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, aber nur ein paar Takte und mit vergeblichem Kampfe gegen ihren Trübsinner sollte ihr etwas erzählen, eh' er anfinge, damit er nicht einem Gesicht, das sie nur ein paar Tage im Jahr trüge, ein ewiges Leben in seinen Farben gäbe. Aber er hatte noch am hof weder Stoff noch Manier zu erzählen gewonnenendlich fiel sie auf seine unterirdische Erziehung. Bloss ihrem heutigen gesicht war er so etwas in dem Wolkenbruch von Herzergiessung, den er seit Amandus' Groll entbehret hatte, zu erzählen fähig. Da er fertig war, sagte sie: "Zeichnen Sie nur; Sie hätten mir etwas anders erzählen sollen."

Sie nahm ihre kleine Laura auf den Schossdem Fürsten, der ein leidenschaftlicher Tiermaler ist, musste sie statt mit der Kleinen mit einem Seidenpudel sitzenwelche Gruppe fällt aber jetzt sein Auge, sein Herz und seine Zeichenfeder an, um diese drei Dinge zu verrücken! Sie zittern wenigstens alle, indem die Mutter die Händchen der Laura in eine malerische und kindliche Umschlingung legtindem sie schweigend, traurend, mit den Lippenwellen gegen den Kummer des Auges streitend, ihm denkend in das seine blickt und mit der nächsten Hand das Haar der Kleinen spielend krümmt – – Wahrhaftig zehnmal dachte' er: wenn ein Engel einen Körper umtun wollte, der menschliche wäre nicht zu schlecht dazu, und er könnte in dieser Reise-Uniform in jeder Sonne erscheinen!

Seine Zeichnung wurde so treffend, dass der Residentin vielleicht ein paar Unähnlichkeiten lieber gewesen wärensie hätten grössere Ähnlichkeit ihres zweiten Bildes in ihm angesagt. Sie kam jetzt durch sanfte, nicht wie sonst scherzhaft-springende Übergänge von seinem Maler-Lohn und von den Nachteilen seiner Erziehung auf die Vorbereitungen zu seiner Legationrollesie deckte ihm, aber mit langsamer vertraulicher Hand, seinen Mangel an Welt aufsie bot ihm ihren Zutritt zu sich an und lud ihn zum Souper auf morgen ein. – "Aber vormittags", setzte sie lächelnd hinzu, "kommen Sie nicht schon; Beata will durchaus nicht gemalet sein."

– – Der Leser hat im ganzen buch noch nicht drei Worte reden oder schreiben dürfen: jetzt will ich ihn ans Sprachgitter oder ins Parloir lassen und seine fragen nachschreiben. "Was hat denn" – fragt er – "die Residentin vor? Will sie aus Gustav ein gezähntes Kammrad schnitzen, das sie in irgendeine unbekannte Maschine setzet? – Oder bauet sie den Jägerschirm und zwirnt die Prallnetze, um ihn zu fällen und zu fangen? – Wird sie wie jede Kokette dem ähnlich, der ihr nicht ähnlich werden will, wie nach Platner der Mensch das, was er empfindet, so sehr wird, dass er sich mit der Blume bückt, und mit den Felsen hebt?"

– – Der Leser bemerke, dass der Leser selber hier Witz hat, und gehe weiter! – –

"Oder" (geht er also weiter) "geht die Residentin nicht so weit, sondern will sie aus Edelmut, worüber man oft die optischen Kunststücke ihrer Koketterie verzeiht, den schönsten uneigennützigsten Jüngling aus den schönsten uneigennützigsten Gründen aufsuchen und ausbilden? – Oder könnens nicht auch alles blosse Zufälle seinund nichts leuchtet mir so ein –, an welche sie, als Rennerin durch Lustaine, die flatternde Schlinge eines halben Planes fliehend befestigt, ohne in ihrem Leben am andern Tag nach dem strangulierten Fang der Dohnenschnait im mindesten zu sehen? – Oder irr' ich gänzlich, lieber Autor, und ist vielleicht von allen diesen Möglichkeiten keine wahr?" – Oder, lieber Leser, sind sie alle auf einmal wahr, und du errätest darum eine Launenhafte nicht, weil du ihr weniger Widersprüche als Reize zutrauest? – Der Leser bestärket mich in meiner Bemerkung, dass Personen, die niemals die gelegenheit haben konnten, der grossen Welt tägliche Klavierstunden zu geben (wie z.B. leider der sonst treffliche Leser), zwar alle mögliche Fälle irgendeines Charakters vorzurechnen, aber nicht den wirklichen auszuheben vermögend sind. – übrigens verlasse sich der Leser auf mich (der ich schwerlich ohne Grund Vorzüge verkleinern würde, die mir selber ansitzen), übrigens hat er die Armut an gewissen konventionellen Grazien, an gewissen leichten modischen und giftigen Reizen, die ein Hof nie versagt, weit weniger zu bedauern, als andre Höflingeder Autor wünschte, nicht darunter zu gehörenihren Reichtum an dergleichen Gift-Spezies wirklich zu beklagen haben; denn auf diese Art blieb er ein ehrlicher und gesunder Mann, der Herr Leser; aber wer ihn kennt, würde der Bürge gewesen sein, dass er, falls alle Bänder und Zügel der grossen Welt an ihm gezuckt und gezogen hätten, ausser seiner Ehrlichkeit auch seine Unähnlichkeit mit den Leuten von Ton behalten hätte, die die Misshandlung des schönsten Geschlechts mit verlorner stimme und verlornen Waden büssen, wie (nach den ältesten Teologen) die Weiber-Versucherin, die Schlange, die vorher reden und gehen konnte, durch die aktive Verführung Sprache und Beine verscherzte? ...

Fussnoten

1 Im römischen Panteon standen nur zwei Götter, der Mars und die Venus.

Dreissigster oder XXIII. Trinitatis-Sektor

Souper und Viehglocken

heute' arbeit' ich im Hemd wie ein Hammerschmied, so abscheulich lang und schwer ist der dreissigste Sektor. – Da Gustav von Oefel erfuhr, dass ein kleines Souper bei der Residentin so viel heisse wie bei uns das grösste, so teilte er in seinem Kopf, eh' er es zieren half