er war, ergab sich auch nur der vollkommenen Schönheit; und obgleich Sophiens schöne Locken und schöne Augen noch schöner waren wie vorher, so konnte sie ihn doch nicht mehr rühren, da Nase und Wangen sich verändert hatten; und die herrlichen Eigenschaften ihres Geistes übersah er ganz.
Er ward, wir müssen es mit Betrübnis sagen, täglich kälter gegen die geliebte Gespielin seiner Jugend. Sie bemerkte dies zwar, hielt aber die Zuneigung zu ihm, die bei ihr unverändert blieb, in ihrem Herzen verborgen und begegnete ihm immer noch mit ihrer gewöhnlichen Freundlichkeit und Güte. Dies hatte aber nicht die vorherige wirkung auf den sinnlichen Anselm, dessen Zuneigung sie nur durch ihr schönes Gesicht und ihren schlanken Wuchs gewonnen hatte. Die Folge dieser Veränderung zeigte sich in kurzem deutlich genug. Ein Kaufmann aus Limnich an der Roer, der seit mehrern Jahren aus Meister Antons Manufaktur Tücher kaufte, hatte Sophien wie eine Tochter im haus bemerkt, wenn er alle halbe Jahre der Abrechnung wegen nach Vaals kam. Ihre Schönheit und selbst ihre Geistesfähigkeiten waren ihm wenig wert; aber ihre Wirtlichkeit und die Hoffnung auf künftiges Vermögen bestimmten ihn, bei Meister Anton um dieselbe anzuhalten. Dieser hatte schon längst im Stillen den Gedanken gehegt, sie zur Gattin seines Sohnes aufzubewahren. Er urteilte, ihre Sanftmut, ihre zutrauliche anhänglichkeit könne seines Sohnes wild umherschweifendes Feuer mässigen und ihn zu dem machen, was er noch nicht hatte werden wollen, zu einem gesetzten und brauchbaren mann. Die beiderseitige Zuneigung war dem aufmerksamen Vater nicht unbemerkt geblieben, und er hatte darauf seine Hoffnung gegründet. Er tat den letzten Schritt, den Antrag des Kaufmanns seinem Sohne zu eröffnen, um seine Meinung zu hören. Dieser war töricht genug, kurzweg zu sagen: Sophie sei nicht mehr schön, und er könne nur ein schönes und wohlgewachsenes Mädchen lieben. Der Vater zuckte die Achseln und tat ihm vernünftige Vorstellungen, die aber bei einem so leichtsinnigen Jünglinge ohne Frucht blieben. Dies schmerzte den guten Vater um so viel mehr, da sich Sophiens geheime Zuneigung durch ihre Tränen offenbarte. Meister Anton stellte ihr aber vor, er sei alt und schwach, und sie werde nach seinem tod keinen Anhalt haben. Er stattete sie aus, wie eine eigene Tochter; und sie nahm aus Überlegung die Versorgung mit einem mann an, den sie nicht liebte, der bloss ein wirksamer Kaufmann und übrigens ein trockener seelenloser Gatte war. Anselm sah sie mit einer Art von Zufriedenheit sein väterliches Haus verlassen; denn er fand sich erleichtert, weil ihr trüber blick, den er verstand, ihm ein stiller Vorwurf war. Er hatte eine zu richtige Empfindung, um nicht zu fühlen, dass er Unrecht tat; aber bisher hatte er noch nie Energie genug gehabt, um jemals ein Unrecht wirklich zu verbessern. Es entfielen ihm, als sie zum Altare ging, unwillkürlich einige Tränen, welche ihm sagten, was er verlor. Aber sein Leichtsinn erstickte, wie sonst oft, die innere stimme, die ihm Wahrheit sagte, durch vermehrte Zerstreuungen und Vergnügungen. Es waren in der Gegend so viele schöne schlankgewachsene Mädchen mit blitzenden Augen und frischen Wangen, dass unser dicker Mann genug zu tun hatte, um sich herumzusehen und sich zu verlieben. Dass dabei viel Verse zu machen, viel Spazierritte und Spazierfahrten zu tun, viel Puder zu verstäuben und viel Riechwasser zu verspritzen gewesen sein werde, ist leicht zu erachten. Wenn man nun hinzurechnet, dass er nicht nur bei den Mädchen seine Schönheit und angenehme Rundheit zu zeigen, sondern auch bei Männern seine Weisheit geltend zu machen hatte, indem er über jedes sprach, jedem widersprach und viel ältere und klügere Leute so emsig belehrte, dass ihm nicht einmal Zeit blieb, ihre Gegengründe zu hören, so wird man freilich zugeben, unser dicker Mann sei ein ziemlicher Geck, aber auch einsehen, ob er gleich wirklich nichts tat, sei er dennoch sehr beschäftigt gewesen.
Seine Beschäftigungen wurden noch vermehrt, weil er nun anfing, Pläne für sein künftiges Leben zu machen. Sophiens Verheiratung, welche auf ihn stark wirkte, hatte in ihm die idee vom Ehestande lebhaft erweckt; und einer jeden neuen idee in Gedanken nachzujagen, war sein Lieblingsgeschäft. Jetzt war es die idee vom häuslichen Glücke, welches er sich mit den schönsten Farben ausmalte. Jedes hübsche Mädchen, besonders wenn es ihn ein paarmal freundlich anlächelte, sah er schon als seine Frau; und sofort sah er auch die lieben Anselmini und Anselmucci, die aus dieser Ehe entstehen würden, um sich herumspringen. Und dann war er so selig, indem er diese Pläne häuslichen Glücks für sein künftiges Leben machte, oft auf mehr als dreissig Jahre hinaus, einen immer schöner als den andern. Freilich an die Mittel, diese Pläne auszuführen, dachte er nicht; denn es konnte ja einem mann wie ihm unmöglich fehlen, dass alles in der Welt so ginge, wie er es haben wollte.
Ob nun gleich nicht zu leugnen ist, dass unser dicker Mann ein ziemlicher Geck geworden war, so würde er doch vollends ein ganz unerträglicher Geck gewesen sein, wenn er nicht nebst vieler Gutmütigkeit eine gewisse Portion gesunde Vernunft oder Mutterwitz, wenn man es so nennen will, besessen hätte. Die gesunde Vernunft ist wie ein Kompass, dessen Nadel oft dekliniert und inkliniert, aber dennoch allein anzeigt, welche Segel man aufsetzen und wohin man das Steuerruder drehen muss, um auf dem stürmischen Meere des Weltlebens sicher nach dem bestimmten Orte zu fahren. Schlimm war es allerdings