wie sie war, wenn auch manchmal Hoffnung zu erwachen schien, sie möchte anders werden; und dies drückte auf die guten Eltern um so viel mehr, weil sie immer weniger wussten, was denn nun aus ihrem einzigen Sohne werden sollte.
»Was aus ihm werden soll?« rief Oheim Georg aus: »Nun ist der Junge zum Tuchmacher gar nichts nütze! Die neumodische Schule hat ihn unklug gemacht. Sein Hin- und Herlaufen, sein Müssiggang würde deine Manufaktur noch mehr in Unordnung bringen als das Latein. Ich wollte, er wäre so wie Philipp; den hat niemand zu etwas angehalten, doch er ist zu allem brauchbar und Anselm zu nichts!«
Vater und Mutter seufzten heimlich: »Das ist wohl war!«
»Lass ihn studieren, Bruder Anton!« fuhr Georg fort: »Lass ihn studieren; er ist zu nichts Besserm nütze. Es wird weniger schaden, wenn er ein gelehrter Hasenfuss ist als ein hasenfüssiger Fabrikant! Der, welchen die andern ernähren, mag noch eher ein bisschen geckisch sein, wenn es einmal so sein muss; aber, wer andere ernähren soll, muss arbeiten und ordentlich arbeiten!« Also studieren sollte nun Anselm. Aber was? Frau Sabine musste ihrem mann um so mehr nachgeben, weil Anselm selbst die Teologie weit von sich warf; und so ward die Arzneiwissenschaft gewählt.
Siebenter Abschnitt
Anselms Abreise nach der Universität, nebst des Verfassers zufälligen Betrachtungen über Studenten und Universitäten
Anselm ging bald darauf nach der Universität Göttingen ab. Das gab nun ein betrübtes Scheiden zwischen ihm und Vater und Mutter und selbst auch zwischen ihm und Oheim Georg. Denn hielt gleich der Moralist Georg unsern kleinen runden Mann für einen Hasenfuss, worin er nicht ganz unrecht hatte, so war doch auch nicht zu leugnen, dass Anselm ein muntrer, froher Bursche war, rund und gesund am Körper, mit manchen Kräften des Geistes begabt, die durch erworbene Kenntnisse noch mehr entwickelt waren. Dies sah selbst Oheim Georg; und wenn er das runde Kerlchen einen Hasenfuss schalt, so freute er sich doch wieder innerlich, wenn der Hasenfuss sich bei manchen Gelegenheiten so flink und so anstellig zeigte. Dabei hatte Anselm im Philantropin seine Guterzigkeit und seinen Frohsinn nicht verloren, die ihm Freunde machten, selbst unter denen, welche ihn für einen Hasenfuss halten mussten. Als er nun das Haus verlassen sollte, sah man nur auf seine guten Eigenschaften, und die Tränen flossen allgemein über seinen Abschied. Die herzlichsten Tränen flossen aus den blauen Augen der kleinen Sophie. Etwas hasenfüssiges Wesen schadet einem muntern Jünglinge bei einem dreizehnjährigen Mädchen nicht so viel, als bei einem Moralisten Georg. Sophiechen sah in Anselm nur den hübschen, fröhlichen, gutmütigen Jungen, den ersten Gespielen ihrer Jugend; und in ihrem kleinen Herzen regte sich etwas, das sie selbst nicht kannte. Zumal seitdem sie sah, dass er auch nach andern Mädchen lief, empfand sie noch deutlicher, wie nahe er ihrem Herzen war. Aber Sophiechen hatte nichts von andern Mädchen zu befürchten. Ihre Schönheit, in der vollen Blüte der Jugend, war so gross, dass sie Anselms, des eifrigen Schönheitssuchers, Herz bezwungen hatte. Er war, um das rechte und kürzeste Wort zu gebrauchen, er war ganz vernarrt in sie, hing immer an ihrer griechischen Nase und an ihren braunen Locken. Beim Abschiede, nachdem ihn seine Eltern und Meister Georg weinend umarmt hatten, küsste er auch Sophiechen zum erstenmale, und das fuhr in ihn wie ein Blitz. Er versprach sich selbst, und leise flüsternd auch ihr, keine andere sollte die Gefährtin seines Lebens werden. In diesem Augenblicke glaubte er es, sie glaubte es noch mehr. Junges Volk meint immer, Liebe der Jugend daure unverändert und mache das ganze Leben glücklich. Zuweilen geschieht es; sehr oft aber geschieht etwas anders. Anselm küsste Sophiechen noch einmal, eilte in den Wagen, sein Vater reichte ihm die Hand, und Meister Georg, indem er sich die Augen trocknete, rief ihm nach: »Ich bitte Dich, Junge, werde kein Narr!«
Und doch war unvermerkt alle Anlage zur Gefahr gemacht, dass Anselmino auf der Universität ein Narr werden konnte. Wir haben schon oben bemerkt, dass Meister Anton, nachdem er Reichtum erworben hatte, weder seinen Tisch, noch seine Kleidung, noch sein ganzes Hauswesen deshalb auf einen höhern Fuss setzte. Auch Frau Sabine und Sophiechen gingen immer noch nach der Simplizität ihres ehemaligen Handwerksstandes gekleidet. Aber die Mutter konnte nicht übers Herz bringen, ihren einzigen geliebten Sohn so zu kleiden. Mütter putzen ihre Kinder so gern! Das hängt mit so vielen andern zärtlichen Gesinnungen zusammen, dass es tadeln mag, wer keine zärtliche Gesinnung kennt. Anselmino hatte also schon an der Mode so viel Anteil empfangen, als sich in Vaals tun liess. Seidene Westen, seidene Strümpfe, modische Schnallen waren ihm schon nach und nach angeschafft worden. Nun, da ihr Anselmino auf die Universität ging, wollte Mütterchen, seine schöne runde Figur solle dort vorteilhaft in die Augen fallen, und lag deshalb ihrem mann täglich an. Meister Anton hatte, wie schon gedacht, seinen ambitiösen Fleck, und da ihm seine Frau schon nachgegeben hatte, dass sein Sohn auf einen Arzt studieren sollte, so konnte er ihr um so viel weniger abschlagen, was er selbst insgeheim wünschte. Er wollte zum erstenmale zeigen, er sei ein reicher Mann, und setzte seinem Sohne auf der Universität jährlich eine viel