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zu einem Bilde der schönen Beata mache! – O könnt' ich doch ihre Heiligengestalt aus meinem Herzen heben und hieher auf meine Blätter legen, damit es der Leser sähe, nicht bloss begriffe, wie von der junonischen Bouse, aus der alle weibliche Reize brechen, selber seltene Uneigennützigkeit, doch aber Unschuld und weibliche bescheidne Zurückgezogenheit nicht, wie von ihr alle diese hölzernen Strahlen abfallen, wenn sich neben ihr mehr verhüllt als zeigt Beata, welche über die heftigsten weiblichen Wünsche den inneren Sieg erhält und doch weder Sieg noch Kampf verrätdie, ohne Bousens Trauer-Hülse und Trauerspielen, ein erweichtes Herz dir gibt und deinen blick unwiderstehlich beherrschetund mit der du im Mondschein gehen kannst, ohne sie oder den Nachtimmel auf der Erde minder zu geniessen! – Gustav fühlte noch mehr als ich; und ich fühle in meinen biographischen Stunden wieder mehr als sonst in meinen musikalischen. – –

Bei gelegenheit! wenn sie essen: werde' ich auch die übrigen Gäste abfärben. Unter dem gesellschaftlichen Tumult, der sowohl Gustavs Sinnen als Ideen betäubte, fiel freilich nur Beatens halbes Sonnenbild in seine Seele. Aber nachher freilich! – Vorher aber lagen beide mit der Residentin unter dem Fensterbogen, die ironisch Gustaven vor Beaten entschuldigte, dass er heute nicht mit dem Pinsel gekommeneine Menge zufälliger Zwischenredner zu geschweigen. Die Residentin wurde ihnen entrissen; die nahe und einsame Stellung nötigte beide zum Sprechen und Beaten zum Bleiben. Gustav, der schon vor der Assemblee im kopf hatte, was er sagen wollte, sagte nichts. Aber Beata endigte das vorige Gespräch über das Abzeichnen und sagte: "Wenn Sie mich nicht schon entschuldigt haben, so kann ich mich nicht entschuldigen." Ein andrer von mehr Wendung hätte geradezu Nein gesagt und so im Scherze, der keine Verlegenheit zuliess, die Fäden der Vogelspinne um das arme Kolibri herumgewunden. – Gustav hatte zu starke Gefühle, um hier zu scherzen. An einer Menge schwerer Materien, wovon euch alle Handhaben abbrechen, hält bloss die des Scherzes fest, und ihr könnt sie damit regieren; besonders wenn ihr mit Mädchen unter Fensterbögen sprecht.

Gustav suchte längst gelegenheit, Beaten andre Teile seiner Seele zu zeigen, als damals in der KornSache zum Vorschein gekommen; jetzt hätt' er die gelegenheit, obwohl keine Mittel gehabt, wenn nicht der Park mit dem Abend-Schmuck sich vor das Fenster gelagert hätte. Aber natur-Schönheit war die einzige Sache, worüber er mit andern Schönheiten begeisternd und begeistert sprechen konnte; – und er konnte am frischesten alle Weltreize in einen Morgen zusammendrängen, wenn er seinen Eintritt aus der Erde hinauf in das hohe Weltgebäude beschrieb. Auf jedes Wort und Bild, das er sagte, oder sie zurückgab, war eine Seele geprägt, die sie einander zugetrauet hatten. Plötzlich schwieg er mit weiten glänzenden Augenihm war, als gehe in seiner Seele ein Zauber-Mond auf und scheine über ein weites dämmerndes Land und ein Engel seiner Kindheit steh' im Blütenlande und nehm' ihn in seine arme und drück' ihn so an sich, dass das Herz an ihm zerflösse .... Und worauf ruhte dieses innere Landschaftstück? – Worauf das berühmte Strassburger Uhrwerk ruhtauf einem Tierhals: dieses liegt nämlich auf einem Pegasus-Nacken; seines trugen die Hälse des zufällig vor dem schloss heimgehenden Weideviehs, an denen solche Glocken hingen, die denen der Herde Reginens ähnlich klangen und die mitin die ganze Jugendszene mit ihren Tönen wieder in seine Seele setzten .... In einer solchen Stimmung hätt' er in einer National-Versammlung geredet; auch machte der Tumult, der beide einfasste, sie einsamer und vertraulicher: kurz er erzählte ihr mit Feuer und historischen Auslassungen seine Schäferei mit einem Lamm auf dem Berg. – Dieses Schwärmen steckte sie (wie jedes alle Weiber) so sehr an, dass sie anfingzu schweigen.

Die Not zwang beide, jetzt einen äussern Gegenstand (wie ein Schwert im fürstlichen Bett) zwischen ihre zusammenfliessenden Seelen zu bringensie sahen auf die beiden Gärtners-Kinder unten hinab, und zwar so begierig, dass sie nichts sahen. Der Junge sagte: "Mich hat das fräulein (Beata) so lieb" und streckte beide arme auseinanderdas Mädchen sagte: "Mich hat der Herr (Gustav) so gross lieb, wie das Schloss" – "und mich", replizierte er, "so gross wie den Garten" – "und mich", exzipierte das Mädchen, "so gross wie die ganze Welt." Darüber konnten die Flügel des Jungen nicht hinaus, und hätten seine Schwanzfedern über den Kateder-Horst hinausgestochen. Jedes zählte dem andern die Liebepfänder, die es von den oben über gegenseitiges Lob erfreueten Zuhörern erhalten hatte, und sagte bei jedem Stück: "Hast du das g'kriegt?" –

Mit jenem hastigen Sprung der Kinder zu einem neuen Spiel sagte das Mädchen: "jetzt musst du der Herr (Gustav) sein; und ich will das fräulein (Beata) sein. jetzt will ich dich liebhaben, nachher musst du mich." Sie strich ihm sanft die Backen und dann die Augenbraunen und endlich die arme und manipulierte den Herrn. "jetzt mich!" sagte sie mit schnell herunterhängenden Armen. Der Junge warf seine arme so eng um ihren Hals, dass die zwei Ellenbogen sich durchschnitten und schürzten und als überflüssige Bandschleifen über den Liebeknoten hinausragten; er küsste sie derb.