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an. Der kältere L o r e n z o spottete meiner allzuhochgespannten Erwartung, und fand da nur erst Saamen, wo meine rasche Ungeduld schon die goldne Erndte winken sah. Gleichwohl blieb es bei meinem Entschluss, in seiner Gesellschaft nach Paris zu reisen, und mit hochschlagendem Herzen kam ich daselbst an.

Wenig Tage nach meiner Ankunft feierte die Nation ihr grosses Freiheitsfest. An diesem Tage, der für die Menschheit ewiges Interesse behalten wird, sah auch ich die Freude des trunknen Franken, und um ganz den Genuss dieses tages zu fühlen, zog ich meine Blikke von Vergangenheit und Zukunft ab, und heftete sie bloss auf die Gegenwart. Es war mir leicht, den hohen Entusiasmus des Franken zu erreichen; und das göttliche Bild eines freigewordnen glücklichen volkes drückte sich rein und unauslöschbar in meine Seele. So stand ich auf dem Marsfelde, verloren in dies einzige grosse Gefühl. Heilige Freiheit! so hörte ich mit einemmale einen Flötenton hinter mir lispeln. Ich sah mich um. Ein grosses schwarzes Auge, von Freiheitssinn und Entusiasmus verklärt, begegnete mir. Es war Nanettens Auge; sie war es selbst.

O! N a n e t t e ! rief ich, und presste ihre Hand an meine Lippen. Ein sanfter Druk antwortete mir; ihr Auge glänzte; ein äterischer Schimmer schien über ihrer ganzen Gestalt zu schweben. Alles um mich her hatte kein Interesse mehr für mich. Ich vergass die Welt, die ausser mir war, vergass die Welt von Gefühlen in meinem Busen; sie allein war meine Welt. Keine Vergangenheit; keine Zukunft. Meine ganze Existenz war in diese augenblicke zusammengedrängt. Welch ein Gefühl, worinn sich alle Kräfte vereinten! eine Ewigkeit lag in diesem augenblicke. O! Entzükken der Liebe! du süsse Trunkenheit der Seele! wollustatmend schmachten alle Wesen nach einigen Tropfen aus deinem Zauberkelche! – in augenblicke zusammengedrängt fühlt dich der eine und wird zum Gott, indess ein dumpfer Trübsinn sein übriges Leben beschleicht; mit kältern Lippen schlürft der andere den verdünnten Trank, der für sein ganzes Leben ausreicht. – Ist der nüchterne Trinker der von dir begünstigtere, oder ist es der glühende Schwelger?

allmählich löste mein Taumel sich in Worte auf. Ich fühlte w e n i g e r , da ich s a g e n konnte, wie v i e l ich fühle. Die Sprache ist nur F o l g e der Emfindung. Der wahre augenblick der Empfindung duldet keine Sprache. Meine Gedanken knüpften sich wieder an vorige Ideen an, und die Bilder der Vergangenheit drängten sich aus der Dämmerung hervor. Bald ward es hell; mein Bewusstsein kehrte wieder. Jenes erste Begegnen, die kurze Unterredung, alles, die kleinsten Umstände standen wieder so lebhaft vor mir da. Mit diesen Erinnerungen wachte plözlich ein Gefühl in mir auf, das wie ein Sturm auf einen augenblick alle andre übertäubte; es wardas mächtigste im männlichen Herzendas Gefühl g e k r ä n k t e n S t o l z e s . Hierüber Erklärungdachte ich, und redete schon. Warum jene Erdichtung mit dem Portfeuille? – warum so grausam mit mir spielen? so wollte ich klagen, aber die Liebe verwandelte meine Klagen in zärtliche Bitten. Sie errötete n i c h t . Es war Pflicht, mein Freund, sagte sie mit festem, liebevollen Toneund schon schwieg der Sturm in meinem Busen.

Sie sprechen hier von einem Portfeuille, sagte ein Offizier von der Bürgerwache, und drängte sich zwischen uns, eben ist eins von grosser Wichtigkeit verloren gegangen; wissen Sie etwas davon? – wir lächelten heide; er wiederholte seine Frage, wir verneinten sie. Misstrauisch gegen uns, gab er den Befehl, uns wegzuführen. Nanettens Begleiter, – jetzt erst sah ich, dass sie einen hattesagte dem Offizier ein paar Worte, und er liess sie gehen. Mich führte man fort. Wer ist sie? Wer ist sie? fragte ich, und niemand antwortete mir. Man durchsuchte mich, fragte mich, führte mich hiehin und dortin, fand mich unschuldig, und liess mich gehen. Als ich in meine wohnung zurückkam, fand ich keinen L o r e n z o mehr. Die wichtigste Angelegenheit, schrieb er mir, nötige ihn, Paris und mich zu verlassen. Beträfe es nur ihn selbst, so würde er mich, auch mit Gefahr seines Lebens, von dem Orte seines künftigen Aufentalts unterrichten; hier aber sei mehr als erund er müsse schweigen. – Ich erstaunte; doch machte sein Verschwinden jetzt nicht den Eindruk, den es sonst hätte machen können. Freund und Geliebtewer weis nicht, wohin die Schaale sinkt? –

Ich hatte Sie aufs Neue gefunden und verloren, die mir mehr als Tageslicht, mehrals F r e i h e i t war. Ein schwacher Hoffnungsstral dämmerte durch das Dunkel. Sie in dieser kleinen Welt aufzusuchen, das war's, was ich wollte. Tage lang stand ich im Palais royal, durchspähte jedes weibliche Wesen, gukte unter jeden Hut, durchblikte jeden Schleier, undfand sie nicht. Mein eigensinniges Herz verschmähte jeden andern Liebreiz. – Ich durchstrich die Gärten, besuchte alle Teater, war auf allen Versammlungspläzzen, und tats vergebens. Meine Wangen bleichten, mein Auge verlosch. Der Dämon fehlgeschlagener Hoffnung zehrte sichtbarlich an meiner Lebenskraft. Wie aus einem tiefen Schlaf erwachte ich endlich.