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als Schach und Herrnhutismus; indessen sagte Knör zu ihm: "abends um 12 Uhr fingen, weil er so wollte, die sieben Spiel-Turnierwochen an, und wenn er nach sieben Wochen um 12 Uhr die Spielerin nicht aus dem Schlachtfelde ins Brautbette hineingeschlagen hätte: so tät' es ihm von Herzen leid, und aus der achtjährigen Erziehung brauchte dann ohnehin nichts zu werden."

Die ersten 14 Tage wurde' in der Tat zu nachlässig gespielt undgeliebt. Allein damals hatten weder andre gescheite Leute noch ich selber jene hitzigen Romane geschrieben, wodurch wir (wir habens zu verantworten) die jungen Leute in knisternde, wehende Zirkulieröfen der Liebe umsetzen, welche darüber zerspringen und verkalken und nach der Trauung nicht mehr zu heizen sind. Ernestine gehörte unter die Töchter, die bei der Hand sind, wenn man ihnen befiehlt: "Künftigen Sonntag, so Gott will, werde um 4 Uhr in den Herrn A–Z, wenn er kommt, – verliebt." Der Rittmeister biss im Artikel der Liebe überhaupt weder in den gärenden Pumpernickel der physischennoch in das weisse kraftlose Weizenbrot der parisischennoch in das Quitten- und Himmelbrot der platonischen, sondern in einen hübschen Schnitt Gesindebrot der ehelichen Liebe: er war 37 Jahre alt.

Sechzehn Jahre früher hatte' er sich einen Bissen vom gedachten Pumpernickel abgeschnitten: seine Geliebte und sein und ihr Sohn wurden nachher vom ehrlichen Kommerzien-Agenten Röper geheiratet.

Wir Belletristen hingegen könnens recht sehr bei unsern Romanen gebrauchen, dass es unserem Magen und unserer Magenhaut guttut, wenn wir in einem Nachmittage jene vier Brotsorten auf einmal anschneiden; denn wir müssen aller Henker sein, um allen Henker zu schildern; wie wollten wirs sonst machen, wenn wir im nämlichen monat aus dem nämlichen Herzen, wie aus dem nämlichen Buchladen (ich ärgere hier Herrn Adelung durchs Wort "nämlichen") SpottgedichteLobgedichteNachtgedankenNachtszenenSchlachtgesängeIdyllenZotenlieder und Sterbelieder liefern sollen, so dass man hinter und vor uns erstaunt übers Panteon und Pandämonium unter einem dachmehr als über des Galeerensklaven Bazile nachgelassenen Magen, in welchem ein Mobiliarvermögen von 35 Effekten hausete, z.B. Pfeifenköpfe, Leder, Glasstücke und so fort.

Wenn die beiden jungen Leute am Schachbrett sassen, das entweder ihre Scheidewand oder ihre Brükke werden sollte: so stand der Vater allemal als Markör dabei; es war aber wirklich nicht nötignicht bloss weil der Rittmeister so erbärmlich spielte und seine Gegenfüsslerin so philidorisch; auch darum nicht, weil ihr die weibliche Kleiderordnung ohnehin verbot, matt oder verliebt zu werden (denn am Ende kehren Weiber und Ruderknechte allzeit eben den rücken dem Ufer zu, an das sie anzurudern streben) – sondern aus einem noch sonderbarern grund war der Auxiliarforstmeister zu entraten: die Ernestine wollte nämlich um alles gern schachmatt werden, und eben deswegen spielte sie so gut. Denn aus Rache gegen das zögernde Schicksal arbeitet man gerade Dingen, die von ihm abhängen, absichtlich entgegen und wünschet sie doch. Die beiden kriegenden Mächte wurden zwar sich einander immer lieber, eben weil sie einander einzubüssen fürchteten; gleichwohl stands in den Kräften der weiblichen nicht, nur einen Zug zu unterlassen, der gegen ihre doppelseitigen Wünsche stritt: in fünf Wochen konnte der Werbeoffizier nicht einmal sagen: Schach der Königin. Die Weiber spielen ohnehin dieses Königspiel (wie andre Königspiele) recht gut ... Da aber das eine Digression der natur zu sein scheint und doch keine ist: so kann eine schriftstellerische daraus gemacht werden, aber erst im 20ten Sektor; weil ich erst ein paar Monate geschrieben haben muss, bis ich den Leser so eingesponnen habe, dass ich ihn werfen und zerren kann, wie ich nur will.

Wäre die Liebe des Rittmeisters von der Art der neuern gigantischen Liebe gewesen, die nicht wie ein aufblätternder Zephyr, sondern wie ein schüttelnder Sturmwind die armen dünnen Blümchen umfasset, welche sich in den belletristischen Orkan gar nicht schicken können: so wäre das wenigste, was er hätte tun können, das gewesen, dass er auf der Stelle des Teufels geworden wäre; so aber wurde' er blossböse, nicht über den Vater, sondern über die Tochter, und nicht darüber, dass sie das Schachbrett nicht zum Präsentierteller ihrer Hand und ihres Herzens machte, oder dass sie gut gegen ihn spielte, sondern darüber, dass sie so sehr gut spielte. So ist der Mensch! – und ich ersuche den Menschen, meinen Rittmeister nicht auszulachen. Freilichhätt' ich die weiblichen Reize und die Rolle Ernestinens gehabt und hätt' ich ihm, indes er seine Kontraapproche aussann, ins betretne Gesicht geschauet, auf dessen gerundetem mund der Schmerz über unverdiente Kränkung stand, der so rührend an Männern von Mut aussieht, sobald ihn nicht die Gichtknoten und Hautausschläge der Rache verzerren: so wär' ich rot geworden und wäre wahrhaftig geradezu mit der Königin (und mir dazu) ins Schach hineingefahren: denn was hätt' ich da geliebt als strenge Selberbüssung?

Beinahe hätte am 16. Junius Ernestine diese Büssung geliebt, wie man aus ihrem Briefe sogleich ersehen soll. Denn allerdings ist eine Frau imstande, zweimal 24 Stunden lang eine und dieselbe Gesinnung gegen einen Mann (aber auch gegen weiter nichts) zu behaupten, sobald sie von diesem mann nichts vor sich hat als sein Bild in ihrem schönen Köpfchen; allein steht der Mann selber unkopiert fünf Fuss hoch vor ihr: so leistet sie es nicht mehrihre wie eine besonnete Mückenkolonne