1794_Mereau_069_10.txt

geschöpf finden können! – Diese tief aus dem Herzen hervorquellende Heiterkeit, dies unerreichbare Talent Freude zu fühlen und fühlen zu lassen, die holde Malerei ihrer Phantasie, die hohe Wahrheit ihres Geistes, bei so viel feiner Bildung, dieser rein durchdachte Widerwille gegen alle Ungerechtigkeit, verbunden mit einer so himmlischen Gestalt! – alle Gefühle vereinigten sich, mich auf den höchsten Gipfel menschlicher Glückseeligkeit empor zu heben.

Als ich sie zum zweitenmal wieder sah, fragte sie mich mit ungeduldiger Eile, ob ich vielleicht das geheimnis ihres Aufentalts schon an einen dritten verraten hätte? – ich hatte es nichtmeine Empfindung war mir zu heilig, zu einzigich fürchtete sie durch eine misslungne Schilderung zu entweihen, und die selbstsüchtige gefälligkeit eines Vertrauten, der im ähnlichen Fall auf gleiche Nachsicht rechnet, dünkte mir unerträglich. Nanette e m p f a h l mir die strengste VerschwiegenheitVersicherungen verlangte sie nicht; sie selbst war ja die Seele meiner Handlungen; – die leiseste Ahndung ihres Willens war mir Gesez; es konnte ihrem Scharfsinn nicht entgehen, dass auch ohne Schwur ihr Verlangen mir heilig bleiben würde. Sie führte mich den steilen Pfad hinauf, den ich sie tages zuvor hatte betreten sehen; der Weg drängte sich immer heimlicher durch ein dicht verwachsnes Gebüsch, und endete nach einer kurzen Wallfart vor der Tür eines kleinen Hauses, das sein Aeussres in nichts von gewöhnlichen Bauerhütten unterschied. Desto lieblicher war der Eindruk, welchen sein gefälliges, aber kunstloses Innre auf die Sinnlichkeit machte. – Hier Mutter, sagte N a n e t t e mit der süssesten Anmut, und stellte mich vor eine schon etwas bejahrte Frau hin, hier bring ich dir ihn selbst. Mein erster blick überzeugte mich, dass ich hier nur eine alte Bekannte wiederfand. Es war eben die Alte, die ich in G e n u a , ohne zu ahnden, wie interessant sie mir einst werden würde, so gern gesehen hatte. Sie nahm mich freundlich auf. Der Ruf hatte ihr Fragmente von mir geliefert, aus denen sie, wie ich bald fühlte, kein ungünstiges Resultat gezogen haben musste. Auch sie verlangte Verschwiegenheit; aber, mit mehr Klugheit vielleicht, doch gewiss mit weniger Scharfsinn, forderte sie da ein feierliches Versprechen, wo N a n e t t e auch ohne dasselbe sich weit sichrer geachtet hatte. Ich durfte sie nun täglich sehen. Die Tantedenn das war sie N a n e t t e n – vermehrte mit jedem Tage meine Ehrfurcht für ihr stilles und doch so tiefwirkendes Verdienst. Sie war ein ungewöhnliches Weib. Von den wenigen Menschen eine, die die eine Hälfte ihres Lebens durch stillen Fleiss zu ihrer Selbsterziehung verwenden, und in der zweiten ihre gesammelten Schäzze zur Beglückkung eines andern nüzzen; keinen weitern Genuss kennen als diesen; ihm ihr ganzes Leben aufopfern, und mit wuchernder Sparsamkeit, in Hinsicht auf einen künftigen überschwenglichen Ersatz, gern allen Freuden der Gegenwart entsagen. Aber die Schöpfung, die sie h i e r hatte aufblühen sehen – o sie war es wohl wert, ein ganzes Menschenalter dafür hinzugeben! –

Wochen vergingen und reihten sich zu Monaten, ohne dass ich N a n e t t e n nur durch eine Frage, einen Wunsch um Aufschluss über ihre sonstige Handlungsweise, den schnellen Wechsel ihres Aufentalts, die tiefe Heimlichkeit, worinn sie jetzt lebten, gebeten hätte. Ganz in ihren immer neuen, immer holden Liebreiz verschlungen, fesselte eine glückliche Gegenwart alle meine Gedanken, meine Wünsche. Ihre achtung war die erste Bedingung meines Glücksihr Wohlwollen der Preis, um den ich alles wagte. Was kümmerten mich äussere Verhältnisse? was die Vergangenheit? – Es gnügte mir, von ihr die Art des Eindruks zu erfahren, den mein erster anblick auf sie gemacht hatte. Damals, sagte sie mir, tat es mir wohl, unter Gesichtern, die teils durch unnatürliche Begierden widrig gespannt, oder unter dem Druk eines unmässigen Genusses erschlafft waren, endlich E i n s zu sehen, das noch das heilige Gepräge von Unverdorbenheit unverkennbar an sich trug. Ich folgte einem instinktartigen Gefühl, welches ein unbedingtes Vertrauen auf solche Züge von mir forderte. Der erste Eindruk, wenn noch keine vorgefasste idee unser Urteil leitet, kann uns immer wichtig sein; das zarte Gefühl unterscheidet auch hier, was der Verstand noch auf keine deutlichen Grundsäzze zu bringen vermag. Aber als ich nun den Grund dieses günstigen Eindruks erforschen wollte, und mir keine Rechenschaft darüber zu geben vermochte, da glaubte ich zulezt, vielleicht einen meiner vorigen Freunde in Ihnen wiedergesehn zu haben. – Unter dieser Gestaltwie war mir Ihr Andenken so lieb! wie sehnte ich mich nach einem zweiten Begegnen! – Ich sah Sie in der Kirchemeine vorigen Ideen kamen wieder, die augenblicke waren kostbar, und ich widerstand meinem Herzen nicht. Die Nation die Sie mir nanntender süsse Ausdruk Ihres offnen Blikkesbeides wekte eine ganze Reihe freudiger Erinnerungen in mir auf; beides öffnete mir einen Himmel seeliger Schwärmerei! – und Ihr Bild schien von diesem augenblick an sich ein Recht auf mein Andenken erworben zu haben.

Wie dankte ich N a n e t t e n für dies süsse geständnis! wie allgenugtuend, allbelohnend war es mir! – das wichtigste, glaubte ich, wisse ich nun; alles übrige müsse d a g e g e n nur von geringer Bedeutung sein. Wie sonderbar fühlt ein liebendes Herz! so genügsam und so unersättlich