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Ich reiste ab; aber der überströmende Erguss meines Herzens, diese eigne, so vielen befremdliche Sprache, und der ausgezeichnete sonderbare Anteil, den ich an L o r e n z o ' s schicksal genommen, hatte die Neugierde dieses kleinen Publikums unabweislich auf mich gerichtet. Eine rastlos gespannte Aufmerksamkeit belauerte mit Argus Augen jeden meiner Schritte, und meine Arglosigkeit erleichterte den Erfolg ihrer Bemühungen. Man erfuhr sofort den Ort meines Aufentalts und meine übrigen Verhältnisse, und – was entgeht der geschärften fortgesezten Aufmerksamkeit mehrerer auf einen Zwek? – auch N a n e t t e n s stille Verborgenheit blieb kein geheimnis mehr! – L o r e n z o hatte Interesse erregt, seine geschichte hatte aufsehen gemacht, ich schien darein verwikkelt, die Lebhaftigkeit meiner Aeusserungen schien zur Erwartung eines wunderbaren Anteils zu berechtigen – und so war es kein Wunder, dass bei näherer Beleuchtung auch mein Umgang mit N a n e t t e n und unser geheimnis eine willkommne Beute für die unersättliche Neugierde des Haufens ward.
Je näher ich N a n e t t e n kam, desto unbändiger schlug mein Herz! – Ich dachte mir ihre sehnliche Erwartung, sah, wie sie mir mit sehnlicher Ungeduld entgegen flog, und verzweifelte, dass ich nun mit e i g n e r Hand die schönen Blüten ihrer Hoffnungen zerstören sollte. Unablässig schuf ich mir Plane, wie ich ihre Teilnahme sobald wie möglich auf andre Gegenstände ziehen könnte, und keiner schien mir unfehlbarer als der, mich selbst ihr als unglücklich, als ihres Trostes höchst bedürftig zu zeigen, und so ihr Herz zur Teilnahme zu bereden. Die Consequenz ihrer denkart würde sie, hoffte ich, dahin bringen, ihre Kräfte keinem zweklosen Harm aufzuopfern, sondern lieber zu retten was noch zu retten war. Ich betrog mich nicht – meine allzuängstliche Besorglichkeit zeigte vielmehr, dass ich N a n e t t e n s Wert noch nicht in seiner ganzen Grösse kannte. Ihr Geist hatte eine Reife, die der meinige erst noch unter Kämpfen zu erringen strebte, und sie hatte in ihrer Selbstbildung viele Schritte vor mir voraus getan. Hier lernte ich fühlen und verstehen, was wahre Grösse und Selbstständigkeit ist, und was sie vermag. N a n e t t e hatte ihren L o r e n z o mit voller Seele geliebt; die Nachricht die ich ihr brachte, erschütterte ihr Gefühl in seinen innersten Tiefen. Sie verliess mich mit dem lebendigsten Ausdruk ihres Schmerzes. Nach einigen Stunden kehrte sie zurück, – als Kämpfende hatte sie mich verlassen, als Siegerinn sah ich sie wieder. Mit den Waffen der Vernunft hatte sie mit ihrem Schmerz gerungen, und ihn nicht verdrängt, aber gebändigt. Von Vorurteilen frei, beweinte sie nur L o r e n z o ' s Verlust, nicht die Art seines Todes; nur die bittern bang durchkämpften Stunden, die ihm vorausgegangen sein mussten. Oft, wenn sie mich in der Folge in laute Klagen über das Schrekliche seines Todes ausbrechen hörte, ergriff sie ihre Laute, und sang mit einem Ausdrukke, der – tief eingreifend in die innersten Akkorde des Herzens – der unmittelbare innigste Ausdruk der Empfindung zu sein schien, zu einigen höchst einfachen, rührenden Tönen, mit einem unbeschreiblichen Zauber mir Trost ins Herz.
Bald bedurfte ich seiner weniger – denn alles wandelt – und kein Schmerz vermag dem stillen unbemerkten Einfluss schwindender Minuten zu widerstehen. Aber schneller und allumfassender tröstet Liebe, lehrt Liebe alles vergessen. Jede andere leidenschaft wird von ihr besiegt, – und die Forderungen der engsten übrigen Verhältnisse verhallen in diesem allgewaltigen Gesange der Empfindungen. Wir lebten wieder auf. Eine liebliche Beleuchtung umfloss von neuem die zarten Umrisse unsrer Lebensfreuden. Näher und mit jedem Tage näher und inniger vereinigte diese glückliche Zusammenstimmung unsre Empfindungen und unsre Grundsäzze. Welch ein unerschöpflicher und unermüdender Genuss liegt in dem innigen Umgange zweier so vertrauten, so nahe verwandten Menschen! – Damals verlangte ein Freund, mit dem mich gegenseitige achtung mehr als Neigung verband, meine Gegenwart wegen einer dringenden Angelegenheit. Das, was er mir zu sagen hatte, war wirklich für mich von der äussersten Wichtigkeit: Er entdekte mir, dass N a n e t t e n s Bruder ihren Aufentalt erfahren, dass er von Mächtigen unterstüzt, seine Rechte auf sie gerichtlich geltend zu machen gesucht, dass man daran arbeite, sich ihrer person zu versichern, und dass auch unser Umgang wegen der Verschiedenheit unsrer Religionen uns bald gänzlich untersagt werden würde. Die Gefahr war dringend; das Ungewitter schwebte über unsern Häuptern, – noch ein Windstoss – und es verschlang uns. Ein unwiderstehliches Missbehagen an meiner bürgerlichen Lage übermannte mich. Mir graute vor den gesezlichen Formen, die so vieler Ungerechtigkeit den Weg offen lassen, – ich dürstete nach einem freiern lebendigern Genuss meiner Existenz. Auf einmal durchblizte ein Gedanke meinen Kopf – ein Gedanke, vor dessen Kühnheit ich zuerst zurückschrak. Doch bald ward ich mit ihm vertrauter. Ich wog die Möglichkeit – die Schaale sank. Es glühte mir durch alle Adern, und mein Entschluss stand fest. Mit einer Eile, die sich selbst überflog, mit einer Herzensfülle, die den einzigen Weg, sich Luft zu schaffen, die Sprache, beinah unmöglich machte, eilte ich zu N a n e t t e n . Das Ungewöhnliche meines Ansehens befremdete sie, und ich erwartete nicht erst die Aeusserung des Wunsches, den ich in ihrer Seele werden sah. Kürzlichst unterrichtete ich sie von allem