das enträtseln würde. Als ich ihn bat, mich mit der umliegenden Gegend bekannt zu machen, tat er es so mechanisch, als wäre die G e w ä h r u n g einer Bitte die unausbleibliche, notwendige Folge derselben. Aber ein geheimer Instinkt schien ihn unwillkührlich an die schauderhaftesten Stellen zu leiten, und mir graute vor dem finstern geist der Schwermut, der hier sichtbarlich ruhte. jetzt standen wir auf einem Felsenhange still, und schauten der untergehenden Sonne nach. Eine tiefe Stille herrschte um und neben uns im Himmel und auf der Erde. L o r e n z o sah in die untergehende Sonne mit einer so feierlichen Rührung, dann blikte er nach einer Gegend der Stadt mit so schmerzhafter Entsagung – es lag etwas in seinen Blikken – etwas so schrekliches – dass ich es nicht zu deuten wagte. Er schien in Gedanken zu versinken, aus denen ihn nichts herauszureissen vermochte – für ihn gab es kein lebendiges Wesen mehr in der Welt – er war allein – und ich wagte es nicht ihn zu stören, bis er endlich wie aus einem schweren Traum erwachte. Sterben? – wiederholte er sich, als wäre diese Frage bis jetzt der Inhalt seiner Gedanken gewesen – und liegt denn so viel Fürchterliches in diesem einzigen Worte? – ist es wert, um dieser einzigen zu e n t g e h e n , alle Qualen des Lebens zu e r t r a g e n ? – Wiegt nicht so manches Leiden des Daseins tausendfältig diese einzige durchseufzte Stunde auf? – Darf ich für noch ungewisse Uebel nicht die gewissen hingeben? – Aber eben diese Ungewissheit ist es, die dem Menschen fürchterlicher als die schreklichste Gewissheit dünkt. – Doch was ist es, dass er ihr zu entfliehen strebt? – notwendigkeit schleppt ihn langsam dahin, wohin ein einziger rascher Schritt der Willkühr ihn bringen kann, und es wird ihm nicht heller, wenn er von verzehrender Krankheit zerrüttet, den lezten entscheidenden augenblick herannahen sieht. Und hat der freie Mensch nicht vor unedlern Wesen, die ein drükkendes Dasein langsam dahin schleppen, bis es ein Zufall zerstört, d a s voraus, dass er freiwillig ein aufgezwungnes Dasein vernichten kann? – Welcher kühne Gedanke, das schicksal selbst zu beherrschen, und mit stolzer Entbehrung die zu leben vergönnten Tage als überflüssig zurück zu geben! – Hier schwieg er, und ein bedeutendes Lächeln, als freute er sich eines neuen Siegs über einen schwer zu bekämpfenden Feind, durchflog seine Züge. – Mir schauderte, eine fürchterliche Hellung hatte sich auf einen augenblick über meine Zweifel verbreitet. Sterben! – dem jugendlichen, mit hundert süssen Zauberbildern ringenden, in aller Fülle der Gesundheit schlagenden Herzen war dieser Gedanke so fremd! – Ich wusste es selbst nicht, dass ich dies Wort so laut und so bedeutend ausgesprochen hatte, aber L o r e n z o sah mich mit Befremdung an. – In einem augenblicke hatte er seine kalte, verschlossne Fassung, seine stille Besonnenheit wieder. Vergebens suchte ich mich in seine Selbstgespräche einzudrängen, vergebens durch neue Zweifel Verwirrung in sein System zu bringen, vergebens alle saiten seines Gefühls gewaltsam zu spannen – ein Lächeln vor dem ich erschrak, und ein halb unwilliges Schweigen war alles, was ich erhielt. – Es war eine schrekliche Nacht; kein Schlummer kam in meine Augen. Unablässig quälte ich mich mit Entwürfen, die mir bald unfehlbar, bald ganz zweklos schienen. Was ihn auch dahin gebracht haben konnte – nur ein erschütternder Schlag, das war gewiss, vermochte ihn aus diesem grässlichen Zustande zu retten. Ihm einen solchen zu bereiten, das war es, was die ganze Nacht durch alle meine Seelenkräfte höchst angreifend beschäftigte. In aller Frühe eilte ich zu ihm. Ich fand ihn nicht, er war ausgegangen, niemand wusste wohin. Eine erschütternde Ahndung durchfuhr mein Herz, und das Blut stokte mir einige Momente lang. natürlich, dass ich kein Mittel, Nachricht von ihm zu erhalten, unversucht liess. Man sagte mir von einem Kaufmanne, wo er sonst einen grossen teil seiner Zeit zuzubringen pflegte, und ich eilte dahin. Die erschrokkene Verlegenheit dieses Mannes, noch mehr die ängstliche Erschütterung seiner Tochter, die mit todtenblassen Wangen das Zimmer verliess, als ich sie von L o r e n z o ' s Verschwinden benachrichtigte, überzeugten mich, dass er ihnen kein blosser Bekannter sein musste. Hier glaubte ich den Grund seiner Schwermut suchen zu müssen, und je reizender das Mädchen war, die ich hier gesehen, desto mehr zitterte ich für meinen Freund. Einige Tage vergingen in der fürchterlichsten Spannung, selten von schwacher Hoffnung erheitert – mit einer Wahrscheinlichkeit kämpfend, die in jedem augenblicke in schrekliche Gewissheit überzugehen drohte. Endlich verbreitete sich ein Gerücht, dass man in einer der verödetsten Gegenden einen jungen Mann mit zerschmettertem Gehirn gefunden habe. – Es war L o r e n z o . Ein Pistolenschuss hatte ihn getödtet.
jetzt, zum zweitenmal, fühlte ich mich mit namenlosem Jammer in den endlosen Labirinten eines tiefverwundeten Gefühls verschlungen. Alle meine Träume von künftigem Glückke verblichen im Nebel der Gegenwart, und selbst das Andenken an die Vergangenheit vermochte es nicht, mich aufzuheitern. – Die Phantasie wuchert mit verlornen Gütern, und jeder Verlust erhöht in unsern Augen den Wert des genossnen Glücks. L o r e n z o war mir teuer gewesen – jetzt betete ich ihn an; ich hatte mich an seiner Vortreflichkeit geweidet, – jetzt beweinte ich den ersten aller Menschen in