noch vom heutigen Nachmittage, mein Blut möchte sich mit den Erden um die Sonnen drehen und mein Herz mit den Sonnen um das funkelnde Ziel, das neben dem Schöpfer steht ....
Die Nachtluft, die mein Licht umkrümmt, kühlet mich vergeblich ab, wenn ich nicht die brennende Brust vor dem Auge des Freundes aufdecke und ihm alles sage. Ich nahm nachmittags mein Reisszeug, womit ich bisher statt der Landschaften die Festungen, die sie verwüsten, schaffen müssen, und ging ins stille Land hinaus. Der Erdball glitt so leise wie der Schwan unter den Blumeninseln, an die ich mich lagerte, durch den Äter-Ozean dahin, der freundliche Himmel bückte sich tiefer zur Erde nieder, es war dem Herzen, als müsst' es im stillen weiten Blau zerfliessen, als müsst' es von fernen ein verhalltes Jauchzen hören, und es sehnte sich nach arkadischen Ländern und nach einem Freund, vor dem es zerginge – – Ich setzte mich mit der Reissfeder auf einen künstlichen Felsen neben dem See und wollte meine Aussicht zeichnen – die einander umarmenden Erlenbäume, die das Ende des umgekrümmten Sees zuhüllten und belaubten – die bunte Reihe der Blumeninseln, um deren jede schon ein doppeltes Blumenstück ihrer geschmückten Insulanerin gemalet schwamm, nämlich das bunte Blumenbild, das unter dem wasser zum Spiegel-Himmel hinabging, und der Schattenriss, der auf dem zitternden Silbergrunde schwankte – und die lebendige Gondel, der Schwan, der zu meinen Füssen sich in hungriger Hoffnung drehte; – – aber als die ganze hoch aufgerichtete natur mir sass und mich mit ihren Strahlen ergriff, die von einer Sonne zur andern reichen: so betete ich an, was ich nachfärben wollte, und sank Gott und der Göttin zu Füssen ....
Ich stand auf mit gelähmter Hand und übergab mich dem steigenden Meere, das mich hob. – Ich ging an alle Ecken der grossen Tafel mit Millionen Gedekken für riesenhafte Gäste und für unsichtbare; denn meine Brust war noch nicht voll, und ich liess die Wellen, die hineinschlugen, leidend in mir steigen. – Ich drängte mich in den tiefsten Schatten der Schattenwelt, in welcher die in einen Stern zergangene Sonne entlegner schimmerte. – Ich ging im Fichtenwald vor dem Gezänk der Kohlmeise und vor dem einsamen Wüstenlaut der Drossel vorüber unter die singende Lerche hinaus. – Ich ging im langen Abendtal an dem bewohnten Bach hinauf, und ein entzücktes Wesenchor wandelte mit mir, die hineingetauchte Sonne und die Mücke mit ihren Schrittschuh-Füssen liefen neben mir auf dem wasser weiter, die grossäugige Wasserlibelle floss auf einem Weidenblatte dahin, ich watete durch grünes aus- und einatmendes Leben, umflogen, umsungen, umhüpfet, umkrochen von freudigen Kindern kurzer warmer Augenblicke. – Ich stieg auf den Eremitenberg, und meine Brust war noch nicht von dem Weltstrome voll, dem sie leidend offen stand. – – – Aber dort richtete sich die liegende Riesin der natur vor mir auf, in den Armen tausend und tausend saugende Wesen tragend – und als meine Seele vom Gedränge der unzähligen, bald in Mükkengold gefasster Seelen, bald in Flügeldecken gepanzerter, bald mit Zweifalter-Gefieder überstäubter, bald in Blumenpuppen eingeschlossener Seelen angerühret wurde in einer unendlichen, unübersehlichen Umarmung – und als sich vor mir über die Erde legten Gebürge und Ströme und Fluren und Wälder, und als ich dachte, alles dieses füllen Herzen, die die Freude und die Liebe bewegt, und vom grossen Menschenherzen mit vier Höhlungen bis zum eingeschrumpften Insektenherzen mit einer und bis zum Wurmschlauch nieder springt ein fortschaffender, ewiger, eine Zeugung um die andre entzündender Funke der Liebe ....
.... Ach dann breitete ich meine arme hinaus in die flatternde zuckende Luft, die auf der Erde brütete, und alle meine Gedanken riefen: o wärest du sie, in deren weitem wogenden Schoss der Erdball ruht, o könntest du wie sie alle Seelen umschliessen, o reichten deine arme um alles wie ihre, die da beugen das Fühlhorn des Käfers und das bebende Gefieder des LilienSchmetterlings und die zähen Wälder, die da streicheln mit ihrer Hand das Raupenhaar und alle Blumen-Auen und die Meere der Erde, o könntest du wie sie an jeder Lippe ruhen, die vor Freude brennt, und kühlend um jeden gequälten Busen schweben, der seufzen will. – – Ach, hat denn der Mensch ein so schmales versperrtes Herz, dass er vom ganzen Reiche Gottes, das um ihn tront, nichts lieben, nichts fühlen kann, als was seine zehn Finger fassen und fühlen? Soll er nicht wünschen, dass alle Menschen und alle Wesen nur einen Hals, nur einen Busen haben, um sie alle mit einem einzigen Arm zu umschliessen, um keines zu vergessen und in gesättigter Liebe nicht mehr Herzen zu kennen als zwei, das liebende und das geliebte? – Heute wurde' ich mit der ganzen Schöpfung verbunden, und ich gab allen Wesen mein Herz ....
Ich kehrte mich nach Osten gegen das neue Schloss und gegen Auental. Hinter dem Auentaler Wald brausete durch einen zerbrochnen Regen-Schwibbogen ein aufgerichteter Ozean – ich stand hier einsam in einer weiten Stille – ich wandte mich zur heruntergegangnen Sonne, ich dachte daran, dass ich sie einmal für Gott gehalten, und es fiel heute schwer auf mich, dass ich den, ders war, bisher so selten gedacht – 'O Du, Du!' rief so nahe an ihm mein ganzes Wesen – aber allen Sprachen und allen Herzen und allen Gefühlen