genösse

Philipp erwiderte: »Ich habe mein Leben auch genossen, obgleich arm. Ich bin dankbar, zufrieden, froh gewesen. Das scheint mir der schönste Lebensgenuss

»Ich bin beständig froh und zufrieden

»Und auch immer dankbar? denke an deinen Vater, denke an Sophien! Kann der zufrieden sein, der Ursache ist, dass um ihn Tränen fliessen

»Hm! Wie du nun redest! Mein Vater weiss nicht, was er will; das hab ich ihm bewiesen. Sophie ist glücklich verheiratet; sie wird um mich keine Träne fallen lassen

»Sie wird sie abtrocknen, weil es nun ihre Pflicht gebeut

»Nu! Sittenprediger, und wenn ich Ursache bin, dass sie ihre Pflicht tut, was willst du mehr von mir

»Dass du dich erinnerst, du habest auch Pflichten auf dir. Glaubst du, dass dein zweckloses Herumschweifen, dass der beständige Müssiggang, in dem du nun fast ein Jahr fortschlenderst, mit deinen Pflichten gegen die menschliche Gesellschaft bestehen kann

»Was geht mich die menschliche Gesellschaft an; ich mag nichts daraus als die Gesellschaft hübscher Mädchen, um mit ihnen mein Leben froh zu geniessen

»So! Wie würde es mit der menschlichen Gesellschaft stehen, wenn keiner arbeiten und jeder nur geniessen wollte? Ich habe gearbeitet, und dabei fand ich mich glücklich

»Wer sagt denn, dass niemand arbeiten soll? Arbeite du immer fort! Wenn aber der glücklich sein kann, welcher arbeitet: so ist der, welcher andere für sich kann arbeiten lassen, doppelt glücklich

»Vielleicht nicht! Ich habe zu Göttingen einmal den Spruch des Plato gehört: Die Götter verkaufen dem Menschen Vergnügen um Arbeit

»Ich bin der Götter gehorsamer Diener! Mein Handel ist anders. Ich kaufe Vergnügen um Vergnügen

»Das hiesse Geld um Geld kaufen; das würde kein Handel werden

»Ei! Der vorzüglichste! Wechselhandel! Gold um Gold, Dukaten um goldene Ryder. Ich akzeptiere Vergnügen auf die Augen hübscher Mädchen in Burscheid und prävaliere mich a vista auf englische Tänze in Aachen

»Nimm dich nur in Acht, dass du nicht den Kurs falsch berechnest, dass du nicht Gold gegen Scheidemünze eintauschest oder gar an Ehre und gutem Herzen verlierst

»Wie du nun reden kannst, Philipp! Hältst du mich denn für unklug oder für unehrlich? Du weisst, ich tue nicht Böses. Ich gehe in keine schlechte Gesellschaft. Ich suche nur mein Leben zu geniessen soviel ich kann, und ich kann es

»Aber denkst du nicht, wenn du in beständiger Zerstreuung mit deinem bisherigen Leichtsinne herumschwärmst, dass du immer sorgloser werden, nach und nach immer weniger edel handeln und endlich in schlechte Gesellschaft geraten wirst? Da wirst du dann Vergnügen erhandeln wollen und wirst Missvergnügen einwechseln

»Da müsste ich ja meine Klugheit verloren haben! Wie sollte ich in schlechte Gesellschaft kommen? Ich betrinke mich nicht, ich spiele nicht, verabscheue schlechtes Gesindel, liebe nur, was schön ist und edel und empfindungsvoll. Schlechte Leute will ich mir wohl abwehren. Ich geniesse mein Leben, weil sonst das Leben nichts wert ist. Es