Uhr bei Licht zu machen anfangen; denn wie die erhabne Finsternis vor Mitternacht den Menschen über die Erde und ihre Wolken hinaushebt: so legt uns die nach Mitternacht wieder in unser Erd-Nest herein – schon nach 12 Uhr nachts fühl' ich neue Lebenslust, die so zunimmt, wie das herübergegossene Morgenlicht die Finsternis verdünnt und durchsichtig macht. Gerade die feinsten und unsichtbarsten Fühlfäden unserer Seele laufen wie Wurzeln unter der groben Sinnenwelt fort und werden von der entferntesten Erschütterung gestossen. Z.B. wenn der Himmel gegen Osten licht- und wolkenlos, gegen Westen mit Wolkenschläuchen verhangen ist: so kehr' ich mich scherzhafterweise mehr als zehnmal um – steh' ich gegen Osten, so fliegen alle inneren Wolken aus meinem geist weg – fahr' ich gegen Westen um, so hängen sie sich wieder um ihn her – und auf diese Art zwing' ich durch schnelles Umdrehen die entgegengesetztesten Empfindungen, vor mir ab- und zuzulaufen.
An logische Ordnung ist in diesem Lust-Sektor gar nicht zu gedenken; einige geschichtliche soll zu finden sein. Nur wird mancher Gedanke mit tausend Schimmerecken von meiner Lichtschere erdrückt werden, wenn ich das Licht schneuze, oder in meiner Tasse ersaufen, wenn ich gestrigen Kaffee daraus trinke. Dem Publikum ist letzter mehr anzuraten: unter allen warmen Getränken ist kalter Kaffee zwar vom abscheulichsten Geschmack, aber doch von der geringsten wirkung. Der schlafende Tag wird schon wie eine schlafende Schöne, in der die Morgenträume glühen, rot und muss bald das auge' aufschlagen. Sein erstes wird – poetisch zu reden – sein, dass er meine Schwester weckt und mit ihr als Schlafgenoss in meine stube tritt. Ich sollte wie ein mährischer Bruder ein paar tausend Schwestern haben, so lieb' ich sie überhaupt alle. Wahrlich manchmal will ich mit den stössigen Satyrs-Bockfüssen gegen das gute weibliche Geschlecht ausschlagen und lass' es bleiben, weil ich neben mir die kleinen Kirchenschuhe meiner Philippine sehe und mir die schmalen weiblichen Füsse hineindenke, welche in so manches Dornengeniste und manche Gewitterregenlache, die beide leicht durch die dünnen weiblichen Fusstapeten dringen, treten müssen. Die leeren Kleider eines Menschen, zumal der Kinder, flössen mir Wohlwollen und Trauern ein, weil sie an die Leiden erinnern, die das arme Einschiebsel darin schon muss ausgestanden haben; und ich hätte mich einmal in Karlsbad leicht mit einer Böhmin ausgesöhnet, wenn sie mich ihre Hauskleidung, ohne dass sie darin war, hätte beschauen lassen ..........................................................................
Diese Punkte stellen verrollte Zeitpunkte vor. Jetzt sind die Blinden heil, die Lahmen gehen, die Tauben hören – wach ist nämlich alles; unter meinen Füssen zerhämmert der Schulmeister schon den Sonntagzukker; meine Schwester hat mich schon viermal ausgelacht; der Senior Setzmann hat schon aus seinem Fenster meinem Hausherrn die nötigsten heutigen Religionedikte zugepfiffen; die Uhr ist, wie Hiskias Sonnenuhr, von der Wunderkraft des dekretierenden Pfeifens eine Stunde zurückgegangen, und ich kann eine länger schreiben; – bin aber dadurch mit meinem Pinsel aus meinem Morgen-Gemälde gekommen. Die Sonne steht meinem gesicht gegenüber und macht mein biographisches Papier zu einem blanken MosisAngesicht; daher ist es mein Glück, dass ich ein Federmesser und Östreich oder Böhmen oder das JesuiterDeutschland nehme – nämlich Homannische Karten davon – und mit dem Messer diese Länder über meinem Fenster aufnagele und einpfähle; ein solches Land hält allemal die Morgensonne so gut ab und wirft so viel Schatten herüber, als hätt' ich die Tändelschürze oder das Pallium eines Fenstervorhangs daran.
Meine Feder fährt nun im Erdschatten des Globus so fort: Wutz führt in seinem haus nicht drei gescheite Stühle, keine Fenstervorhänge und HautelisseTapeten. Indes mein viel zu prunkendes Ameublement in Scheerau steht: letz' ich mich hier an dem jämmerlichsten und sage, ein Fürst weiset kaum in einer Kunst-Einsiedelei ein elenderes vor. Sogar den Kalender schreiben wir uns, ich und mein Hausherr, eigenhändig, wie Mitglieder der Berliner Akademie – aber mit Kreide und an die Stubentüre; jede Woche geben wir ein Heft oder eine Woche von unserem Almanach und wischen die Vergangenheit aus. Auf dem vierschrötigen Ofen können drei Paare tanzen, die er wie die jetzigen Tragödien trotz der unförmlichen Zurüstung und Breite schlecht erwärmen würde. Es muss beiläufig noch zu Hand- und Taschenöfen kommen, wenn man einmal aus den Bergwerken statt der Metalle das Holz, womit man sie jetzt ausfüttert, wird holen müssen ....
Ein Schöps wird entsetzlich geprügelt, nämlich sein toter Schenkel – die zinnernen Patenteller der zwei Wutzischen Kinder werden abgestaubt – – mein Silber-Besteck wird abgeborgt – das Feuer knackt – die Wutzin rennt – ihre Kinder und Vögel schreien. – – Alle diese Zurüstungen zu einem viel zu grossen Diner, das heute unten gegeben wird, hör' ich in mein Studierzimmer herauf. Vielleicht sind solche Zurüstungen dem Range der beiden Gäste, die das Traktement annehmen sollen, angemessener als dem stand der beiden Schulleute, die es geben. Gegenwärtigem Geschichtschreiber und seiner Schwester dürfen sie nämlich ein Essen geben und selber mit am Tische sitzen. Der Schulmeister hatte viel von seinem ausgeräumten Ameublement eine Woche lang in meine stube einpfarren dürfen