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war, erhielt er doch am Ende seiner akademischen Laufbahn den letzten Zweck, weshalb ein jeder junger Arzneigelehrter auf die Universität geht. Sein Vater, der während der drei Jahre so manchen Posten Geld an ihn zu übersenden hatte, wann er es am wenigsten dachte, sparte es nun am Ende nicht, da es das Letzte sein sollte. Er übersandte so reichliche Summen, dass für unsern Anselm eine ansehnliche Doktordisputation gedruckt ward, mit schönen, ich weiss nicht, myologischen oder nevrologischen oder angiologischen Kupferstichen geziert. Auch waren Schrift und Stich unfehlbar des Doktorands Anselmuccio Eigentum zu nennen, da sein Vater beide bezahlt hatte. Das Latein, das einzige, was er auf der Schule gelernt hatte, und die Disputierkrätzeein natürliches Symptom der Überladung junger Leute mit spekulativer Weisheit und ansteckend wie irgendeine andere Krätze halfen ihm, diese schöne Disputation verteidigen, das heisst, kein Wort schuldig bleiben, sondern geschwinder schwatzen und lauter schreien als seine Opponenten, so dass alles zu seiner grossen Ehre abging. Nicht völlig so ehrenvoll war sein Examen zum Doktorate gewesen; denn da hatten die Herren Examinatoren sehr viel mehr gesprochen als er. Indes die Arzneikunde ist eine menschenfreundliche Wissenschaft, und daher sind auch die Herren der Fakultät, wenn es nötig ist, gegen die Examinanden menschenfreundlich gesinnt. Es ging also auch hier alles gut, und wirklich bekam das Examen unserm Anselm besser als der Doktorschmaus. Nachdem jenes geendigt und das Attest darüber unter dem Siegel der Fakultät ausgefertigt worden, war ihm das Herz leicht: weil nun die grösseste Schwierigkeit gehoben war, die ihn hätte hindern können, ungesäumt das Doktordiplom zu erhalten und mit ihm die Erlaubnis, jeden zu töten, der nicht auf seine gegebenen Mittel von natur gesund werden wollte. Das Disputieren hatte ihm doch auch einige Sorgen gemacht; und er überliess sich daher auf dem Doktorschmause seiner Freude so sehr, dass er sich eine heftige Indigestion zuzog. Er wollte nun seine eben erlangte Erlaubnis zu kurieren ganz unparteiisch zuerst an sich selbst ausüben. Dies wäre aber bald sehr übel abgelaufen. Wäre es bei Doktor Anselms eigner Verordnung geblieben, so wären wir der Mühe überhoben worden, seine geschichte weiter zu beschreiben. Aber der Dechant der Universität hatte Ursache, mit dem jungen Doktor so wohl zufrieden zu sein, dass er sich seiner auf dem Krankenbette ebenso treulich annahm, als bei der Dissertation und beim Examen. Und so wird jeder einsehen, dass, wenn auch Meister Anton wegen der Doktorpromotion seines einzigen Sohnes grosse Kosten hatte, sie doch nicht übel angewendet waren, da diese Promotion gelegenheit gab, diesem einzigen Sohne das Leben zu retten.

Neunter Abschnitt

Doktor Anselms Rückkehr nach haus, und was er da tat und nicht tat

Nachdem alles zu Göttingen war bezahlt worden, was auszugeben nötig war, das Unnötige mit eingeschlossen, reiseten nun Doktor Anselm, seine Disputation und sein Doktordiplom nach Vaals zurück. Er selbst näherte sich froh dem väterlichen haus, nach seiner eignen Empfindung abmessend, wie seine Doktorschaft dort würde empfangen werden. Auch freute sich über ihn alles im haus und in der Nachbarschaft. Er war jetzt ein recht hübsches Kerlchen geworden, mit runden frischen Wangen, mit wohlgenährtem Bauche, netten Waden, nach der Mode gekleidet, obendrein noch Doktor, witzig und gelehrt und künftig reich. Das alles wusste er und liess merken, dass er es wusste. Er ward allentalben bemerkt und wollte bemerkt werden. Er zeigte seine hübsche runde Figur allentalben und schwatzte viel; aber freilichtat er nichts. Dies ist Leuten vom Temperamente unsers dicken Mannes ziemlich gewöhnlich; denn sie lieben, was wenig Mühe kostet. Nun ist es aber offenbar, dass es viel leichter ist, klug zu schwatzen, als etwas Kluges zu tun; daher auch die, welche sehr weise sprechen, wenn sie handeln wollen, oft viel von der guten Meinung verlieren, die sie durchs Sprechen erworben haben. Und dies widerfährt nicht allein dicken und runden Leuten, wie unser guter Anselm war, sondern auch langen und hagern, ohne Unterschied der Statur und Gesichtsfarbe, ohne Unterschied, ob sie braune oder gelbe oder schwarze oder rote oder graue Haare oder Knotenperücken tragen.

Wenn wir sagen, dass Doktor Anselm nichts tat: so soll dies nicht so verstanden werden, als wäre er ganz untätig gewesen; denn Untätigkeit widersprach seinem Charakter, der so lebhaft war als sein Körper feist. Nur tat er gerade nicht das, was er eigentlich hätte tun sollen, welches freilich auf gewisse Weise schlimmer war, als ob er gar nichts getan hätte.

Er hatte vielerlei zu tun. Er hatte sich selbst zu zeigen und sein liebes Ich geltend zu machen; ein weitläufiges Geschäft, womit manche Menschen ihr ganzes Leben zubringen. Er hatte schöne Gesichter anzuschauen und respektive ihnen nachzulaufen. Wir sagen: nachzulaufen; denn es ward ihm nun nicht mehr so leicht gemacht, dieser seiner Hauptbeschäftigung in seinem eignen haus obliegen zu können. Sophie war in den drei Jahren herangewachsen, ein sehr liebenswürdiges und in mancher Augen fast vollkommenes Frauenzimmer geworden. Sie war vernünftig, sittsam, gutmütig, unterhaltend, freundschaftlich, wirtlich in einem noch höhern Grade wie vorher; und was mehr war, ihre Zuneigung zu Doktor Anselm hatte merklich zugenommen. Nur in ein paar Nebendingen hatte sie sich freilich geändert. Die Blattern hatten ihr schönes Gesicht verstellt, und sie hatte durch einen unglücklichen Fall die linke Schulter verrenkt, wodurch ihr schöner Wuchs etwas weniges gelitten hatte. Unser dicker Mann, der selbst wusste, wie schön