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augenblick. Wir kannten und verstanden uns. Meine Seele war in meinen Augen, und genoss der höchsten Wollust menschlicher Geisterder süssen Ahndung, hier sich selbst verschönert wiederzufinden. Ich sah nur sieund wären alle Heilige des himmels in voller Glorie sichtbar an mir vorübergerauscht, ich hätte nicht den Kopf gewandt, sie anzusehen. Der holde laut ihrer stimme wekte mich zulezt mit süssem Schrekken aus meinem Taumel auf. Wer sind Sie? fragte sie mit liebenswürdiger Unbefangenheit, mir ist als sollte ich Sie kennen. – Ich bin ein Schweizer, Signora, und Sie? – Der Zauber ihrer schwarzen Augen verschlang meine Rede, und liess mich nicht auf Worte denken. Ich heisse Nannette, erwiderte sie mir, mit dem heitern Lächeln eines Alpenmädchens. In dem nämlichen augenblick sah ich sie erblassen und aufstehen. Ein ältlicher Mann, der sie zu erwarten schien, stand an der Kirchtüre. Sie sah sich besorglich nach mir um; meine Gegenwart schien ihr drükkend zu werden. Ihre Aengstlichkeit vermehrte sich, als sie sah, dass ich ihr noch immer folgte. Endlich wandte sie sich schnell. Ich muss dort mein Portfeuille verloren haben, sagte sie verlegen, wenn ich hoffen dürfteIch flog zurück es zu suchen, und suchte lange, aber vergebens. Auf einmal fiels wie Nebel von meinen Augen; die Angst goss siedende Glut über meinen Körper und beflügelte meine Schritte. Atemlos stürzte ich nach der Kirchtüre, atemlos schaute ich mich um; – mein Blut ward Eisich sah niemanden! –

Sinnlos stand ich einige Minuten lang im Boden eingewurzelt. – Sie kann nicht weit sein, flüsterte zulezt die Hoffnung – "Sie wird dich erwarten," die Eigenliebe. Tausend Vielleicht drängten sich vor meine Phantasie; die Lebensgeister stürzten sich von neuem in die äussern Teile, die tote Bildsäule wandelte sich schnell in lauter Auge, Ohr und Fuss. Ich ereilte einen Trupp der andächtigen Beter, die ich noch in der Ferne wallfahrten sah; unter ihnen hoffte ich sie zu finden. Ich fand sie nicht, ich fand sie nirgends.

Rastlos hatte ich die ganze Gegend durchsucht, nach allen Fenstern gespähet, alle Vorübergehende gefragt, mich hundertmal il pazzo! schelten lassenund alles war fruchtlos gewesen. Ermüdet kam ich zurück, und warf mich auf den Sopha. Meine Unruhe liess mich nicht ruhen. Zur Alten, zur Alten! stürmte es in mir, und in zwei Augenblikken war ich an der Tür. Ich flog hinüber. Unter dem Vorwand einer dringenden Angelegenheit begehrte ich bei ihr eingelassen zu werden. Sie war fort. – Man wusste nicht, wer sie wäre, woher sie gekommen, und wohin sie gegangen sei. Gleich dem, der nie wiederzukehren gedenkt, hatte sie alles in Richtigkeit gebracht. Sie war ganz fort. Wie einer, der sein Liebstes vor seinen Augen in eine schwindelnde Tiefe sinken sieht, stand ich da. Ein weiter Abgrund hatte sich zwischen mich und Nanetten gedrängt. Es war mir, wie man zuweilen im Traume, an allen Kräften gelähmt, nicht gehen, nicht fliehen, nicht schreien kann. Das schicksal hatte allen meinen Wünschen die nakte felsenharte Unmöglichkeit entgegen gestellt. Wer war sie? – warum fragte, warum verschwand sie? – wo ist sie, wo ist sie? – Dieser Wunsch verschlang alle übrigen.

Aengstlich strengte ich meine ganze Erfindsamkeit an, mir einen Ausweg zu suchen; mühsam bot ich alle Seelenkräfte auf, hier meiner leidenschaft zu hülfe zu kommen. Meine Kraft versiegteder Mensch, der mit seiner Stirn einen Felsen fortbewegen willwas ist er anders als ein Tor? – Zweklos seine Kräfte verschwenden ist Sünde, und die natur lässt keine derselben ungerochen. Eine finstere Schwermut überfiel mich. Zu spät wollte ich mit meinem Gram vernünfteln; ich geriet mit mir selbst und mit der ganzen Welt in Streit. Alle meine Bilder von Glückseeligkeit hatten die schimmernde Folie, die ihnen unterlag, verloren, und weil ich auf e i n e n Misston stiess, so war ich eben so bereitwillig, dem Leben alle die entzükkenden Harmonien abzusprechen, die ich im süssen Taumel froher Empfindungen ihm so überschwenglich zugeteilt hatte.

Meine gesunde Vernunft und eine glückliche Organisation retteten mich endlich aus einem Zustande, der bei so glühender Einbildungskraft und so auflodernden Gefühlen leicht hätte gefährlich werden können. Ich verliess den Ort, der so entscheidend auf mich gewürkt hatte. Mit jedem Tage lernte ich die wirkliche Welt näher kennen, wurde vertrauter mit den Spielen des gesellschaftlichen Lebens. Unvermerkt ward ich aus dem B e o b a c h t e n d e n zum M i t h a n d e l n d e n ; und die neuen Erfahrungen, die ich machte, zerstreuten mich täglich mehr. Ich fühlte esder Mensch muss h a n d e l n . Die wirkliche Uebung seiner Kräfte ist für sein Wohlbefinden unentbehrlich. Wir gehören der Sinnenwelt eben sowohl an, als dem Gebiete der Geister. – Ein beschädigtes Organkann es nicht die Göttlichkeit des hellsten Verstandes besiegen, und mit einem Stükchen Gehirneinem Menschen der ganze gesammelte Vorrat einer Wissenschaft verloren gehen? Unsere Begriffe schöpfen den Stoff aus der Sinnenwelt, den unser Geist verarbeitet, und den wir in unserm Lebensplan mitzuberechnen nicht vergessen dürfen; und nur d e r darf hoffen, den Zwek der natur erfüllt und sich für einen bessern Zustand erzogen zu haben, der alles erfüllt, was ihm der jezzige