, weil die seinige endlich nach langem Bittschreiben – denn das Konsistorium sieht Reparaturen an der sichtbaren wie an der unsichtbaren Kirche nicht gern – reformiert, d.h. repariert, nämlich geweisset wurde. – Daher invitierte er mich (aus Hofton) zum Dinieren, und ich nahm (ebenfalls aus Hofton) die Karte an.
Ich werde den Sektor erst abends ausschreiben, teils um mir nicht die Esslust wegzudenken, teils um mir draussen noch einige zu erhinken, wo ich noch dazu ein paar Emmerlinge und die Kirchenleute singen hören kann. Überhaupt ist der Nachsommer, der heute mit seinem schönsten himmelblauen Kleide und der Orden-Sonne darauf auf den Feldern draussen steht, ein stiller Karfreitag der natur; und wenn wir Menschen höfliche Leute wären: so gingen wir da öfter ins Freie und begleiteten den verreisenden Sommer höflich bis an die tür. Ich sehe' es voraus, ich würde mich heute an der milden Sonne, die ein sanft um uns schleichender Mond geworden ist, und die im Nachsommer den weiblichen Artikel verdient, nicht satt sehen können, wenn ich nicht mein Auge nach Scheeraus Berge richten, müsste, wo meine Guten wohnen und von wannen heute mein Doktor mich besuchen wird. – –
Unter die Erde ist nun der Tag und seine Sonne. Komme glücklich heim, geliebter Freund! Auf den Silber-Grund, den der Mond auf deinem Weg anlegt, male deine Seele das verlorne Eden der Jugend, und der schwarze Schatten, den du und dein scheues Ross auf den Strahlenboden werfen, müsse euch nachschwimmen, aber nicht voraus! –
Warum sind die meisten Einwohner dieses buches gerade Fenks Freunde? – Aus zwei recht vernünftigen Gründen. Erstlich verquickt sich das humoristische Quecksilber, das aus ihm neben der Wärme des Herzens glänzt, mit allen Charakteren am leichtesten. Zweitens ist er ein moralischer Optimist. Zehn metaphysische Optimisten würde' ich für einen moralischen auszahlen, der nicht ein Kraut, wie die Raupe, sondern einen ganzen Blumenflor von Freuden, wie der Mensch, zu geniessen weiss – der nicht fünf Sinnen, sondern tausend hat für alles, für Weiber und Helden, für Wissenschaften und Lustpartien, für Trauer- und Lustspiele, für natur und für Höfe. – – Es gibt eine gewisse höhere Toleranz, die nicht die Frucht des Westfälischen Friedens noch des Vergleichs von 1705, sondern die eines durch viele Jahre und Besserungen gesichteten Lebens ist – diese Toleranz findet an jeder Meinung das Wahre, an jeder Gattung des Schönen das Schöne, an jeder Laune das Komische und hält an Menschen, Völkern und Büchern die Verschiedenheit und Eigentümlichkeit der Vorzüge nicht für die Abwesenheit derselben. Nicht bloss das Beste muss uns gefallen; auch das Gute und alles. –
Als die Leute aus der kleinen und ich aus der grossen Kirche zurück waren, fing man im Wutzischen haus das Dinieren an. Unser Broterr empfing das Gast-Paar mit seiner gewöhnlichen Freundlichkeit und mit einer ungewöhnlichen dazu; denn er hatte heute aus seiner Kirchenkollekte – er kroch nach dem Gottesdienst in alle Stühle und zog alle unter dem Einlegen niedergefallnen Pfennige magnetisch an sich – eine ansehnliche Silberflotte von 18 Pfennigen mitgebracht. Die Pracht des Mahls erdrückte in dieser stube das Vergnügen nicht. Messer und Gabel waren, wie schon gesagt, von Silber und von mir; aber wer sollte nicht damit mit Vergnügen an einer Tafel agieren, wo der Braten und die Sauce aus einer – Pfanne gespeiset werden? – Unsere Schaugerichte waren vielleicht für einen Kurfürsten zu kostbar: denn sie bestanden nicht etwa aus Porzellan, Wachs oder aus Alabaster-Sämereien auf Spiegelplatten und waren nicht etwa bloss wenige Pfund schwer: sondern die beiden Schaugerichte wogen sechzig und waren vom nämlichen Meister und von der nämlichen Materie wie die Kurfürstenbank, von Fleisch und Blut, nämlich Wutzens Kinder. Ein geistlicher Kurfürst würde vor Vergnügen keinen Bissen essen können, wenn er, wie wir, neben seiner Riesen-Tafel ein Zwerg-Täfelchen mit seinen Kleinen darum stehen hätte. Ihr Tisch war nicht viel grösser als eine Heringschüssel; sie sahen aber auf Verhältnis und speiseten auf dem lilliputischen Tafel-Service, wovon sie seit Weihnachten mehr spielenden als ernstaften Gebrauch gemacht hatten. Die Kleinen waren ausser sich, ihr Fleisch auf Oblaten von Tellern und mit Haarsägen von Messern zu zerschneiden; – Spiel und Ernst flossen hier wie bei essenden Schauspielern ineinander; und am Ende sah ich, dass es bei mir auch so war und dass mein Vergnügen von erkünstelter Kleinheit und Armseligkeit käme.
An der grossen Tafel ging – andere Tafeln kehren es um – das individuelle Gespräch bald ins allgemeine über; ich und der Kantor sagten jeden Augenblick der Preusse, der Russe, der Türk und verstanden (gleich dem Premierminister) unter der Nation den Regenten derselben. – Ich hatte heute eine solche besondre Freude an erbärmlichen Sitten, dass ich mir jeden Bissen hineinpredigen liess und dass ich über zwanzig Gesundheiten trank. Frauenzimmer von stand können sonst nicht so leicht wie Männer sich zu unfrisierten Leuten herunterbücken, am wenigsten zu solchen von weiblichem Geschlecht; aber meine Schwester verdienet, dass ihr Bruder ihr in seinem buch das Lob der schönsten liebreichsten Herablassung erteilt. Je weiblicher eine Frau ist, desto uneigennütziger und menschenfreundlicher ist sie; und die Mädchen besonders, die das halbe menschliche Geschlecht lieben, lieben das ganze von Herzen. Z.B. von der Residentin von Bouse weiss man nicht, schenkt sie Armen oder Männern mehr. Alte Jungfern sind geizig und hart. – Mein Doktor und eine Flasche Wein