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man die Gräber eines Pytagoras (dieser schönsten Seele unter den Alten) – PlatosSokrates' – Antonins (aber nicht so gut des grossen Kato oder Epiktets) – Shakespeares (wenn sein Leben wie sein Schreiben war) – J.J. Rousseaus und ähnlicher in einem Gottesacker zusammenrücken: so hätte man die wahre Fürstenbank des hohen Adels der Menschheit, die geweihte Erde unserer Kugel, Gottes Blumengarten im tiefen Norden. – – Aber warum nehm' ich mein weisses Papier und durchstech' es und bestreu' es mit Kohlenstaub oder Dintenpulver, um das Bild eines hohen Menschen hineinzustäuben; indes vom Himmel herab das grosse, nie erblassende Gemälde herunterhängt, das Plato in seiner Republik vom tugendhaften mann aus seinem Herzen auf die Leinwand trug.

Die grössten Bösewichter sind einander am unkenntlichsten; hohe Menschen einander in der ersten Stunde kenntlich. Schriftsteller, die darunter gehören, werden am meisten getadelt und am wenigsten gelesen, z.B. der selige Hamann. Engländer und Morgenländer haben diesen Sonnen-Stern öfter auf ihrer Brust als andre Völker.

Ottomar führte mich auf die Leidenschaften: ich weiss, dass er, wenigstens sonst, nichts so hasste als Köpfe und Herzen, die von der stoischen Stein-Rinde überzogen warendass er in seine Pulsadern Katarakten hineinwünschte und in seine Lungenflügel Stürmedass er sagte, ein Mensch ohne leidenschaft sei noch ein grösserer Selbstling als einer mit heftigen; einen, den das nahe Feuer der sinnlichen Welt nicht entzünde, flamme das weite Fixsternlicht der intellektuellen noch viel weniger an; der Stoiker unterscheide sich vom abgenutzten Hofmann nur darin, dass die Erkältung des ersten von innen nach aussen fortgehe, die des andern aber von aussen nach innen .... Ich weiss nicht, obs bei dem innen brennenden, aussen glatteisenden Hofmann so ist; aber beim Glase ist es so, dass es, wenn es von aussen und nach dem glühenden Kern zu erkaltet, hohl und zerbrechlich wird; es muss umgekehrt sein ....

Alle Leidenschaften täuschen sich nicht über die Art oder den Grad, sondern über den Gegenstand der Empfindung; nämlich so:

Darin irren unsere Leidenschaften nicht, dass sie irgendeinen Menschen hassen oder liebendenn sonst verfiele alle moralische Hässlichkeit und Schönheit –; auch darin nicht, dass sie über etwas jammern oder frohlockendenn sonst wär' auch die kleinste Freuden- oder Kummerträne über Glück und Unglück unerlaubt, und wir dürften nichts mehr wünschen, nicht einmal wollen, nicht einmal die Tugend. – Auch irren die Leidenschaften über den Grad dieser Ab- und Zuneigung, dieses Freuens und Betrübens nicht; denn sobald ihnen die Sinne und die Phantasie den Gegenstand mit tausendmal grösseren moralischen oder physischen Reizen oder Flecken vorlegen, als sie andre sehen: so muss doch das Lieben und Hassen nach Verhältnis des äussern Anlasses zunehmen, und sobald irgendein äusserer Reiz den geringsten Grad von Liebe und Hass rechtfertigt: so muss auch der vergrösserte Reiz den vergrösserten Grad der leidenschaft rechtfertigen. Die meisten Gründe gegen den Zorn beweisen nur, dass die vermeintliche moralische Hässlichkeit des Feindes mangle, nicht, dass sie da sei und er doch zu liebendie meisten Gründe gegen unsre Liebe beweisen nur, dass unsre Liebe weniger den Grad als den Gegenstand verfehle u.s.w. Nicht bloss ein mässiger, sondern der höchste Grad der Leidenschaften würde zulässig sein, sobald sich ihr Gegenstand vorfände, z.B. die höchste Liebe gegen das höchste gute Wesen, der höchste Hass gegen das höchste böse. Da aber alle Gegenstände dieser Erde die Beschaffenheit nicht haben, die solche Seelenstürme in uns verdienen kann; da also das Grösste, was uns zu sich reissen oder von sich stossen kann, in andern Welten stehen muss: so sieht man, dass die grössten Bewegungen unsers Ich nur vielleicht ausserhalb des Körpers ihren vergönnten geräumigern Spielraum antreffen.

Überhaupt ist leidenschaft subjektiv und relativ: die nämliche Willensbewegung ist in der stärkern Seele unter grösseren Wellen nur ein Wollen und in der schwächern auf der glattern Fläche ein innerer Sturm. Unser ewiges Wollen fliesset immerfort durch uns und in uns, wie ein Strom, und die Leidenschaften sind nur die Wasserfälle und Springfluten dieses Stroms; sind wir aber zur Verdammung derselben bloss durch ihre Seltenheit befugt? Ist nicht dem kleinen Bach das Flut, was dem Strom nur Welle ist? – Und wenn wir im Feuer unsre Kälte und in der Kälte unser Feuer schelten: wo haben wir recht? Und gibt die Dauer des Scheltens das Recht? –

Ich fühle Einwürfe und Schwierigkeiten voraus, ja ich weiss es und fühle, dass auf dieser umwölkten Regen-Kugel uns nichts gegen die äussern Stürme einbauen und bedecken kann, als das Besänftigen der innerengleichwohl fühl' ich auch, dass alles Vorige wahr ist. Sechsundzwanzigster oder XX. Trinitatis-Sektor

Diner beim Schulmeister

Wenn ein Autor wie ich so viele Wochen hinter seiner geschichte zurückgeblieben, so denkt er: mag der Henker den heutigen Post-Trinitatis auch gar holenich will also darin von nichts reden als vom heutigen Post-Trinitatis, von meiner Schwester, meiner stube und von mir. Wenige Geschichtschreiber werden heute hinter ihren Dintenfässern einen solchen guten Tag haben wie ihr Zunftgenoss.

Ich sitze hier in des Schulmeister Wutzens EmporStube und halte seit einem Vierteljahr meinen Arm als Armleuchter zum Fenster hinaus mit einem langen Licht, um in die zehn deutschen Kreise hineinzuleuchten. Ich werde in jedem Herbst und Winter alle meine Sektores wie den heutigen am Morgen um 41/2