keinen Wünschen mehr. Meine Seele hatte sich mit der Vorstellung des schönen Geschöpfs vereinigt, und genoss in dieser Vereinigung auch augenblicke des höchsten Entzükkens. Ach! dieser Zustand dauerte nicht lange! – Bald suchten die Sinne ihre Ansprüche geltend zu machen. Ich wollte sie sehen, hören, umfassen. – jetzt fühlte ich, dass ich liebte; denn nur dann heisst Liebe L i e b e , wenn sie Pfeile hat und fliegen kann; das heisst, peinlich und unruhig ist. Ich rief meinen vorigen Lieblingsbildern, aber keines wollte erscheinen. Wie auf einem verheerten Paradies schwebte das Bild der schönen Fremden einsam über den Trümmern meiner vollendetsten Schöpfungen. Zum erstenmal war mir das Gefühl meiner Selbst zur Last.
Ich versuchte es, meinen Zustand zu zergliedern, aber weiss der Trunkene im augenblick des Rausches, was mit ihm vorgeht? – Die treffendste wahrste Schilderung der Liebe ist, dass sie nicht geschildert werden kann. Sie, die jeden augenblick Gestalt und Farbe wechselt, kann kein Maler festalten und darstellen. Alle haben sie e m p f u n d e n , aber noch keiner hat sie e r k a n n t . Die Liebe der Philosophen ist so blind, wie die Liebe der Dichter, und mit welcher Anstrengung wir auch in nüchternen Augenblikken über ihren Ursprung nachdenken, so sind wir doch alle zu dem geständnis genötigt, dass ein heiliges Dunkel ihn einhüllt, und hier Etwas göttliches im Spiel ist, das unser Verstand vergebens zu erkennen trachtet.
Einige Tage vergingen, und ich fühlte mich ruhiger. Meine Einbildungskraft hielt das Bild der schönen Unbekannten fest, aber die Sinne waren noch zu wenig dabei im Spiel, um durch ihre ungestümen Forderungen meine Ruhe auf lange zu zerrütten. Einem elektrischen Funken ähnlich, hatte jedoch diese neue Erfahrung alle jene zärtlichen Gefühle, die die natur gleich einem gefährlichen Zunder für das Blütenalter unsres Lebens bereitet, in mir angezündet. Jedes weibliche Wesen erregte einen höhern Grad von Interesse als vorher bei mir, schien ein doppeltes Recht auf meine Aufmerksamkeit zu haben, ich freute mich der holden Geschöpfe – doch war das Bild, das ich im Busen trug, unvermerkt mein Ideal von Liebenswürdigkeit geworden, woran ich alle andere weiblichen Geschöpfe hielt – und das keines erreichte. –
Seit ich in G e n u a war, wohnte mir eine alte einsame witwe gegenüber. Dass sie dies sei, schloss ich, weil ich nie ein männliches Wesen bei ihr sah, und weil ich jedoch in ihrem gesicht gewisse Spuren fand, die nur durch die Leiden und Freuden des häuslichen Lebens eingegraben sein konnten. In meiner glücklichen Stimmung, wo mir alles gefiel, was ich hörte und sah, war auch sie mir interessant geworden. Täglich sah ich sie am Fenster, und mein Gruss wurde immer mit einer Freundlichkeit erwiedert, die von Herzen zu gehen schien. Einst war ich von einem frühen Spaziergange zurückgekehrt. Die ganze natur schwamm in einem Meere von Liebe und Entzükken. Ueberall Emporstreben und Entwikkeln jugendlicher Kräfte; überall Genuss und Freude. Ein Strom von Düften durchflutete die Luft, und drängte sich mit unsichtbarem Reize an die Herzen der Jugend. Der allgemeine Taumel ergriff auch mich, mächtiger, allgewaltiger als je. Süsse Schauer durchzukten meine Nerven, und mein Geist schwelgte ahndungsvoll in den Blütenhainen einer regellosen Phantasie. Ich f ü h l t e zu lebhaft, um d e n k e n zu können. Keine Beschäftigung wollte mir schmekken – mein Zimmer schien mir auf einmal zu klein geworden zu sein. Mechanisch trat ich ans Fenster. Die Alte war da, aber sie sah mich nicht. Ihre Augen, die unverwandt die Strasse hinabschauten, zogen meine Blikke unwillkührlich mit sich dahin. Eine weibliche Gestalt war es, worauf sie hafteten, und mit namenlosem Entzükken sah ich in ihr meine Unbekannte wieder. – Sie kam ganz nahe, gab ein kleines Zeichen mit der Hand, und ging schnell vorüber. Die Alte winkte ihr verstohlen. Ich warf mich die Treppe hinab, und sah sie noch von fern durch eine Kirchtür schlüpfen. Als ich atemlos hinkam, kniete sie schon. Die nächste Minute fand mich an ihrer Seite.
In vollkommner Betäubung brachte ich die ersten augenblicke zu. Eine neue Glut durchflog meine Seele; die Schönheit der ganzen Welt schien mir hier in eins zusammengedrängt zu sein, und in dieser sonderbaren Mischung von Bewundrung und Freude berauschte und verlor ich mich selbst. Hundert verschiedne Wünsche und Pläne entstanden und starben; Hoffnung und Verzweiflung, Verwegenheit und Furcht, Freude und Schmerz erschienen und flohen; alle Leidenschaften begegneten sich; jeder augenblick ging mit neuen Empfindungen schwanger. – Endlich gelang es mir, dies liebliche Angesicht mit mehr Fassung betrachten zu können. Ihr blick war ernst; Etwas wichtiges schien sie ausschliessend zu beschäftigen und für alles andre fühllos zu machen. Andacht war es nicht. Irgend ein Entschluss arbeitete sichtbarlich in ihrer Seele.
Der Zufall – denn so nennen wir alles, dessen Grund und Zwek uns verborgen ist – der Zufall wollte, dass ihr blick zulezt dem meinigen begegnete, und eine leichte Erinnerung schien bei meinem anblick dunkel vor ihrer Phantasie zu schweben. Auf ihren Wangen begann ein sanfter Rosenschimmer aufzublühen, und ein unschuldiges Wohlgefallen verklärte ihren blick. Die natur bedarf keines künstlichen Behelfs, um verständlich zu werden; ihrer wirkung gewiss, wählt sie immer die sichersten Mittel für ihren Zwek. Was bei künstlichen Menschen halbe Jahrhunderte kaum bewerkstelligen können, vermag bei Kindern der natur oft ein einziger