1793_Jean_Paul_048_86.txt

hatte zu viele Talente, um an einem hof andre Tugenden zu behalten als männliche; sie vereinigte Freundschaft und KoketterieEmpfindung und Spottachtung der Tugend und Philosophie der Weltsich und unsern Fürsten. Denn dieser war ihr erklärter Liebhaber, welchem sie ihr Herz mehr aus Ehre als aus Neigung liess. Sie war zu etwas Besserem gemacht als zu schimmern; allein da sie zu nichts gelegenheit hatte als zum Schimmer: so vergass sie, dass es jenes Bessere gebe. Aber wer zu etwas Höherem geboren ist als zur Welt- oder Hofglückseligkeit: der fühlt in bittern Stunden seine versäumte Bestimmung. – Es wird sich hieher eine neue Ursache anzugeben schicken, die Oefeln aus Scheerau warf: er sollte und wollte auf fürstlichen Befehl für den Geburttag der Residentin ein Drama auf der Drehscheibe seines Pultes auskneten. Das Drama sollte Beziehungen haben. Auf dem Liebhaberteater zu Oberscheerauwo der Fürst nicht wie auf dem Kriegteater Figurant, sondern erster Akteur war und wo er eine ordentliche Hoftruppe ersetzte und erspartesollte es vom Fürsten, von Oefel und einigen andern gespielt werden. Der Fürst hatte noch Augen, die Residentin anzublicken, noch eine Zunge, sie zu lieben, noch Tage, es ihr zu beweisen, noch ein Teater, ihr zu huldigen: gleichwohl hasste er sie schon, weil sie zu edel für ihn war; denn seine Teaterrolle sollte (wie unten gedruckt werden soll) mehr ihm als ihr Dienste tun. – Oefel (welcher Ambassadeur und Hofteaterdichter und Akteur auf einmal war, weil ein schlechter Unterschied ist) malte in sein Drama Beaten hinein und wollte ihr durch ihr Abbild schmeicheln und verhoffte, sie werde mit agieren und ihr Porträt zu ihrer Rolle machen. Alles dies glaubte er von Gustav auch; aber unten werden wir eben sehen.

Gustav fühlte im alten schlossindes über seine Ohrennerven alle Visitenräder gingen und alle Besuch-Prozessionen um seine Augen schwärmtensich toten-allein. Er arbeitete sich in seine künftige Bestimmung hinein. Mehr als funfzig Gesandtschaftschreiber werden daher denken, er lernte Briefe und Herzen aufmachen, Weiber und Berichte dechiffrieren, Amour, Cour und Spitzbübereien machendie funfzig Schreiber irren; sie werden ferner denken, er lernte klein schreiben, um das Porto zu schwächen, ferner Chiffern und Titel machen, ferner wissen, wessen Name im öffentlichen Instrument, das an drei Potenzen kommt, zuerst steheund dass jede Potenz in ihrem Instrument zuerst stehesie haben recht; aber er tat mehr: er lernte in der Einsamkeit die Gesellschaft ertragen und lieben. Fern von Menschen wachsen Grundsätze; unter ihnen Handlungen. Einsame Untätigkeit reift ausser der Glasglocke des Museums zur geselligen Tätigkeit, und unter den Menschen wird man nicht besser, wenn man nicht schon gut unter sie kommt.

Seine Geschäfte gingen in schöne Unterbrechungen über. Denn vor seinem Fenster draussen stand die schöne und fast kokette natur von Paris-Äpfel umhangen und mitten in ihr eine Spaziergängerin, die die Äpfel alle verdiente. Wer kann es sein alsBeata? – Ging sie in den Park: so war es ihm ebenso unmöglich, ihr nachzuspazieren, als ihr nicht nachzuschauen durchs Fenster, und seine Augen suchten aus dem Gebüsche alle vorbeiblinkende Bänder heraus. Wandelte sie rückwärts mit dem gesicht gegen seine Fenster: so trat er nicht bloss von diesen, sondern auch von den Vorhängen so weit wie möglich zurück, um ungesehen zu sehen. Vielleicht (aber schwerlich) kehrten sich die Rollen um, wenn er nach ihr sich auf ihre Gänge wagte, die für ihn Himmelwege waren. Eine herabgewehte Rose, die er einmal in der dunkelsten Nacht unter ihrem Fenster aufhob, war eine Ordenrose für ihn, ihr welker Honigkelch war das Potpourri seiner schönsten Träume und seines Freudenflors: – so legest du, hohes Schicksal, für den ewigen Menschen seinen Himmel oft unter ein falbes Rosenblatt, oft auf den Blütenkelch eines Vergissmeinnichts, oft in ein Stück Land von 305000 Quadrat-Meilen. –

Wer zu viel verziehen hat: will sich nachher rächen. Gustavs Freundschaft gegen Amandus war in eine so hohe Flamme aufgeschlagen, dass sie notwendig Asche auf ihren Stoff herunterbrennen musste. Wenn er Beaten nachblickte, blickte er auf Amandus zurück und tadelte sich so oft, dass er anfangen musste, sich zu rechtfertigen. Was vom Aschenberg, worunter seine Liebe glimmte, abgetragen wurde, wurde dem Aschenberge seiner Freundschaft zugeschüttet. Gleichwohl würde er zu jeder Stunde für Amandus alles geopfert haben, was das Volk Freuden nennt; – denn in der neuen Zeit einer ersten Freundschaft werden Opfer noch wärmer gesucht, als in der spätern gebracht, und der Geber ist beglückter als der Empfänger. O! die rechte Seele hat nicht bloss die Kraft, sondern auch die sehnsucht, aufzuopfern. – Das Leben, das Gustav jetzt von Frühling und Garten und von Wünschen der Liebe umgeben genoss, soll er selber malen in seinem Briefe an mich. Diesen Brief werden freilich die verwerfen, die vor dem natur-Schauspiel als kalte Zuschauer, als entfernte Logen-Pächter stehen; aber es gibt bessere und seltnere Menschen, die sich für hineingerissene Spieler halten und jede Grasspitze für beseelt ansehen, jedes Käferchen für ewig und das unbändige Ganze für ein unendliches schlagendes Adersystem, in welchem jedes Wesen als ein saugendes und tropfendes Ästchen zwischen kleinern und grösseren pulsiert und dessen volles Herz Gott ist. – –

*

Gustavs Brief

"Heute stieg ich zum zweiten Male aus meiner Höhle in die unendliche Weltalle meine Adern fluten