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des Schuzzes der Gesezze freuen zu dürfen? – sind sie nicht fast allentalben mehr der Willkühr des Mannes unterworfen? wie wenig wird noch jetzt auf ihre natürlichen Rechte, auf den ungestörten Genuss ihrer Freiheit und ihrer Kräfte Rüksicht genommen! werden sie nicht vielmehr bloss g e d u l d e t als b e s c h ü z t ? –

N a n e t t e , rief ich mit glühenden Wangen, und presste ihre beiden hände an mein Herz, so lass denn diese äusserlichen Vorkehrungen, die für arglose Herzen, wie die unsrigen, nicht gemacht sind. gibt es eine F o r m , die der I n h a l t nicht heiligt? – kann etwas ehrwürdiger sein als unsre Verbindung? – Zwei freie Wesen schliessen den Bund, gemeinschaftlich zu wirken, gemeinschaftlich Gutes zu tun, gemeinschaftlich zu l e i d e n . – Unser Bund besteht durch e i g n e K r a f t . Nicht die zerbrechlichen Stüzzen von priesterlichem Seegen, von bürgerlicher Ehre, von kränkelnder Gewissenhaftigkeit halten ihn. W i r s e l b s t sind uns Bürge für u n s s e l b s t . – Weder natur noch Vernunft lehrten die Menschen diese Vorkehrungen zu gebrauchen. Klugheit tat es, eine Tugend, die erst aus den Trümmern menschlicher Unschuld und Reinheit hervorwuchs, und durch Verdorbenheit nötig ward. – Ob w i r sie bedürfen? – Liebe! kennen wir uns nicht? – Wir werden ewig so sein, weil wir es jetzt sind! –

Die Tante nahm das Wort. Nanette schwieg; aber ein Stral von unbeschreiblicher Liebe und Hoheit drang aus ihrem Auge in meine Seele. Ich sah in ihrem Blikke die höchste Stufe menschlicher Veredlung, das reinste Ideal menschlicher Schönheit, die zarteste Verhüllung grosser himmlischer Gefühle. Sie vergessen junger Mensch, sagte die Tante mit ruhiger Fassung, dass die Gesellschaft, worinn Sie leben, allerdings Gehorsam für ihre Verordnungen von Ihnen verlangen kann, dass Sie ihr für die Bildung, für die Vorteile, die sie Ihnen verliehen, auch achtung für ihre Forderungen schuldig sind, und dass es nicht so leicht ist, als Sie jetzt glauben, die ruhigen sichern Vorteile bürgerlicher Verhältnisse dem Genuss eines Gutes aufzuopfern, das leidenschaft Ihnen jetzt als das höchste einzige vor Augen stellt. O Mutter, unterbrach ich sie mit aller Fülle des überströmenden n e t t e liess mich nicht lange in Zweifel. Mit überströmender Freude fiel sie mir um den Hals. Für sie gab es nur e i n e n Lorenzo in der Welt. O! weist du vielleicht wo er jetzt ist, rief sie mit zärtlichem Ungestümmverbirg mir nichts, ich bin seine Schwester! – Ich drückte sie glühend an mein Herzundwas mir unmöglich geschienen hatteich liebte L o r e n z o ' s Schwester mehr als Nanetten, Nanettens Bruder mehr als Lorenzo. Mein Entzükken war gränzenlos. – Was unsre glühende Ahndung uns bereits für Gewissheit gegeben hatte, bestätigte sich nun durch Tatsachen. Lorenzo, mein Freund Lorenzo, war ihr jüngrer Bruder. Sie erzählte mir nun so gedrängt als möglich, wie sie aus G e n u a glücklich entkommen, und P a r i s zu ihrem Aufentalte gewählt, weil sie hier am unbekanntesten zu leben gehofft hätten, wie aber, aller Vorsicht zum Troz, ihr älterer Bruder sie entdekt, und unvermutet vor ihnen erschienen sei. Unter der Maske der innigsten Bruderliebe hatte er von neuem Nanettens Herz für sich zu gewinnen, alle gegebene Veranlassungen zum Argwohn von Irrungen herzuleiten, alle seine Handlungen in ein reines uneigennüzziges Licht zu sezzen gesucht. Aber bald ward es sichtbar, dass er noch immer für den Cardinal warb. Sein Anliegen ward mit jedem Tage dringender, und die besorgliche Tante fürchtete neue Gefahren. Damals sah sie L o r e n z o in einem der seltenen, glücklichen augenblicke, wo sie einer s c h e i n b a r e n Freiheit genossen, – denn ein heimlicher Mietling ihres argwöhnischen Bruders musste ihm für jeden gefährlichen ihrer Schritte Bürgschaft leisten. Die Vollendung, welche reifere Jahre N a n e t t e n s und L o r e n z o ' s ganzem Ansehn gegeben hatten, musste sie notwendig verändert haben, aber sie erkannten sich bald. Der erste augenblick war Zweifel, der zweite Glaube, der dritte schon überzeugung. Das dringende der Umstände kürzte alle strenge Untersuchung ab. Einige geflügelte Worte benachrichtigten L o r e n z o von ihrer jezzigen Lage. Sein Entschluss war halb gefasst. Was er auch zu wagen hatte, er kannte keine Furcht, wenn es darauf ankam, für einen Andern zu handeln, – und dieser Andere war Nanette! – was ihm sonst nur Pflicht geschienen, war ihm hier B e l o h n u n g . Das Glück begünstigte seine gewagten Unternehmungen, und Nanettens Scharfsinn wusste die Arglist ihres Bruders mit so gutem Erfolge zu hintergehen, dass er ihre Abreise erst dann erfuhr, als es für ihn zu spät war. Glücklich erreichten sie das kleine einsame Landhaus, ein Eigentum der Tante, welches sie jedoch jetzt zum erstenmal bewohnte. Desto sichrer konnten sie hoffen hier unentdekt zu bleiben. Doch nun verliess sie L o r e n z o . Der teil der Schweiz, worinn das Landhaus lag, bekannte sich zu der Religion, die er so höchlich beleidigt