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auflegt, alle Kräfte übt, und ganz das ist, was er sein kann.

Das Gewebe der wirklichen Welt umschlang mich unvermerkt immer fester, und die mannichfaltigen Bilder, die sich vor meine Seele drängten, gewannen mit jedem Tage der Schwermut einen neuen Sieg ab. Mein Herz erwärmte sich von neuem an dem Feuer einer allgemeinen tätigen Menschenliebe; meine Kräfte versuchten und stärkten sich im Umgange mit Menschen, und das Morgenlicht der Jugend überzog von neuem alle Gegenstände mit seinem rosenfarbenen Schimmer. Damals geriet ich in einen Umgang, welcher mir eine neue Quelle von Seeligkeiten auftat. Ich kenne die natur des Zaubers nicht, der mich zuerst so unwiderstehlich an L o r e n z o fesselte, aber ich habe seine wirkung empfunden. Oft wies er mich unfreundlich zurück, oft verachtete er meine zudringliche Freundschaft, aber immer wuchs mein unerschütterlicher Vorsaz, den Stolzen durch Liebe zur Gegenliebe zu zwingen. L o r e n z o war ein seltner Mensch. Schon auf seinem gesicht las man die fürchterlichen Kämpfe, die er überstanden, die verheerende Gewalt, die er sich angetan hatte. Sein lebhafter Geist hatte allzusichtbar auf seinen Körper gewirkt, und ihm für den bloss sinnlichen Menschen alle Schönheit benommen. Nie hab ich einen Menschen gesehen, dessen edleres Selbst so sehr die Sinnlichkeit zu beherrschen verstanden hätteund von ihr so oft besiegt worden wäre. Er hätte seine letzte Stüzze freiwillig für das anerkannte Recht eines Andern zerbrochen, – und er konnte kleinmütig zagen, wenn ihm die Umstände den Genuss einer Lieblingsspeise verwehrten. Diese Schwäche machte ihn liebenswürdig für die, die seine Grösse sonst in Verzweiflung gestürzt hätte, aber i h n machte sie unglücklich. Der ewige Kampf mit sich selbst rieb seine Kräfte auf, und bewürkte eine Erschlaffung der Lebensgeister, die ihn immermehr zur Schwermut stimmte. Sein schicksal hatte ihn die Menschen von ihren schlimmsten Seiten kennen gelehrt. Er war oft verkannt, oft hintergangen, oft zurückgestossen worden, und dies hatte ein Misstrauen in ihm hervorgebracht, das nicht selten bis zur Ungerechtigkeit ging. Er liebte die M e n s c h h e i t , aber die M e n s c h e n verachtete er. Klugheit kannte er nicht. Sein Eifer für Wahrheit war so rein und so gleichförmig, dass er ihr selbst dann treu blieb, wenn sie mehr Nachteil als Nuzzen von sich erwarten liess. Er hatte wenig gelesen, und war eben darum auch mehr E r s e l b s t geblieben. Was er dachte, war scharf, und seine Bemerkungen trafen immer nah ans Ziel. Ob sein Name unbemerkt mit grosser Flut hinunter walle oder nicht, das kümmerte ihn wenig: er wollte wirken, aber unsichtbar wie ein Gott. Ein Gedanke zur rechten Zeit entwikkelt eine des edlen Menschen würdige Tat, die in die Seelen drang, dies war ihm alles, und erfüllte ihn mit himmlischer Ahndung seines Fortwirkens ins Unendliche. Nur d i e Grösse, nach welcher er selber rang, schäzte er auch an andern. Nie vermochte der Glanz eines gefeierten Namens seine Urteilskraft zu blenden, aber sein Scharfsinn wusste den verborgenen Edelstein zu finden, und oft an einem Menschen das einzige selbst erworbene Gut zu entdekken, und mit stiller Wollust zu geniessen. So war d e r Mensch, dessen Liebe das unverrükte Ziel meiner Bemühungen war. Wohl ein Jahr lang hatte ich mich vergebens darum beworben, und während dieser Zeit für wenig andres Sinn gehabt. Zulezt gelang es mir seinen Widerstand zu besiegen. A l b e r t , rief er in der ersten schönen Stunde, wo er mich in seine arme schloss, du hast mir e i n H e r z gegeben, ich bin nicht mehr allein in der Welt. Von nun an waren wir unzertrennlich. Welche Begeisterung fühlte ich in seinem Umgange! – Welche Seeligkeit, wenn es mir gelang, seine schwarzen Phantasien durch eine hellere Beleuchtung zu mildern, und zu seinen schon für tod beweinten Schöpfungen noch eine Wirklichkeit aufzufinden! – Sein schaffender Geist liess neue Ideen in mir hervorgehen, und ergözte sich an dem Eifer, mit dem ich sie verarbeitete und mir zueignete, und mein fröhlicher Jugendsinn erhielt und nährte die versiegende Flamme seiner Heiterkeit. So waren wir uns unentbehrlich geworden. Zwar hatte er mir noch wenig oder nichts von seinem vorigen Leben mitgeteilt, aber niemand verstand so wie er die Kunst, Geheimnisse zu haben, ohne zu beleidigen. S e i n S c h w e i g e n war mir ehrwürdig; s e i n v o l l e s V e r t r a u e n , hoffte ich, werde einst der schönste Lohn meines Strebens nach Vervollkommung und meiner Treue sein. Er war es zufrieden, mich auf meiner Reise zu begleiten, und der allentalben durch dieselben Gesezze geleitete gang, in den scheinbar r e g e l l o s e n Verschiedenheiten der menschlichen Leidenschaften unter allen Himmelsstrichen, gab mir unter L o r e n z o s Leitung, Stoff zu unerschöpflichen Betrachtungen. Er verachtete die kalte Buchgelehrsamkeit, die sich nur mit toten Zeichen ins Gehirn drükt; unmittelbar aus der natur zu schöpfen, dünkte ihm der nächste Schritt zur Selbsterziehung.

Damals fesselten die neuen Scenen, die in Galliens Hauptstadt spielten, die Aufmerksamkeit von ganz Europa. Ich schwelgte in dem entzükkenden Traume, meine kühnen Ahndungen hier schon erfüllt zu finden, und staunte mit süsser Ueberraschung den ersten Schritt zur neuen Völkerbildung