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kamen als Nachtisch. Da er im gegenwärtigen buch alle Wochen lieset: so will ich ihn darin lieber schelten als preisen. Am besten ist es, ich webe hier ein Zwitterding, was ihn bei manchen weder lobt noch tadelt, einseine herzliche Zuneigung gegen das weibliche Geschlecht, die zwischen gefühlloser Galanterie und Feuer-Liebe mitten innen steht. Diese nämliche Zuneigung stehet unserem Geschlechte gut, aber dem weiblichen nicht, und meine Schwester ist doch von diesem. Die Sache kam bloss von ihrem linken Ohre her. Das Ohrgehenk hatte sich durch das Ohrläppchen durchgerissen; sie hätte aber füglich bis auf den Montag warten können, wo ihr Bruder das Läppchen ihr, wie einem jüdischen Knecht, auf die geschickteste Weise würde durchlöchert haben. Allein heute sollte es sein, und sein Doktorhut war der Bettschirm ihrer Absicht. Es hätte gemalet werden sollen, wie der arme Pestilenziarius das Ohrläppchen zwischen den drei Vorderfingern scheuerte und riebwie ein offizinelles Blatt, an das man riechen will –, um es geschwollen und unempfindlich zu machen. Nichts ist mir und dem Medizinalrat gefährlicher, als wenn wir nur mit zwei, drei Fingern an ein Frauenzimmer picken und anstreichenmit dem ganzen Arm hinanzukommen, ist für uns ohne alle Gefahr; so wie etwa die Nesseln weit mehr brennen, leise bestreift als hart gefasset. Vielleicht ist es mit diesem Feuer wie mit dem elektrischen, das durch die Fingerspitzen mit grösserem Strome in den Menschen fährt als durch eine grosse Fläche. – Meine Schwester ging weiter und brachte einen Apfel; der Doktor musste mit seinen Pulsfingern den roten Ohrzipfel an den Apfel pressen und dann eine Zitternadel oder was es war durch dieses Sinnwerkzeug, das die Mädchen weit seltener als das nächste spitzen, drückennun konnte hinangeschnallet und hineingeknöpfet werden, was dazu passt. Der Stahl kettete beinahe den Künstler selber an ihr Ohr. "Mit nichts strickt eine Schöne uns mehr an sich, als wenn sie uns Anlass gibt, ihr eine gefälligkeit zu tun", sagte der Doktor selber und erfuhr es selber. Daher klagte der Operateur und OhrenMagnetiseur, es sei schwer, eine Schöne zu heilen und doch nicht zu lieben, und seine erste Patientin hab' ihn beinahe zu einem Patienten gemacht. Gegen den Doktor hab' ich nichts; er sei immer ein Weltbürger in der Liebeaber, Schwester, ich wollte, du wärest schon zu Bette, weil ich keine Minute, in der ich nur drei Schritte auf- und abtue, sicher bin, dass du nicht in meine Sektoren schielest und liesest, was ich an dir tadle! – Ach ich tadle weniger als ich bedauere deine so niedlich um fremden und eignen Kummer spielende Laune und dein aus den weichsten Fibern gesponnenes Herz, dass die blanke Krone scheuer Weiblichkeit, die alle diese Vorzüge erst putzt und hebt, in den volkreichen Zimmern der Residentin ein wenig schwärzlich angelaufen ist, wie Silber im sumpfigen Holland, und dass deiner Tugend, der nichts fehlet, die Gestalt der Tugend fehlt! – Ihr Eltern! euere Jungen machen sich in der Hölle kaum schwarz; aber für euere Töchter und ihren schneeweissen Anzug ist kaum der Himmel gescheuert und sauber genug!

Sie sind selten schlechter als ihre Gesellschaft, aber auch selten besser. Dieser geistige Wein zieht den Obstgeschmack der Evas- und Paris-Äpfel, die um ihn liegen, ein; er schmeckt alsdann noch gut, aber nur wie Wein nicht.

Der Doktor gab mir über Gustavs Lage viel Licht, das zu seiner Zeit den Lesern wieder gegeben werden soll. –

Eine gewisse person, die fast alle vierzehn Tage nachlieset, was ich geschrieben, ist satirisch und fragt mich, auf welchem Bogen, ob auf dem Bogen Aaa oder Zzz, der fernere Liebehandel zwischen Paul und Beata bearbeitet werdesie fragt ferner, obs dem Leser schon erzählt ist, dass der kokettierende Paul Verse, Schattenrisse, Sträusser und Adagios seitdem gemacht, um sein Herz auf diesen Deserttellern, auf diesen durchbrochnen Fruchttellern, in diesen Konfektkörbchen zu bringen und zu präsentierendiese fatale mokante Personage fragt endlich, ob es der Welt schon berichtet ist, dass aber Beata sich nichts ausgebeten als das leere Körbchen und den leeren Desertteller .... Im Grund' ärgert mich diese Maliz niemal; aber der Doktor Fenk und der Leser haben offenbar die boshafteste Geschicklichkeit, Herzens-Sachen falsch zu stellen und zu sehenWahrhaftig es war bisher lauter Scherz, meine vorgegebene Liebe; und wenn sie keiner war: so müsste sie einer werden, weil ich einen so schönen und so verdienstvollen Nebenbuhler, als ich, wie es scheint, an Gustav bekommen soll, nicht einmal überflügeln und verdunkeln möchte, wenn ich auch könnte oder dürfte, wie doch wohl nicht ist ....

Ende des ersten Teils

Zweiter teil

Siebenundzwanzigster oder XXI.

Trinitatis-Sektor

Gustavs BriefFürst mit seinem Frisierkamm

Nun ist Gustav im alten schlosssein Schauplatz hob sich bisher täglich, von der Erdhöhle in eine Ritterburg, dann in ein Kadetten-Philantropin, endlich in ein Fürstenschloss. Der reiche Oefel mietete es, weil es an das neue anstiess, wo der Blocksberg der grossen Welt von Scheerau war. Die Residentin von Bouse hatte beide von ihrem Bruder geerbt, der hier unter ihren Küssen und Tränen verschied. Die natur hatte ihr alles gegeben, was das eigne Herz erhebt und das fremde gewinnt; aber die Kunst hatte ihr zu viel gegeben, ihr Stand ihr zu viel genommensie