die Meinung der Menge, und das schon über ihn gefällte, ungünstige Urteil derselben war ihm nicht fremd. Doch seine Bedürfnisse sprachen lauter als seine Furcht. Ein argloses Weib zu berükken, glaubte er, sei überdem ein weit belohnenderes und sicheres Geschäft. Mit allen Ueberredungen der Liebe führte er nun die unbefangene N a n e t t e in sein Haus; nur die Begleitung ihrer Tante, deren scharfen, geübten blick er scheute, verbat er sich unter mancherlei Vorwand. Aber wie ein schüzzender Seraph schwor sich diese ihren Zögling nicht zu verlassen, und unsichtbar über seine Sicherheit zu wachen. Heimlich reiste sie zu gleicher Zeit mit N a n e t t e n nach Genua, wo sie in tiefster Verborgenheit lebte, und unentdekt, mit Argus Augen alle Schritte ihres Neffen bewachte.
Der selbstsüchtige, abgestumpfte Weltmann glaubte, durch die reinen glühenden Aeusserungen eines gefühlvollen Herzens, die er nicht verstand, irre geführt, es bloss mit einer guterzigen Schwärmerinn zu tun zu haben, und er hielt seinen Zwek für erreicht, sobald es ihm nur gelungen sein würde, ihr das klösterliche Leben von seiner romantischen, heitern Seite dargestellt zu haben. Selbst der Wahn, dass ihr geliebter jüngrer Bruder freiwillig diese Lebensart gewählt, und sein Glück in ihr gefunden, den er bei ihr so lang als möglich zu unterhalten suchte, sollte ihm, hoffte er, von grossem Nuzzen sein. Aber er fand gar bald, dass er sich hier sehr verrechnet hatte. Die kalten, unwiderlegbaren Gründe, die N a n e t t e seinen hochgespannten, absichtlich verschönerten Schilderungen entgegen zu sezzen wusste; die sanften, vernünftigen, nur für ihn nicht ausführbaren Ratschläge, die sie ihm mit herzlicher Teilnahme gab, wenn er mit ihr von seiner misslichen Lage sprach – dies alles war ihm unbegreiflich und stürzte ihn in Verzweiflung. Keine Ueberredungen, keine Bitten, keine Gründe, keine noch so blühende Malereien konnten ihr das leiseste Wohlgefallen an einem stand abgewinnen, von dem kalte, ruhige Vernunft und warmes inniges Gefühl sie gleich weit entfernt hielten. Mit Erstaunen sah ihr Bruder hier alle seine für unfehlbar gehaltenen Kunstgriffe scheitern, und schon dachte er mit heimlichem Widerwillen auf Gewalt, als ihm ein gefälliger Zufall von einer andern Seite zu hülfe kam. Der Cardinal ** sah N a n e t t e n , und fand ihr ganzes Wesen so unaussprechlich reizend, dass er ihrem Bruder unermessliche Vorteile versprach, wenn er sie bewegen könnte, mit ihm als Gesellschafterinn zu leben. Ihr Bruder hoffte alles; die Proben, die er von Nanettens heller Denkart hatte, schienen ihm dafür zu bürgen, dass er hier wenig Vorurteile zu bekämpfen haben würde. Aber er vergass auch jetzt auf die innige Harmonie, die zwischen Nanettens denke- und Empfindungsweise herrschte, Rüksicht zu nehmen, und ihm, der es verlernt hatte an menschliche Vollkommenheit zu glauben, kam das Natürlichste unbegreiflich vor. Eben das Mädchen, welches die entehrende Einschränkung des Klosters mit ruhiger Würde von sich gewiesen hatte, schlug jetzt, eben so entscheidend, den Antrag einer nicht selbstgewählten Abhängigkeit von einem ihr gleichen Wesen, die sie in die traurige notwendigkeit versetzt haben würde, entweder beherrscht zu sein, oder durch Kunstgriffe zu herrschen – und beides verabscheute sie – aus. Sie verlangte gleiche Rechte mit dem mann, den sie lieben wollte, und die Persönlichkeit des Cardinals war ihr noch weit mehr als alle übrigen Verhältnisse, ein unabänderlicher Grund ihrer Weigerung. Ohne achtung wollte sie nicht lieben, und diese verdiente er nicht. So war ihre Antwort bestimmt, durchdacht, und alle Hoffnung auf immer ausschliessend. Im vollen Vertrauen auf sich selbst, sich immer gleich, fiel es ihr jedoch nicht ein, den Umgang ihres Liebhabers fliehen zu wollen. Er war es, in dessen Gesellschaft ich sie zuerst gesehen, und dessen damaliger Zorn sehr bald verraucht war. Nur ihr Bruder war nicht so leicht zu versöhnen. Unablässig sann er im Stillen auf neue Entwürfe, die bald in Handlungen überzugehn drohten. Der wachsamen Tante entgingen seine dunkeln Schöpfungen nicht; es schien ihr Zeit, ihren Liebling nicht länger allein zu lassen, und durch geheime Wege erhielt N a n e t t e Nachricht von ihrer Nähe, und von dem Plane mit ihr zu entfliehen. Alles war verabredet, und die Stunde der Ausführung nahte herbei. Damals war es, wo ich sie in der Kirche zum zweitenmal sah, wo der Gedanke an das strenge Verbot ihrer Tante, schlechterdings keinen Mitwisser ihres Geheimnisses zu haben, und die Furcht, durch mich vielleicht unschuldigerweise verraten zu werden, ihr meine Gegenwart so drükkend machte, und sie zwang, ihre Zuflucht zu einer List zu nehmen, die mir so unendlichen Kummer verursacht hatte. Meine glühende Ungeduld verhinderte sie hier an der Vollendung ihrer geschichte. Die Aeusserung, dass diese Flucht der vornehmste Grund sei, warum Nanette einen Schritt nicht tun könne, der die neugierige Aufmerksamkeit des Haufens zu sehr an sie fesseln würde, war mir zu wichtig, als dass ich in diesem augenblicke noch für etwas anders hätte Sinn haben sollen. Ich schwor ihnen, sie gegen alle Beleidigung zu verteidigen; ich verwies sie auf den Schuz der Gesezze, aber ich überzeugte sie nicht. Die Rechte, die Nanettens Bruder auf seine Schwester hatte, waren in den bürgerlichen Gesezzen gegründet, wer konnte sie ihm nehmen? – sie fürchteten für ihre Freiheit – und ich durfte es ihnen nicht verdenken. Wo haben wohl Weiber das Recht, sich unmittelbar