Aus der unendlichen Masse des Urseins fliesst alles; zu ihr kehret alles wieder zurück. Alles Gute findet seinen Lohn; es findet ihn in sich, darf ihn nicht ausser sich suchen. Wo ist das Rätsel, das zur Auflösung einer andern Welt bedürfte? Das einmal gewesene Sein mischt sich, wenn es nun schwindet, wieder mit der unerschöpflichen, schaffenden Urkraft, ohne Spur, dass es war; es ist nun immer und ewig nicht mehr, und mein eigenes Dasein ist bloss an Erinnerung geknüpft. Wenn diese schwindet, so bin ich selbst nicht mehr, so ist ein andres Wesen an meine Stelle getreten. Der Staub vermischt sich mit dem Staube; der Lebensfunke mit der ewigen Urkraft. Er verlischt nicht; in andern Körpern wird er flammen; aber mein Ich ist dann auf ewig untergegangen.
Wenig fehlte, – und auch ich erlag der erdrükkenden Anstrengung eines Zustandes, wo wir bald vor eigner Grösse schwindeln, bald in Staub zerstieben, jetzt mit Zweifeln ringen, und jetzt einer fürchterlichen Gewissheit zu entrinnen streben, bald dem schicksal trozzen, und jetzt der notwendigkeit erliegen. Ich fühlte – was ich noch nie in so unbezwinglicher Stärke gefühlt hatte – das Bedürfniss, ein System zu haben, das in seiner göttlichen Erhabenheit alle Zweifel aufnehmen und entscheiden, das den sinkenden Geist aufrecht halten und ihn vor Verzweiflung bewahren könnte. Es ist nicht schwer, in unserm Zeitalter das Eine zu finden, dem ein göttlicher Geist das Siegel der Vollendung aufdrükte, die heilige Fakkel, die das sinkende Jahrhundert beleuchtet. Der Grund, warum ich es jetzt noch nicht in seiner ganzen Kraft zu erkennen, der ganzen Fülle von Befriedigung mich teilhaftig zu machen strebte, lag in den neuen Verhältnissen, in denen sich mein Herz unvermerkt immer fester und fester verwikkelt fand.
Weniger beklagt und mehr beklagenswert als L o r e n z o war L u i s e . Ihre Aeusserungen zwar waren sanft und gemässigt, aber die sichtbare Veränderung ihres Körpers schilderte die Grösse ihrer Leiden weit rührender als Worte. Dieser nagende Schmerz bei so viel stiller Ergebung forderte mich zur glühendsten Teilnahme auf, und das tiefe Gefühl des hier begangnen Unrechts schärfte meine Bitterkeit gegen die verschrobnen Verhältnisse der Gesellschaft. Hier sah ich zwei unglückliche Opfer derselben vor meinen Augen untergehen. Und was war ihre Schuld? – Ist Liebe, wenn sie nicht wählt, etwas anders als ein blinder Trieb des Bedürfnisses? Und kann sie bei ihrer Wahl die Verhältnisse mit in Anschlag bringen, von denen nicht s i e die Stifterinn war, die weit eher Werke des menschlichen Misstrauens und ihres Hasses zu nennen sind, und die sie alle vergessen und entbehren lehrt? Was Liebe fordert, kann Liebe nur gewähren; was sie verdient, nur durch sie belohnt werden; was sie leidet, kann Liebe nur würdigen. – Bedarf es, um zu lieben, erst der erlaubnis eines Dritten? – Der hohe Grad meines Unwillens und der lebendige Gedanke, vielleicht etwas Gutes bewirken zu können, machten mir eine Erklärung gegen L u i s e n s Vater notwendig. Vielleicht hatte ihm noch niemand gesagt, was i c h ihm zu sagen gedachte; vielleicht gelang es mir, an der Fakkel meiner lodernden Empfindung sein erstorbenes Herz zu erwärmen, einen wuchernden Gedanken in seine unfruchtbare Seele zu werfen. Aber ich betrog mich. Die Macht der Gewohnheit hatte sein Herz mit einer dreifachen Rinde umzogen, und keine Vorstellung war mächtig genug, ihn aus dem eingezognen Kreis seiner Ideen herauszulokken. Seine Tugend war Eigennuz, seine Redlichkeit ein ausgeliehenes Capital, seine Andacht Worte, seine Liebe tierisches Bedürfniss. Alles andre war ihm Schwärmerei, und unter diesem Namen hatte keine lebendige, edle Empfindung Zutritt in seinem Ideenreiche. Er lebte nicht; er vegetirte. In drükkender Einförmigkeit der Begriffe, ewigem Wiederkäuen der Ideen verödete sein Kopf und erstarb sein Herz. Unbesorgt verbarg er seine Geistesarmut in das allumfassende bequeme Gewand der Religion, zu der er sich bekannte, und indem er sich getrost ein fremdes Verdienst zueignete, glaubte er von der beschwerlichen Pflicht, aus eigner Kraft gut zu handeln, entbunden zu sein. Ich verzweifelte an diesem Automaten, und zürnte mit der wunderbaren Laune des Zufalls, der das heilige Gefühl einer L u i s e neben diesem Herzlosen aufblühen liess, und in eine Einöde achtlos die Düfte einer Rose verschwendete.
So teuer mir L u i s e war, so innig das zarte Band des Mitleidens und der Teilnahme mein Herz an sie fesselte, so unwiderstehlich ward es doch von jenem allgewaltigen, unauslöschlichen Gefühl, das mich zu N a n e t t e n hinzog, verschlungen. Ich wollte für L u i s e n handeln, ihr, wo möglich, in ihrem Vater einen Freund erwerben, aber das Schicksal spottete meiner Bemühungen. Wenn ich ihr nicht fortdauernd nüzzen konnte – was konnte ihrem wunden Herzen der Verband eines Tages helfen? Was ist überdem einer zarten Seele in diesem gespannten Zustande leichter, als sich mit kindlichem Vertrauen an den einzigen Gegenstand, der mit ihr sympatisirt, anzuschliessen, fester, inniger als das zarte Gebäude ihrer wiederkehrenden Ruhe es ertragen mag? – und ein zweites losreissen ist für so weiche Herzen, die nur durch Empfindungen, nicht durch Grundsäzze geleitet werden, fast immer tödtlich oder entehrend. Sie lernen sich an Verwechslung gewöhnen, und verlieren mit ihrem glühenden zarten Gefühl ihren schönsten Vorzug. Ich fühlte dies, und was vorhin nur Wunsch gewesen war, dünkte mir nun Pflicht