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ihm. natürlich, dass mein Schmerz hiedurch zwiefache Stärke erhielt. Auch der Gedanke an N a n e t t e n vermehrte seine Bitterkeit. Von meinen eignen Leiden glaubte ich auf die Grösse der ihrigen schliessen zu können. Wie sollte ich mit dieser fürchterlichen Nachricht vor ihr erscheinen? – und konnte ich sie ihr verbergen? – wollte ich es? –

Das, was zuerst meine Aufmerksamkeit wieder auf mehrere Gegenstände zog, und mich von jenem starren Verweilen bei Einem, wo alle Kräfte zulezt in Stokkung geraten, zurückke brachte, war der Wunsch, L o r e n z o ' s ganzes schicksal zu erfahren, es im Zusammenhange zu wissen, was ihn so unabänderlich aus dem Gebiet aller menschlichen Aussichten und Hoffnungen hinausgewiesen hatte. Ich erfuhr es teils aus den wenigen Papieren, die er zurückgelassen, teils aus den mündlichen Berichten jenes Kaufmanns und L u i s e n , seiner Tochter, mit denen ich in nähere Bekanntschaft geriet.

Mit wundem Gefühl, gespannter Imagination, in halber Verzweiflung kam L o r e n z o hier an. Sein Herz schlug der Umarmung eines trauten Wesens mit heisser sehnsucht entgegenund er fühlte sich allein in der Welt. Er sah L u i s e n ; er musste sie malen, und er studirte sich unbesorgt immer tiefer in diese lieblichen Züge ein. Die Schönheit ihrer Umrisse lokte seinem Künstlergefühl zuerst Bewundrung ab, und Bewundrung ist das Morgenrot der Liebe. L u i s e war ein holdes, Zutrauen erwekkendes geschöpf. Er liebte zum erstenmal; seine leidenschaft musste bei so hoher Schwärmerei, so reizbarer Organisation, unter diesen Umständen, bald eine Höhe erreichen, wo wir nur zwischen Befriedigung und Tod wählen können. L u i s e fühlte für ihnsie gestand, dass sie ihn liebteund die freundliche Magie eines heitren Sonnenbliks sendete vorübergehend eine frohe Beleuchtung auf die dunkeln Labirinte seines Lebens. Aber bald vernahm der Vater das Verständniss seiner Tochter. Dieser Mann war kein böser Mensch; er war weniger. Ohne Charakter, furchtsam und schwach hielt sich seine kränkelnde Vernunft ängstlich an die seelenlosen Formen des vergangenen Jahrhunderts, deren Geist er nicht einmal verstand. Er forderte L o r e n z o zu einer Erklärung auf, und dieser, so innig er immer fühlte was es hier galt, kannte keine Rüksicht, die ihn zu einer Untreue an der Wahrheit hätte verleiten können. Er erzählte ihm die ganze geschichte seines Lebens, – ach! und sein Gegner verstand den hohen Wert dieses Zutrauens nicht! – Als eifriger Catolik war zwischen L o r e n z o und seiner Tochter an keine Verbindung zu denken. Die Liebe für sein Kind schüzte er als Bewegungsgrund vor. – Aber das dünkte ihm noch nicht genug. Er stellte ihm die Hülflosigkeit seiner Lage mit einer Schärfe vor Augen, die den Unglücklichen auf die Folter spannte, und auch den fernern Umgang mit L u i s e n untersagte er ihm. L o r e n z o erlag unter der Last dieser Vorstellung. Eine fürchterliche Mutlosigkeit lähmte alle Kräfte seines Geistes. Er w o l l t e an seine Rettung keinen Versuch mehr wagen. Alle Ansprüche andrer auf ihn schienen ihm erlassen, so wie seine eignen Rechte auf Glück unwiederbringlich vernichtet. Für ihn gab es keinen Beschüzzer in den Wolken, er hielt es für einen kindischen Stolz der Menschen, einen Gott zu glauben, der jeden ihrer Tage bewachte und mit eignen Händen die kleinsten Begegnisse ihres Lebens bildete und lenkte. Er sah nur den einsamen unabänderlichen gang eines unbezwinglichen Schiksals, das über Menschenleben und Menschenglück, wie über zerschlagne Fluren und erdrückte Würmchen zu unerforschten Planen, die kein menschliches Auge zu erreichen vermag, – dahinschreitet, und die natur mit allen ihren Erscheinungen und den Menschen mit allem seinen Willen, darin aufnimmt und berechnet. Aufopferung einzelner Teile zu höhern Zwekken fürs Ganze, glaubte er, sei ein allentalben befolgtes Gesez. Er hasste jene eigennüzzige Tugend, die den Himmel um seine Kronen zu betrügen strebt, und für die Aussicht eines überschwenglichen Lohnes geduldig mitten im Jammer der Erde weilt. Der edlere Mensch findet seinen Lohn schon hier, einen gegenwärtigen, selbstgemessenen, selbsterworbenen Lohn. So hatte leidenschaft sich in das ehrwürdige Gewand eines Systems gehüllt, und bei dem schreklichen Zusammenklang seiner Neigung und seiner Grundsäzze wuchs und gedieh der blutige Entschluss bis zur Ausführung.

Was ich jetzt empfand, als ich L o r e n z o ' s Ideen gang, alles was er erlitten, nun so ganz im Zusammenhange übersah, das ist vielleicht das grösste Unglück eines fühlenden Wesens. Die fürchterlichsten Zweifel an allem, was den Menschen wichtig ist, zerrütteten meine Ruhe. Ich hatte bis jetzt mein Gefühl gebildetmeine Denkkraft hingegen weniger geübt; und doch ist das richtige verhältnis zwischen beiden allein die Bedingung unsres Glücks. Ich verzweifelte an allem Vortrefflichen, an allem Glück in der Welt. Was war der Zwek des Daseins? – eine trostlose notwendigkeit schien allentalben den freien blick der Untersuchung zu hemmen. Was sollte mir eine Welt, wo Rechtschaffenheit foldert und inniges Gefühl zum Mörder macht, wo zwischen Pflicht und Neigung ein quälender Widerspruch waltet? – und wenn mir nur dies ein Recht gegeben hätte, auf eine bessre Welt zu hoffen! – aber so wenig wie der giftige Biss einer Natter, oder das verheerende Wüten des glühenden Vulkans. Alle Kraft entwikkelt sich und wirkt, w o und w i e sie kann.