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kein Unterschied als das Alter" – am Mittwoch im letzten Viertel für Herrn v. C., der sagt: "je la touche dejà", nämlich ihre âmeam Donnerstag im ersten Viertel für Herrn v. D., der sagt: "Peut-être que" – – und so fort mit den übrigen Feinden der Woche; denn jeder Gegner sah, wie seinen eignen Regenbogen, so an ihr seine eigne Tugend. Ehre und Tugend waren bei ihr keine leeren Wörter, sondern hiessen (ganz gegen die Kantische Schule) der ZeitZwischenraum zwischen ihrem Nein und ihrem Ja, oft bloss der Ort-Zwischenraum. Ich sagte oben, sie hatte immer eine Ohnmacht, wenn der Montag ihrer Tugend war. Es lässt sich aber erklären: ihr Körper und ihre Tugend sind an einem Tag und von einer Mutter geboren und wahre Zwillinge, wie die Gebrüder Kastor und Polluxnun ist der erste, wie Kastor, menschlich und sterblich, und die andre, wie Pollux, göttlich und unsterblichwie nun jene mytologische Brüderschaft es pfiffig machte und Sterblichkeit und Unsterblichkeit gegeneinander halbierten, um miteinander in Gesellschaft eine Zeitlang tot und eine Zeitlang lebendig zu sein: so macht es ihr Körper und ihre Tugend ebenso listig, beide sterben allezeit miteinander, um nachher miteinander wieder zu leben. – Das artistische Sterben solcher Damen lässt sich noch von einer andern Seite anschauen: eine solche Frau kann über die Stärke und die Proben ihrer Tugend eine Freude haben, die bis zur Ohnmacht gehen kann; ferner über die Leiden und Niederlagen derselben eine Betrübnis, die auch bis zur Ohnmacht reichen kann: nun denke man sich, ob eine Frau beim vereinigten Anfall von zwei Gemütbewegungen, wovon jede allein schon töten kann, noch aufrecht zu verbleiben vermöge. – Bekanntlich stirbt die Ehre der Damen von Welt so wenig wie der König von Frankreich, und es ist das eine bekannte Fiktion; wenigstens ist dieser Ehre der Tod, wie den Frommen, ein Schlaf, der über 12 Stunden nicht dauert. Ich kenne an unserem hof eine Art Ehre oder Tugend, die gleich einem Polypen an nichts stirbt; sie kann, wie die alten Götter, verwundet, aber nicht umgebracht werdengleich Hornschrötern zappelt sie an der Nadel und ohne alle Nahrung fortNaturforscher von Stand tun oft einer solchen Tugend, wie Fontana den Aufgusstierchen, tausend Martern an, an denen bürgerliche weibliche Tugenden sogleich verscheiden: nichts! kein Gedanke von Sterben. – – Es ist eine wohltätige Anordnung der natur, dass gerade in den höhern Damen die Tugend eine solche achilleische Lebens- oder Wiedererzeugkraft hat, damit sie erstlich leichter die einfachen und doppelten Brüche, Knochensplitterungen und Gliederabnehmungen und überhaupt das Schlachtfeld jenes Standes ausdauerezweitens damit jene Damen (im Vertrauen auf die Unsterblichkeit und lange Lebenslinie ihrer Tugend) ihren Freuden, deren physische Grenzen ohnehin so enge sind, wenigstens keine moralischen zu setzen brauchen.

Ich komme wieder zu den tugendhaften Ohnmachten oder erotischen Sterben der Ministerin zurück; ich will mich aber nicht dabei aufhalten, dass ich etwa sagte, wie die alte Philosophie die Kunst sterben zu lernen sei, so sei es auch die französische Hof-Philosophie, nur aber angenehmeroder dass ich witzigerweise sagte: qui (quae) scit mori, cogi nequitoder dass ich Senekas Ausspruch über Kato auf die Ministerin zöge: majori animo repetitur mors quam initur; sondern ich erzähle bloss, warum sie überall in Oberscheerau die Défaillante heisstbloss darum, weil ein gewisser Herr auf die Frage, wie sie einen wichtigen Prozess trotz dem versäumten Präklusiontermin doch gewonnen hätte, doppelsinnig erwiderte: en défaillant ....

Ich komme zurück .... Aber ich wäre ein glücklicher Mann, wenn die Zeit sich niedersetzte und mich heranliesse; so aber setz' ich ihr, in einer Entfernung von mehren Monaten, nach; die Avantüren-Fracht wird täglich schwerer; ich muss Papier zu einer doppelten geschichtezu der jetzt geschriebnen und zu der jetzt vorfallendenhaben, ich ängstige mich ab, und am Ende werde' ich mit Mühe gelesen! – Ist mir aber zu helfen? – –

Amandus lag damals auf dem härtesten Bette von der Weltdie Dornen- und Stein-Matrazen der alten Mönche fühlen sich dagegen wie Eiderdunen an –, auf dem Krankenbette; sein ödes Auge ruhte oft auf der Stubentüre, ob sie kein Gustav öffne, ob nicht der Tod in der Gestalt einer Freude, einer Aussöhnung eintrete und die Blume seines Lebens mit einem Liebe-Druck gelinde niederlege; – aber Gustav lag von seiner Seite auf einem Zauberbette, an das ihn ein besserer Gott als Vulkan mit unsichtbaren Kettchen heftete; kaum regen konnte' er sich unter seinem Drahtgeflecht.

Am Morgen, wo er sich vorbereitete, der Residentin das Porträt und die Visite zu machen, zündete Oefel um ihn eine Menge Raketen des Witzes an und gestand ihm mit der Zufriedenheit, mit welcher ein Belletrist stets die Armut an leiblichen Gütern und die schwerere an geistigen, an Verstand etc., erträgt, so viel geradezu, er habe an Gustav die Neigung zurResidentin vielleicht eher entdeckt als beide Interessenten selbst. Jede Gustavische Verneinung war ein neues Blatt in seinen Lorbeerkranz. "Ich will aufrichtiger sein", sagt' er; "ich will mein eigner Verräter werden, weil ich keinen fremden habe. Im Zimmer, wo Sie einen Altar haben, steht einer für mich; es ist ein Panteon1;