den Zeichner zu beschweren haben, aber vielleicht der Maler über den Bildhauer; vielleicht hat auch bloss der Frost diese Venus ein wenig verdorben." Die Residentin machte durch ihr lachen und ihr witziges Anblicken Gustavs ein Bonmot daraus, sie ein wenig rot, ihn flammendrot, sie durch letztes wieder röter und vollends durch die Antwort: "So würde mein Bruder auch denken, wenn er die Venus so bekäme; Sie tun mir aber den Gefallen, meine Liebe, und sitzen unserem Herrn Maler mit, so kommt in unsern Park eine schönere Venus. Es ist mein Ernst. Die zwei nächsten Morgen geben Sie unsern Gesichtern, Herr von Falkenberg!" Die Gute schwieg; Gustav, der schon eingewilligt hatte, mit seinem Pinsel Bousens Antlitz zu verdoppeln, wäre bei einem Haare mit der Anmerkung losgebrochen, Beaten ihres vermög' er nicht mit seinem nachzudrucken. Zum Glück fiel ihm ein, dass sie sich zur Tafel ankleiden würde – – (Am Sonntag über acht Tage muss ich meinen Sektor mit "Denn" anfangen – –).
Fussnoten
1 Denn bekanntlich ist die männliche Brust viel härter und unbiegsamer und dem ähnlich, was zuweilen von ihr umschlossen wird. – sonderbar ist es, dass die Eltern ihre Töchter Dinge mit allem Gefühle singen lassen, die sie ihnen nicht erlaubten vorzulesen.
Neunundzwanzigster oder XXII.
Trinitatis-Sektor
Die Ministerin und ihre Ohnmachten – und so weiter
Denn er war in jenem grünen Gewölbe, das Scheeraus grösste Schönheiten umfing, in Bousens Zimmer, nur vormittags; nachmittags und später rauschten durch dasselbe die Ströme des Vergnügens, aus den Freudenkelchen von Freuden-Najaden ausgeschüttet. Der halbe Hofstaat fuhr aus Scheerau her. Bekanntlich hat dieser, indes das Volk nur Sabbate hat, lauter Sabbatjahre, und die nähern Diener des Fürsten suchen sich von den Dienern des Staates dadurch auszuzeichnen, dass sie gar nichts arbeiten; so wurden auch schon in den alten zeiten den Göttern nur Tiere, die noch nichts gearbeitet hatten, auf den Altar gelegt. Ich weiss es recht gut, dass mehr als einer der paralytischen grossen Welt Arbeit zumutet, die nämlich, sich und andre in einem fort zu amüsieren; diese ist aber so herkulisch schwer und nützt alle Kräfte so sehr ab, dass es genug ist, wenn sie sämtlich nach einer Fête morgens bei dem Auseinanderfahren oder am Tage darauf sich verstellen und sagen: "Bei alledem war es heute ein deliziöser Abend und überhaupt alles so brillant!" Grosse Quartanten-Teologen haben längst bewiesen, dass Adam vor dem Falle kein Vergnügen aus dem Essen und andern Vergnügungen geschöpfet habe – unsre Grossen sind vor ihrem Falle ebenso schlimm daran und verrichten alles das in ihrer Unschuld, ohne den geringsten Spass dabei zu haben. Ich wollt', ich könnte dem Hofstaat helfen. – –
Ein Mensch, der eine festgesetzte Arbeitstunde (und wäre sie nur 30 Minuten lang) hat, siehet sich für emsiger an als einer, der gerade heute seinem 12stündigen Pensum 30 Minuten abgebrochen. Oefel warf sich selber seine übertriebene Anspannung vor und sagte, er wüsste sich nicht zu entschuldigen, dass er jeden Morgen eine volle Stunde schreibe am "Grosssultan". Erst darnach waren die ernstaften Geschäfte des Tages zu Ende; er liess sich nun zum ersten Male frisieren und einstäuben, um als Tagschmetterling gegen alle Toilettenspiegel anzuflattern; auf den Blumenkopf der Défaillante (so hiess noch die Ministerin) liess er sich nieder. Alsdann liess er sich zum zweiten Mal frisieren und beflügeln, um als bestäubter Dämmerung- und Nachtschmetterling zwischen den Spielmarken und Schaugerichten und ihren Ebenbildern herumzusausen. Ich würde auf dieses Gleichnis nicht gekommen sein, wenn mich nicht sein gehörntes und in eine Kapsel zusammenlaufendes Abendhaar auf die Raupen der Nachtschmetterlinge geführt hätte, denen auch hinten ein Horn oder Zopf ansitzt – den Tagraupen sitzt nichts an, so wie sein abbreviertes aufgestecktes Morgenhaar es verlangte, damit sie diesem glichen.
Da ich die Ministerin die Défaillante genannt, und da man ihr überhaupt die Einfalt zutrauen konnte, als ob sie dem Legationrat treuer wäre als er ihr, so will ich alles sagen und für sie reden. Die Eitelkeit, die ihn wie eine eingeschränkte Monarchin beherrschte, regierte wie eine uneingeschränkte über sie – sie hatte und machte italienische Verse, Epigrammen und alle schöne Künste – und es ist stadtkundig, dass sie, weil sie aufgehört hatte, zur schönen natur zu gehören, sich unter die Werke der schönen Künste warf und sich aus einem Modell durch Schminke in ein Gemälde veredelte, durch Pantomime in eine Aktrice, durch Ohnmachten in eine Statue.
Das letzte ist der Kardinalpunkt – sie starb wöchentlich und öfter, wie jede wahre Christin, nicht ihrer Keuschheit wegen, sondern sogar vor ihrer Keuschheit, ich meine ein paar Minuten – sie und ihre Tugend fielen hintereinander in Ohnmacht. Wenn ich über so etwas nicht weitläufig bin: so bin ich nicht wert, eine Feder zu schneiden, und der Henker soll meine Produkte holen. – Die Tugend also war bei der Ministerin so verdammt schlimm daran wie bei einem Kind die junge Lieblingkatze. Ich will von Tagzeiten gar nicht reden, sondern nur von Wochentagen: ich will setzen, an jedem Tage hätte ein andrer Antichrist und Erbfeind ihrer Tugend statt der Visitenkarte seinen Leib geschickt: so hätt' es etwa so gehen können: am Montag war ihre Tugend im strahlenlosen Neumond für Herrn v. A. – am Dienstag im Vollmond für Herrn v. B., der sagte: "Zwischen ihr und einer Devote ist