das Gras und die Blumen und die Bäume; nun flossen holde Liebeslieder aus seinem Gehirne. Dies dauerte, bis wieder entweder das Universum oder ein Ritt nach Weende das schöne Gesicht auslöschte oder bis es über ein noch schöneres vergessen ward. Indes tat das Andenken an Sophiens griechisches Gesicht den Göttingischen Schönen bei ihm sehr viel Abbruch. Es stellte sich ihm aufs lebhafteste dar, wenn Sophie entweder unter die Briefe seiner Mutter ein paar freundliche Worte schrieb oder ihm zu seinem Geburtstage ein Angebinde schickte. Dann war er gleich mit seiner ganzen Seele zu Vaals im väterlichen haus; und vergessen waren Kollegien, Disputationen, Lustritte und Kasselsche Reise, bis er sich nach und nach wieder an eines nach dem andern erinnerte. Alsdann holte er es aber auch nach; und besonders die Lustritte und Freudengelage hatten mit verdoppeltem Eifer ihren Fortgang.
Dass diese Lebensart ordentlich gewesen wäre, glaubte niemand ausser ihm selbst; denn unser dicker Mann hatte ein so zartes Gewissen, dass er oft über seine Lebensart mit sich Rechnung hielt und fand, sie sei noch recht gut. Sein getreuer Philipp war freilich, so wie alle Professoren und ordentlichen Studenten, anderer Meinung und hielt ihm oft eine Strafpredigt. Da hatte er aber immer so viel zu seiner Entschuldigung anzuführen und wusste sich sehr damit, dass er, seiner Meinung nach, nichts eigentliches Böses tat und manche schlimmen Dinge unterliess, die er an andern sah, aber woran er kein Vergnügen fand. Er betrank sich nicht, er betrog nicht, er hielt sich nicht eigentlich zu den Gesellschaften, die man die liederlichen nennt, obgleich die lustigen oft sehr nahe daran grenzten. Schulden machte er auch nicht, denn sein Vater schickte ihm so viel Geld, als er verschwendete. Er tat niemand etwas zu Leide, war vielmehr guterzig und mitleidig, half seinen Freunden gern und geizte dabei gar nicht mit seines Vaters Gelde. Er behauptete, fleissig zu studieren, Philipp mochte sagen, was er wollte. In der Tat ging er in die Kollegien, wenn er sonst nichts Notwendiges zu tun hatte, und hielt sich noch dazu für bares Geld einen fleissigen Studenten, welcher mit ihm diejenigen repetieren musste, welche er versäumte.
Solange Anselmino gutes Muts war, kam Philipp niemals vor ihm zu Worte. Hatte er aber etwa einmal zu lange bis gegen Morgen geschwärmt oder in einer mondhellen Nacht auf dem feld auf Verse für seine Sophie gesonnen und sich dabei erkältet oder stiess ihm sonst eine kleine Unpässlichkeit zu, wovon er, weil er sich und sein Leben liebte, immer sehr üble Folgen befürchtete, so war er gleich ziemlich kleinlaut und sodann der moralischen Ermahnungen etwas empfänglicher. Alsdann gelang es Philipps gesunder Vernunft wohl einmal, ihn zu überweisen, dass er seine Zeit nicht gehörig anwende. Alsdann überfiel ihn eine bittere Reue, und die Reue selbst entflammte seine Einbildungskraft. Er sah dann seinen bisherigen Müssiggang lebhaft vor Augen, er nahm sich vor, die verlorne Zeit zu ersetzen und noch mehr nachzulernen, als er konnte versäumt haben. Er verdoppelte die Stunden zur Repetition; ja ihm fielen noch einige Wissenschaften und Sprachen ein, die er gleichfalls lernen sollte. Er fing an, neue Kollegien darüber zu hören und kaufte eine grosse Menge Bücher zusammen, in welchen er alles, was ihm fehlte, noch nachstudieren wollte. Die Kollegien wurden einige Stunden angehört. Die Bücher wurden alle auf einmal ohne Ordnung gelesen. Bald verstand er sie nicht, bald war er es überdrüssig und warf sie in einen Winkel. Niemand hatte Nutzen dabei als der Buchhändler, der die ungelesenen Bücher verkaufte, der Professor, der die ungehörten Kollegien bezahlt bekam, der Student, der an Anselms statt in die Kollegien ging und ihm zu haus, wenn es die übrigen Zerstreuungen erlaubten, wieder einen teil davon, so gut er konnte, vorsagte, und der fleissige Philipp, der diese Wiederholungen aufmerksam anhörte und von den Büchern diejenigen, die seine Fähigkeiten nicht überschritten, mit Ordnung und Nachdenken las.
Für Anselm war es vermutlich noch ein Glück, dass er des grössten Teils der Dinge, der ihm einfiel, lernen zu wollen, bald überdrüssig ward. Er bekam bei dieser selbsterdachten Art zu studieren eine Menge unordentlicher, unentwickelter Ideen untereinander in den Kopf, die ihn weder klug noch froh machten. Seine Kenntnisse wurden verwirrt, sein Dünkel genährt und sein Geist ohne Zweck immer mehr angespannt. Da er wechselweise entweder in der idealischen Welt der Spekulation oder in der idealischen Welt der Imagination lebte, in der wirklichen Welt aber bloss zum Genüsse zu sein glaubte, so ist leicht zu erachten, dass er gar nicht daran dachte, dasjenige zu studieren, was ihm etwa in der wirklichen Welt einmal nützlich sein könnte.
Eine von den begebenheiten, welche ihn von Zeit zu Zeit aus seinem Taumel weckten, war die Nachricht von dem tod seines Oheims Georg und kurz darauf von dem tod seiner Mutter. Er ward dadurch aufs Äusserste gerührt, seine unordentlich angespannte Einbildungskraft sank durch die Wahrheit seiner Betrübnis nieder und machte den besten Entschlüssen Platz, ordentlich zu leben und zweckmässig zu handeln. Dergleichen Entschlüsse fasste er sehr oft, nur dauerten sie gewöhnlich gar nicht lange. Es möchte überhaupt die Zeit, wo er wirklich das tat, weshalb er eigentlich auf der Universität sein sollte, in allem ungefähr auf den zehnten teil der Zeit seines dortigen Aufentalts oder, wenn man es so genau nicht nehmen will, etwa auf den achten teil zu rechnen sein.
Indes, so zwecklos auch sein Studieren gewesen