mich um, es war, und alle Pulse stokten – es war N a n e t t e !
Wo hat noch je ein glücklicher Maler den hohen augenblick des Wiedersehens in seiner ganzen Fülle gefasst und dargestellt? – – Schwelgerisch feiert ihn das Gefühl, armselig verkältet ihn der Ausdruk. Ein innres, innigers Leben glüht in den Herzen der Liebenden. Ohne Worte verstehen sie sich im süssen idealischen Einklange aller ihrer Empfindungen.
Wir traten heraus aus der Hütte. Ein neues, tausendfaches Leben war über mich ausgegossen. Unbemerkt von uns hatte der Sturm fortgerast; unbemerkt hatte er geschwiegen. Der Himmel stralte wieder in seiner vorigen klarheit. Rings umher schwammen die Berge im Flammengold der untergehenden Sonne. Sprachlos, im süssen Einklang mit der hohen Feier dieser Scene, stand die Liebenswürdige da, und in ihren Augen fand ich eine noch weit herrlichere Schöpfung als selbst die, die vor uns lag. Wie glücklich war ich! Ich fühlte es tief, es war der erste, heilige Moment eines neuen seligern Daseins.
Die Riesenschatten der Berge dehnten sich tiefer über das Tal hin; in blassgraue Dämmrung verlosch allmählich die Rosenglut des Abends. Wir müssen scheiden, sagte mir N a n e t t e , mit dem süssen Händedruck eines unschuldigen Wohlwollens, meine Mutter wird längst auf mich warten. Ich wagte es nicht ihr zu widersprechen, so heilig war mir ihr kleinster Wille. Auch begleiten durft ich sie nicht. Morgen sehen wir uns hier wieder, fuhr sie fort, und der stille Ernst ihrer Züge ging mit einemmal in die süsseste unbefangenste Freude über. Welches Leben in diesen Zügen! welche feine Mischung von glücklichem Scharfsinn und warmer Empfindung! welche zarte Verwebung von ungekünstelter natur und feinerer Bildung, von jugendlichem Frohsinn und ruhiger Vernunft! meine Phantasie wusste nichts hinzuzusezzen, und fand hier ihr kühnstes Ideal erreicht. Leicht betrat sie einen Felsenpfad, der sich heimlich durch die Klippen hinauf wand. Unbeweglich sah ich die schlanke liebliche Gestalt durch die Felsen empor klimmen, sah, wie sie mir noch einmal liebevoll winkte, und zulezt hinter Gebüschen verschwand. Mit ihrem Bilde im Busen ging auch ich, ein neuer Mensch, nach meiner wohnung zurück. Wie sonderbar! Einst überflog meine brennende sehnsucht die stillen grenzen meines Vaterlands; mit jugendlicher Stärke umschlang ich die Welt; mein unersättliches Herz wollte mit unbesiegbarem Drange alle Schätze des Lebens aufsuchen und geniessen – jetzt war eine kleine Hütte das einzige Ziel meiner Gedanken, Nanettens Auge meine Welt, ihr Kuss mein höchstes Ideal von Glückseligkeit.
Mein Erwachen am andern Morgen – ich werde es nie vergessen! – Das erste Gefühl der Ueberraschung war mehr Trunkenheit als Glück, ein quälendes Uebermaas von überirdischem Entzükken – was ich jetzt empfand, war ein reines, namenloses süsses Bewusstsein meines Glücks. Dies lebendige Gefühl der Wirklichkeit, deren Möglichkeit ich zuvor beinahe bezweifelte; der freudige Glaube an eine seelige Zukunft, verbunden mit der Gewissheit einer glücklichen Gegenwart; das unaussprechliche Wohlgefallen, mit dem ich an Nanetten gedachte – dies alles wirkte so harmonienvoll, schmolz so entzükkend in eins zusammen, dass alle meine Gefühle sich allgewaltig zu Einem freudigen Accord zusammenfügten. Ich eilte ins Freie. Die Sonne stralte über den Bergen, die sich dunkel erhoben. Rund um mich her ruhten die freundlichen Dörfer im Kranze rötlich blühender Obstbäume. Ein frisches Lebenslüftchen säuselte, und küsste die Regentropfen auf, die noch auf den Blättern standen. Tausend Kehlen sangen aus den Gebüschen, tausend Blumen sendeten mir ihre süssen Gerüche zu. Es war die Welt nicht mehr, worinn ich noch gestern so unglücklich gewesen war. Eine neue Sonne war über mir heraufgegangen. Leicht wie das Atmen der Morgenluft durchflog mein Geist die Schöpfung, und verlor sich in ihrem unermesslichen Lebensmeere. Das, was dem natürlichen Menschen so süsses Bedürfniss ist, wenn er sich glücklich fühlt, das innigste Dankgefühl durchdrang mich jetzt. Wie hätte ich in dieser lebendigen Schöpfung den toten Zufall ertragen können? – Mein Geist verlangte ein Wesen, dem er sein Entzükken z u r e c h n e n , dem er durch seine Seeligkeit seinen Dank weihen konnte. Dieses Wesen – unerweislich und unableugbar – kein Gegenstand der erkenntnis, sondern des Gefühls – ich fand es in der ganzen natur. Für mich gab es keine toten Formen mehr; mit heiliger Ahndung sah ich aus allen Wesen geheime Deutung hervorsprossen, und vernahm im Innersten meines Seins ihren göttlichen Sinn. Ungeteilt überliess ich mich meinen Entzükkungen. Sind Empfindungen nicht heilig? – sind sie nicht die reine göttliche Sprache, durch welche die natur zu uns redet? – Vernunft soll sie l e i t e n , nicht verdrängen – und die dunklen Ahndungen des Gefühls zu verdeutlichen, bedarf es ihrer höhern Kraft.
Ich berauschte mich von neuem in der entzükkenden Vorstellung meines Glücks. So überraschend, so alles übertreffend hatte ich es nie erwartet, nie geträumt! Mit der Erfindsamkeit eines Schwelgers rief ich mir gewissenhaft alle Scenen des Kummers zurück, suchte alle Wunden wieder aufzureissen – um sie nun alle, alle in diesem jubel der Empfindung vergessen zu können. Ich sollte N a n e t t e n sehen! N a n e t t e hasste mich nicht! – dies wusste ich, was brauchte es zur vollkommensten Glückseeligkeit mehr? –
Ich sah sie wieder; ich sah sie täglich. Welche Entzükkungen fühlte ich in ihrem Umgange! Nein, nie hab ich, selbst wo ich mit der strengsten Unparteilichkeit zu prüfen strebte, ein ihr gleiches