entfällt vor ihm die Zunge, und Beten ist Verstummen, nicht bloss mit den Lippen, auch mit dem Gedanken .... Aber der grosse Geist, der die Schwäche des guten Menschen kennt, hat ihm Mitbrüder herabgesandt, damit der Mensch sich vor dem Menschen öffne und vor ihnen das Gebet, in dem er verstummte, vollende. – –
O Freund meiner schönsten Jahre! der du Dankbarkeit und Demut in meinem Innersten befestigt hast, diese hab' ich empfunden, als ich auf dem Eremitenberg mich einsam über das geschaffne Gewürm erhob und fühlte, was der Mensch fühlt, aber nur er auf der Erde – als ich einsam vor dem bis in das Nichts hinausreichenden grossen Spiegel, an den sich das Insekt mit Fühlhörnern stösset, mit Menschenaugen knien konnte, vor dem Spiegel, aus dem der unendliche Sonnen-Riese flammt .... Nein! In Erdfarben und auf der Leinwand von Tierfellen und auf allem, was vor mir liegt, ist bloss das Bild des Ur-Genius; aber im Menschen ist nicht sein Bild, sondern er selbst ....
Die Sonne glühte noch halb über dem Erdball, der sie zerschnitt; aber ich sah sie durch mein zerrinnendes Auge nicht mehr, vergangen, verstummt, verhüllt, versunken im treibenden, flammenden, reissenden, uferlosen Meere um mich ....
Die Sonne nahm den entzückten Tag mit hinunter; und jetzt steht der Äter-Diamant, den die Nacht schwarz einfasset, der Mond, über diesen zugehüllten Szenen und strahlet wie andre Diamanten den entlehnten Schimmer aus .... O du stille MitternachtSonne! du schimmerst, und der Mensch ruht, deine Strahlen besänftigen das irdische Toben, deine herunterrinnenden Funken wiegen wie ein schimmernder Bach den liegenden Menschen ein, und der Schlaf bedeckt dann wie eine Graberde das ruhende Herz, das trocknende Auge und das schmerzenlose Angesicht .... Leben Sie wohl, und die weisse Luna-Scheibe zeige Ihnen alle Paradiese der vergangnen und alle Paradiese der zukünftigen Jugend ......
Gustav."
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So weit war er, als Oefels Bedienter mit einem Paket an ihn in seine stube trat, welches leichter als die kälteste Nachtluft und der wärmste Brief die Bewegungen seiner Seele anhielt und abkühlte. Ein Brief vom Doktor lag mit der Nachricht darin, dass die Frau von Röper ihm in Maussenbach gegenwärtiges Porträt mitgegeben, das ihre Tochter für ihr eigenes verlornes gehalten, auf dessen rücken aber der Name Falkenberg stehe, der alle übrige Ähnlichkeiten widerlege. So lieb ihm das Porträt war, so ärgerlich war es ihm, da es nun ein neuer Beweis seiner Vermutung war, Mutter und Tochter hasseten ihn wegen des Korn-Avertissements. Die Spinne des Hasses, die bei jedem Menschen über eine Ecke der Herzkammer ihr Gespinste hängt – nur überspinnen grosse Kanker in manchen auf ihren Fäden hervor, die Amandus erschüttert hatte, und verlangte Fang; kurz die kalte Färber-Hand berührte sein Herz und macht' es ein wenig kälter gegen seinen Amandus, dessen seines durch das zurückgehende Porträt wärmer geworden war. Die gestörte Liebe macht den besten Menschen nicht besser, bloss die glückliche.
In sieben Minuten war alles vorbei; denn im geistigen Menschen ist die nämliche herrliche Einrichtung wie im physischen, dass um eine bittere, scharfe idee so lange andre Ideen als mildere Säfte zufliessen, bis sie ihre Schärfe verdünnt und ersäuft haben. Das Porträt wurde nun die zweite gefundene Rose; es war angehaucht mit Leben und Rosenduft durch die schönsten Augen und Lippen, die auf ihm gewesen waren.
jetzt sah er Beata einige Zeit nicht im Garten, aber dafür den Fürsten mit und ohne die Residentin. – Gehet beide aus dem stillen land in euer rauschendes! Ihr geniesset doch die schöne natur nur als eine grössere Landschaft, die in euerem Bilderkabinett oder an der Leinwand euerer Opernteater hängt, oder als eine nur breitere Tafel- und Kamin-Verzierung, wo euch die Felsen von Bimsstein und die Bäume von Moos geformet vorkommen, höchstens als den grössten englischen Park, der neuerer zeiten in Europa an irgendeinem hof anzutreffen ist. – In allen Sessionzimmern war wegen der Kanikularferien ArbeitWindstille – im Winter könnte man wegen der Kälte Frostferien erlauben und ebensogut einen Winterschlaf der Geschäfte als die Sommer-Sieste derselben in Gebrauch setzen, wie denn auch die bekannten Tiere beider Extreme wegen aus Scheu vor ihrer Wasserscheu zu haus bleiben müssen – mitin konnte der Minister leichter mit dem Fürsten abkommen, und beide waren länger da. Ohne mich würde der Leser nie erfahren, warum das fürstliche Dasein Anlass war, dass Beata das stille Land gegen ihr stilles Zimmer vertauschte. So war es: Unser Fürst ist zwar ein wenig hart, ein wenig geizig und weidet seine Herde öfter mit dem Hirtenstabe als mit der Hirtenflöte; aber er wird ebensogern ein Schäfer in einem schönern Sinne und geht gern vom Trone, wo ihn die Landeskinder anbeten, zu jeder Staffel desselben herunter, um selber ein schönes anzubeten – er kann zwar das Volk, aber keine Schöne seufzen hören; er wendet emsiger eine gesellschaftliche Verlegenheit als eine Teuerung ab; er bleibet lieber den Landständen als seinem Gegenspieler etwas schuldig und bauet keine abgebrannte Stadt, aber eine eingerissene Frisur willig wieder auf. Kurz der Landesvater und der Gesellschafter sind in seinen Herzkammern Wandnachbaren, aber Todfeinde. Dieser Gesellschafter subdividierte sich wieder in zwei Liebhaber, in den kurzen und in den langen. Seine lange oder weitergrünende Liebe besteht in einer kalten verachtenden Galanterie und in