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Plötzlich fand ihre kritische Feile einen verdammten Anachronismus an diesem historischen Schauspiele, und sie sagte fragend: "Ja, der Herr und das fräulein haben sich ja nicht lieb?" –

Das war zu viel für die Frontloge oben, die zugleich das Auditorium und das Original der kleinen Spieler war, und die Kopie derselben zu werden in Gefahr geriet. Gustav hielt das Augenlid gewaltsam offen, damit es das wasser, worin sein Auge stand, zu keiner sichtbaren auf die Wange fallenden Träne vereinigteund die gerührte Beata liess, ohne oder mit Absicht, ihre Rose abgeknickt zu Boden zittern: er bückte sich nach ihr lange und liess seine Träne verborgen wegsinken; aber da er ihr die Rose gab und beide furchtsam die gesenkten Augen auf der Blume versteckten und hefteten und da sie ein herspringender Tropf unterbrach: so standen plötzlich ihre aufgeschlagnen Augen einander wie der aufgehende Vollmond der untergehenden Sonne gegenüber und sanken ineinander, und in einem Augenblick unaussprechlicher Zärtlichkeit sahen ihre Seelen, dass sie einandersuchten.

Der springende Tropf war Oefel, der Beatens Arm haben wollte, sie in den Speisesaal zu führen. Jetzt, Leser, trag' ich dir statt lebendiger Rosen (wie unser Seelen-Paar ist) lauter in Butter gesottene Rosen auf. sechs- oder siebenundzwanzig Gedecke, glaube' ich, waren. Ich will hier statt eines Küchenzettels einen Passagierzettel der Gäste verfertigen. Erstlich waren am Tische und im schloss zwei keusche MenschenBeata und Gustav; welches ein Beweis ist, dass schöne Seelen an allen Orten wachsen, sogar an den höchsten: so liess der Kaiser Joseph jährlich einige Nachtigallen in den Augarten werfen, damit man da was hörte.

Nro. 2 war der Fürst, der in seinem kurzen Leben mehr Weiber in der Nähe gesehen als der Ochs Apis, dessen Leben doch so lang war wie das ägyptische Alphabet. Er war an dieser Tafel, was er auf seinen Reisen an mancher table d'hôte nicht zu sein vermochte, der Bruder Redner und der Hauptwind unter 63 andern Nebenwinden. Seine Krone hatten sämtliche Damen auf.

Nro. 3 war sein apanagierter Bruder, den der gekrönte hasste, nicht weil er zu viel Volkliebe hatte und verdiente, sondern weil er einmal todkrank war und nicht starb, sondern von der Apanage fortlebte. Das Gerippe dieses Bruders würde den Fürsten, wie ein jedes Gerippe Ägypter und Griechen, zu einem freudigern Genuss des Gastmahls überredet haben.

Nro. 4 war ein Michaelisritter aus Spaa (Herr v. D.), dessen Ordenstern in Scheerau noch Strahlen abschickte, nachdem er in Paris längst vernichtet war. So sagt Euler, dass ein Fixstern am Himmel noch wegen seiner Entfernung sein Schimmern fortsetzen kann, ob er gleich längst eingeäschert worden.

Nro. 5 war Cagliostro, der unter so vielen pointierenden Köpfen das Schicksal der Ärzte und Gespenster und Advokaten hatte, dass seine öffentlichen Spötter zugleich seine geheimen Jünger und Klienten sind.

Nro. 6 war mein Gerichterr von Röper, der, weil er mit dem Fürsten etwas zu sprechen hatte, dageblieben war. Er war der einzige im ganzen Esskonvent, der zweierlei tat: erstlich dass er alle Weinsortiments des Bousischen Wein-Inventariums sich reichen liess, um von allen Weingütern der Residentin denjenigen deutlichen oder doch klaren Begriff in seinen Magen zu bringen, worauf die ältern Logiken so sehr dringenzweitens dass er einen so grossen Wert auf das frikassierte, marinierte etc. Essen legte, als wenn er es gäbe und nicht bekäme, und immer höflicher und gebückter wurde, je satter und voller er wurde, gleich einer Wurst, die sich krümmt, wenn man sie füllet.

Nro. 7, 8, 9 waren zwei grobe Regierungräte ** und ein grober Kammerpräsident *, wovon die zwei ersten den ganzen Hof verachteten, weil er keine andern Pandekten im kopf hatte als literarische, und der dritte, weil er sich es ausmalte, wie viel Pensionen und Gagen der ganze Hof ohne die kammer, d.h. ohne ihn wohl hätte, und sämtliche drei, weil sie glaubten, sie hielten den Tron, ob sie gleich nichts hätten tragen können als in Salomons Tempel daseherne Meer.

Nro. 10 war die Residentin, die sich nach dem Tone eines jeden stimmte und doch durch ihren eignen sich von allen Weibern unterschiedgleich dem König Mitridates redete sie die Sprachen aller ihrer Untertanen.

Nro. 11, 12 war eine durchreisende Äbtissin und eine verwittibte Fürstin von **, die ihrem stand gemäss einsilbig und hautain waren.

Nro. 13 war die Défaillante, deren grösste Reize und Anziehkraft in den kleinen Füssen angebracht waren, wie in den zwei Füssen eines armierten Magneten. Der Kopf, ihr zweiter Pol, stiess ab, was der untere zog.

Nro. 00000 gehen mich nichts an; es waren alte, in den Schminksalpeter eingepökelte Damen-Gesichter, denen aus dem Schiffbruch ihres untergesunknen Lebens nichts geblieben war als ein hartes Brett, auf dem sie noch sitzen und herumfahren, nämlich der Spieltisch.

Nro. 00000 gehen mich auch nichts an; es waren eine Garbe Hofdamen, verschnittene Spaliergewächse an den Tapeten, oder vielmehr Einfassunggewächse um fruchtbare Beetesie hatten Witz, Schönheit, Geschmack und Betragen, und wenn man zur Flügeltür hinaus war, hatte mans schon wieder vergessen.

Nro. 0000 war eine Kompagnie Hofleute, mit roten und blauen Ordenbändern durchschnitten, welche an ihnen wie die rote und blaue Farbe des Spiritus in Termometern stehen, damit man ihr