1794_Nicolai_128_10.txt

er sein Elementarwerk zu stand brachte und den Nutzen desselben nicht in Träumen, sondern praktisch zeigte. Dies ist ein Unternehmen, welches den heilsamsten Einfluss auf die Verbesserung der Erziehung hatte und welches die armen Kinder von dem unseligen Wörterkrame und von der zwecklosen harten Schuldisziplin zu erlösen anfing. Beides erweckte in den Köpfen der von seelenloser Schulpedanterei niedergedrückten Lehrer (auch derer, welche Basedows Metode tadelten) eine Menge wohltätiger Ideen zum Besten der Jugend; und beidem können Missbräuche in der Anwendung so wenig den verdienten Ruhm entziehen, als irgendeiner andern kühn unternommenen, aber im Anfange unvollkommen ausgeführten Reformation.

Es gab aber damals Pädagogen, und gibt vielleicht noch jetzt dergleichen, welche weder Basedows Einsicht noch Mut besassen. Ihnen wurden bloss durch ihre Habsucht die zu erwartenden dreissigtausend Taler und durch ihre Präsumtion die Lust, eine ganze Welt umzuformen, vorgespiegelt, und bloss dadurch bekamen sie Neigung und Beruf zur Erziehung. Ein solcher war der wohlehrwürdige Herr Erasmus Quincunx, ein reformierter Prediger im Herzogtume Jülich: ein schöner Geist und ein grosser Liebhaber der Entenjagd, der öfter, wenn er seiner Gemeinde predigen oder ein Kind taufen sollte, im wald oder im schilfichten Sumpfe aufgesucht werden musste, wo er entweder den Reimen oder den wilden Enten nachstellte. Nun hielt die ehrwürdige Provinzialsynode des Herzogtums Jülich eben nichts von Predigern, welche Verse machen, und noch weniger von denen, welche wilde Enten schiessen. Es erfolgten also Vermahnungen, welchen Pastor Erasmus Quincunx, der nicht sonderlich geneigt war, sich vermahnen zu lassen, dadurch auswich, dass er sein Amt schnell niederlegte; zumal da jene Reskripte gerade zwischen Johannis und Jakobi ankamen, der besten Zeit zur wilden Entenjagd mit Stecknetzen, welche er nicht mit Schreiben verderben mochte.

Er war mehr des freien Lebens als des Sitzens gewohnt und dachte als Jäger, irgendwo sein Unterkommen zu finden. Zu dem Behufe ging er nach Dessau, wo die Jagd bekanntlich in grossem Flore steht. Er fand aber dort die wilde Entenjagd nicht nach seinem Sinne; dagegen lernte er Basedows Philantropin kennen, dessen Ruf noch nicht bis in die Gegend zwischen der Maas und Roer gedrungen war. Da er überhaupt in Dessau als Jäger nicht, wie er glaubte, sein Fortkommen fand, entschloss er sich, lieber ein Lehrer der Jugend zu werden. Die Pädagogen und die, welche es werden wollten, wallfahrteten damals in grosser Anzahl nach Dessau. Unter ihnen erschien auch der Expastor Erasmus Quincunx vor Basedow mit dem Begehren, bei der Anstalt Lehrer zu werden. Es ging dies schon deshalb nicht an, weil Basedow, wie bekannt, in seinem Philantropine lateinisch reden liess, wozu dieser Mann nicht eingerichtet war. Er ward daher abgewiesen, blieb aber noch einige Wochen in Dessau, besah das Äusserliche der Lehrart, die Uniformen, die Trommel, mit der zum Essen gerufen ward, und andere solche wichtigen Sachen, wobei er den Entschluss fasste, in Verbindung mit einigen pädagogischen Pilgern, die ebenso wie er von Basedow abgewiesen waren, in der Gegend der Maas eine ähnliche Anstalt anzulegen, welche er für sich sehr einträglich zu machen dachte. Er kehrte zurück; und weil er aus guten Ursachen sich im Herzogtume Jülich nicht zu setzen wagte, so begab er sich in das Reich von Aachen (wie das Gebiet dieser Reichsstadt feierlichst benennet wird) und legte daselbst unverzüglich in dem dorf Horbock mit seinen Gehilfen ein Philantropinchen an. Er hatte die Kunst gelernt, etwas aufsehen zu erregen, kleine Vorteile geltend zu machen, sich Empfehlungen zu verschaffen und, wenn es nicht anders gehen wollte, Notschüsse zu tun; kurz, die Kunst der Jagd auf Zöglinge, welche wohl so viel Schlauigkeiten erfordert, als die Jagd der wilden Enten, und ebenso wie diese oft in tiefen Sumpf führet. Seine Schule ward dadurch in den benachbarten Gegenden bekannt, bekam bald einigen Zulauf und hat ihn vielleicht noch.

Die Grenzen des kleinen Reichs von Aachen sind, wie die Grenzen des grossen Reichs China, durch einen Wall eingeschlossen. Daher mag es wohl kommen, dass wir von dem, was in beiden vorgeht, nur sehr unvollkommene Nachrichten haben. So viel uns bewusst, ist bisher die Existenz des Philantropins zur Horbock im übrigen Deutschlande nicht bekannt gewesen. Im Verfolge dieser geschichte musste notwendig davon geredet werden, und diese Entdeckung erhält eine zufällige Wichtigkeit in der gelehrten geschichte. Herr Rehberg in Hannover gab im Jahre 1792 ein sehr gelehrtes Büchlein heraus unter dem Titel: Prüfung der Erziehungskunst, worin er dieser Kunst so viel Böses nachsagt, dass es scheinen möchte, er halte sie ganz und gar für »die falschberühmte Kunst, welche etliche fürgeben und fehlen des Glaubens«. Nun sollte man aber fast denken, es müsse doch auch eine wahre und echte Kunst der Erziehung geben; denn es gibt ja eine echte Kunst, Hunde abzurichten, wodurch in diesen Tieren Kräfte entwickelt werden, von denen man nicht geglaubt hätte, dass sie in ihnen liegen könnten. Wie? Sollte nicht etwa vorher an mehrern Orten die Erziehung der zarten menschlichen Jugend viel Ähnliches gehabt haben mit dem Abrichten der Hunde, so dass man bloss auf ihr Gedächtnis wirkte und bloss Peitschen, Hunger und andere strenge Mittel anwendete, wie bei unvernünftigen Tieren, die sich nicht anders ziehen lassen? Man hat aber in neuern zeiten überlegt, dass Menschen Seelenkräfte vor den Tieren voraushaben, dass man dieselben auch vorzüglich bei Kindern zu entwickeln suchen und zu deren besserer Erziehung brauchen müsse. Man hat ferner überlegt, dass ein besserer Weg hierzu vorhanden sein werde