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Sie knien mehr vor einem Gott als einer Göttinich aber finde da meine Venus (Beata). Ihr mangelt zu einer Mediceischen nichts als dieStellung; ich weiss aber nicht, welche Hand ich ihr dann in dieser Stellung küssen würde." ... Vor Gustavs reiner Seele flog zum Glück dieser Klumpe von boue de Paris vorbei, in die an Höfen sogar gute Menschen ohne Bedenken treten; selber Schriftstellern aus dieser Zone hängt dieser Schmutz noch an.

Ihm gefiel an Beaten (und an jedem Mädchen) nichts als dieses, dass er, wie er dachte, ihr gefalle; er würde die fünfhundert Millionen Weiber auf der Erde alle lieben, wenn er ihnen allen gefiele, er wieder keine einzige, wenn er keiner einzigen. Er erzählte jetzt dem Gustav, durch welches Fenster er im Winterhaus von Beatens Herzen ihre Liebe zu ihm habe blühen sehen. Ausser einem gewissen Tropf, den ich in Leipzig gekannt, und ausser einer Katze, die neun Leben hat, hatte kein Mensch mehre Leben als erer büsste eines ein: sogleich hatte' er wieder ein frisches, ich meine, er hatte mehr Ohnmachten als ein andrer Einfälle. Einen solchen Vexier-Selbstmord konnte' er begehen, wenn er wollte und wenn er ihn in seinen Dramen so nötig hatte als ein rührender Teaterdichter; am häufigsten aber taten er und der Tropf in Leipzig sich diesen Tod in effigie an, wenn sie unter einem Bündel Frauenzimmer das herauszuvisitieren hatten, das in sie am verliebtesten war. Denn sie unterschieden, sagten die beiden Tröpfe, sich sämtlich voneinander nicht im Dasein, sondern im Grade der Liebe gegen beide Ohnmächtige. Der grösste Schrecken über den pantomimischen Schlagfluss ist, sagte das ohnmächtige Paar, das Notariatsiegel der grössten Liebe. Da also Oefel vor drei Wochen Beaten seinen Sondier-Tod vormachte: so zitterte unter allen Schal-Fichus, die da waren, kein so zartes und mitleidiges Herz als ihres, das weder fremden Betrug noch eigne Härte kannte. Gleichgültig legte sich Oefel in den optischen Tod; verliebt stand er wieder auf, und er hätte mit seiner scheinbaren Ohnmacht beinahe eine wahre gewirkt. "Ich konnte sie nur seitdem nicht darüber sprechen", sagt' er. Gustav kämpfte mit einem grossen Seufzer nicht über Oefels gefühllose Eitelkeit, sondern über sich selbst und über Oefels Glück. "O Beata, in dieser Brust" – redete sie sein Innerstes an – "hättest du ein verschwiegneres und aufrichtigeres Herz gefunden, als das ist, das du ihm vorziehestes würde sein Glück verborgen haben, wie jetzt seine Seufzeres wäre dir ewig treu gebliebenach es wird dir doch treu bleiben!" – Dennoch empfand er das Ekelhafte in Oefels Eitelkeit nicht ganz, weil ein Freund sich unserem Ich so sehr inokuliert und damit verwächset, dass wir seine Eitelkeit so leicht wie unsre eigne und aus gleichen Gründen übersehen.

Da es meinem Gustav im buch wie im Leben gehen kann, so hätt' ich folgende Anmerkung noch eher machen sollen: niemand war leichter zu verkennen als eralle Strahlen seiner Seele brach die Wolkenhülle milder Demut, ja seitdem Oefel ihm Stolz auf dem gesicht vorgeworfen, sucht' er gerade so demütig auszusehen, als er warsein Äusseres war still, einfach, voll Liebe, ohne Ansprüche; aber auch ohne durchbrechenden Witz und HumorPhantasie und Verstand arbeiteten in ihm, wie in einem einsamen Tempel, Altarblätter mit grossen massen und liessen mitin nicht, wie andre, Dosenstücke und Medaillons von der Zunge purzelner war, was Descartes von der Erde glaubt, eine inkrustierte Sonne, aber unter den phosphoreszierenden Lichtern des Hofes ein dunkler Erdkörperer war das äussere Gegenteil von Ottomar, der mit seiner Sonne seine Kruste durchgebrannt hatte und nun vor den Leuten stand blitzend, knisternd, glühend, anreissend, einäschernd und ausbrütendGustavs Seele war ein gemässigtes Land ohne Stürme, voll Sonnenschein ohne Sonnenhitze, ganz mit Grün und Knospen überzogen, ein magisches Italien im Herbst; Ottomars seine aber war ein Polarland, das sengende lange Tage, lange Eis-Nächte, Orkane, Eis-Berge und Tempische Täler-Fülle durchstrichen. – –

Der Gustavischen Bescheidenheit kam also nichts natürlicher vor, als dass Beata einen, der seinen Geist und Körper so gut zu zeigen wusste, über ihn stellte, der beides nicht konnte und der dazu einmal ihren Vater halb tot geärgert hatte. Sein Blut ging mitin langsam traurig, da er zur Residentin schlich. Es war ihm, als könnt' er heute sie als seine Freundin ansehendas tat er wirklich halb, als sie ihm noch dazu ein ebenso trauriges Air und Gesicht entgegentrug, dem ähnlich, in dem eine Frau eine Woche nach dem Verlust ihres Geliebten mit leeren Augen und erkälteten Wangen am meisten rührt. Es sei, sagte sie, der Sterbetag ihres jüngsten Bruders, den sie und der sie am meisten geliebt. Sie liess sich in Trauerkleidung malen. Nichts wirkt stärker als der Lustige, der einmal in die Halbtöne des Kummers fällt. Gustav hatte überhaupt zu viel Zuneigung für Menschen, in deren Ohren das Trauergeläute irgendeines Verlustes widertönte; ein Unglücklicher war ihm ein Tugendhafter. Die Residentin sagte ihm, sie hoffe, er werde den heutigen Kummer aus ihrem wirklichen gesicht wegmalen und ihn bloss ins gemalte bannensie habe deswegen diese Zerstreuung auf heute verlegtmorgen sei ihr gewiss bessersie spielte nachlässig mit der blossen rechten Hand einige Tänze