Es ist die Feder, die das ganze Kunstwerk unsrer Tätigkeit in Bewegung erhält, unsre Kräfte entwickelt, und am Baum des Zieles unaufhörlich Blüten des Vergnügens für uns hervorsprossen lässt. Was die natur selbst in unser Wesen eingeflochten, was sie zur Bedingung unsrer Erdenseeligkeit gemacht – dürfen wir uns dessen schämen? – Ich sah Nanetten o f t , aber ich wünschte sie unaufhörlich zu sehen, ich besass ihr Vertrauen, aber ich rang nach dem höchsten innigsten Grad desselben, ich fühlte es mit jedem augenblicke, dass sie mich liebte, aber ich verlangte aufloderndes Gefühl, leidenschaft. Meine sehnsucht nach ihr ward Qual, ihre Abwesenheit Tod. Ihr Bild verwebte sich in meine Träume; war ich fern von ihr, so beschäftigte sie mich unaufhörlich, und sah ich sie, so stürzte mich das oft in Verzweiflung, dass ich ihr nicht so ausdrükken konnte, was ich fühlte. Endlich unternahm ich es, ihr meine Leiden, meine sehnsucht und meine Wünsche zu schildern. Es tat mir weh, ihr bekennen zu müssen, dass der freundliche Zauber ihrer Gegenwart allein nicht mehr alle andre Wünsche auszuschliessen, nicht mehr mein höchstes Glück auszumachen vermöchte; aber es war nun einmal so – sollte ich sie hintergehen? – Ich bat sie, ihr schicksal ganz an das meinige zu ketten, und durch Befolgung der gesezlichen Formen hierbei allen lästigen Folgen auszuweichen. Diese Erklärung machte sie nachdenkend; die Tante noch mehr. Beide hielten jetzt eine Erzählung für notwendig, die uns allen so lange entbehrlich geschienen hatte. Was sie mir in Fragmenten, bald mehr, bald minder weitläuftig mitteilten, war ungefähr folgendes.
N a n e t t e war in Genua geboren, und hatte ihre älteren so früh verloren, dass ihr Gehirn kaum ein bleibendes Bild von ihnen aufzufassen vermochte. Zwei Brüder, der eine fast in gleichem Alter mit ihr, der andere beiden weit in Jahren überlegen, teilten dies traurige schicksal. Indessen war der persönliche Verlust ihrer älteren damals das einzige, worüber sie sich zu beklagen hatten. Durch die hinterlassenen Reichtümer derselben war für alle ihre Bedürfnisse z u b i l d e n was sie in ihnen fand; a n b i l d e n wollte sie ihnen nichts. – Ihre Hoffnung, ganz ihr Werk vollendet zu sehen, ward nur zur Hälfte erfüllt. Der Knabe ward ihr zu bald entrissen, aber durch N a n e t t e n genoss sie der Wollust, ein edles Weib in seiner hohen angestammten Würde rein und unentweiht ihren Zeitgenossen dargestellt zu haben.
Indessen hatte der ältere Bruder unaufhörlich in
Vergnügungen aller Art geschwelgt. natürlich, dass es ihm zulezt an Mitteln zur Befriedigung seiner immer wachsenden Bedürfnisse gebrach, natürlich dass er nun mit der Kraft zu g e n i e ss e n auch die Kraft zu e n t b e h r e n verloren hatte, und nun auf unrechtmässige Behelfe sann, da keine rechtmässigen mehr in seiner Gewalt waren. Was konnte ihm näher liegen, als das ihm anvertraute Vermögen seiner Geschwister; was konnte bei der Verfassung seines Landes leichter sein, als sich selbst einen teil desselben zuzueignen, wenn er sie zum klösterlichen Leben überreden könnte? – O f f e n b a r e Gewalttätigkeiten erschrekten seinen entnervten Geist, aber kein h e i m l i c h e r Kunstgriff konnte ihm zu schwarz und unedel sein. An seinem Bruder wollte er den ersten Versuch wagen, und als einen vierzehnjährigen Jüngling liess er ihn zu sich kommen. Er fand in ihm ein Wesen von unbiegsamer Rechtschaffenheit, trozziger anhänglichkeit an seine Pflichten, alle Leidenschaften noch in tiefem Schlafe, durch hohe Schwärmerei zu jeder Resignation bereit – und sein Plan war gemacht. Der Scharfsinn, den er besass, wenn es darauf ankam, seinen eignen Vorteil zu finden, half ihm bald einen Plan entwerfen, der ihm nur allzuglücklich gelang. Er wusste dem Jünglinge, was er für ihn getan, so ans Herz zu legen, wusste ihm seine eignen Verhältnisse so unzerreissbar, seine Lage so verwikkelt, seine Bedürfnisse so dringend darzustellen, dass jener es kaum des Dankes wert hielt, wenn er ihm mit allen seinen Rechten, allen Aussichten auf Lebensgenuss ein unwiederbringliches Opfer brächte, und nur beweinte, dass es ihm nicht mehr Ueberwindung kostete. Mit der grössten Freudigkeit liess er sich einkleiden. Aber bald entfaltete sich sein Geist mit Riesenschritten. Seine aufwachende helle Vernunft stellte ihm das Unzwekmässige, Naturwidrige seines jezzigen Lebens im fürchterlichsten Lichte vor Augen. Er schauderte zurück vor den Fesseln, mit denen verjährte, geheiligte Vorurteile seine Denkkraft zu entnerven drohten. Sein Orden war nicht streng genug, um ihn g a n z von der Welt zu entfernen; er lernte sie genug kennen, um zu wissen was er in ihr verloren, sah seinen Bruder im Ueberflusse schwelgen, während er seiner vermeinten Rettung das höchste Gut des Menschen, seine Freiheit, aufgeopfert hatte. Seine Zweifel wurden Gewissheit, sein Wanken, Entschluss. Er entfloh, und entzog sich der Rache seines unversöhnlichen Bruders und des beleidigten Ordens.
Dieser misslungene Versuch konnte den Unersättlichen nicht von einem zweiten abschrekken. Und was hatte auch e r eigentlich dabei verloren? – Sein unglücklicher Bruder hatte sich ja auf ewig des Vermögens beraubt, auf seine eigentümlichen Rechte Anspruch zu machen, wenn er nicht seine Freiheit, sein Leben selbst bei diesem misslichen Versuche aufs Spiel sezzen wollte. Aber es lag in seinem Wesen, vor jeder kundbar werdenden Uebeltat zurückzubeben; er fürchtete