1793_Jean_Paul_048_81.txt

und wird. Sage mir, was verrichten denn vor dem fürstlichen Porträt über dem Präsidentenstuhl, oder gar vor einem verschnittenen regierenden Gesicht selbst, dein Scharfsinn, dein Herz, deine Schnellkraft? Die zurückgepressten ineinander sich krümmenden Zweige drücken das Fenster des Winterhauses, der Regent lässt in der compotière ihre Frucht vor seinem Teller vorübergehen, der blaue Himmel fehlet ihnen, das Gescheiteste ist noch, dass sie verfaulen! – Was tun denn die edelsten Kräfte in dir, wenn Wochen und Monate verströmen, die sie nicht brauchen, nicht rufen, nicht üben? Wenn ich oft so der Unmöglichkeit zusah, in allen unsern monarchischen Ämtern ein ganzer, ein edel tätiger, ein allgemeinnützlicher Mensch zu seinselbst der Monarch kann nicht mit denen unendlich vielen schwarzen subalternen Klauen und Händen, die er erst als Finger oder Griffe an seine hände anschienen muss, etwas vollendet Gutes tunsooft ich so zusah, so wünscht' ich, ich würde gehenkt mit meinen Räubern, wär' aber vorher ihr Hauptmann und rennte mit ihnen die alte Verfassung nieder! .... Geliebter Fenk! dein Herz reisset mir niemand aus meiner Brust, es treibet mein bestes Blut, und nie kannst du mich verkennen, ich sei so unkenntlich, als ich wolle! Aber, o Freund, es kommen zeiten heran, wo dir dieses Verkennen doch leichter werden kann!

Verhüllter Genius unserer verschatteten Kugel! ach wär' ich nur etwas gewesen, hätte meine Gehirnkugel und mein Herz nur, wie Luter, mit irgendeiner dauerhaften, weit wurzelnden Tat das Blut abverdient, das sie rötet und nährt: dann würde mein hungriger Stolz satte Demut, vier niedrige Wände wären für mich gross genug, ich sehnte mich nach nichts Grossem mehr als nach dem tod und vorher nach dem Herbst des Lebens und Alters, wo der Mensch, wenn die Jugend-Vögel verstummen, wenn über der Erde Nebel und fliegender Faden-Sommer liegt, wenn der Himmel ausgeheitert, aber nicht brennend über allem steht, sich entschlafend auf die welken Blätter legt. – – – Lebe wohl, mein Freund, auf einer Erde, wo man weiter nichts Gutes tun kann als in ihr liegen; im nächsten Herbst sind wir aneinander!"

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Zu diesem Briefe, der meine ganze Seele nimmt und meine Irrtümer sowohl als meine Wünsche erneuert, kann ich nichts mehr sagen, als dass heute der erste Mensch in dieser geschichte auf einem Berg begraben worden ist. Wenn ich nach vier oder fünf Sektoren von seinem abendrötlichen tod rede: so werden schon die Züge seiner Gestalt bleicher und zerrissen sein, sowohl im Sarge als im Herzen der Freunde!

Extrablatt

Von hohen Menschenund Beweis, dass die

Leidenschaften ins zweite Leben und Stoizismus in

dieses gehören

Gewisse Menschen nenn' ich hohe oder Festtagmenschen, und in meiner geschichte gehören Ottomar, Gustav, der Genius, der Doktor darunter, weiter niemand.

Unter einem hohen Menschen mein' ich nicht den geraden ehrlichen festen Mann, der wie ein Weltkörper seine Bahn ohne andere Abirrungen geht als scheinbarenoch mein' ich die feine Seele, die mit weissagendem Gefühl alles glättet, jeden schont, jeden vergnügt und sich aufopfert, aber nicht wegwirftnoch den Mann von Ehre, dessen Wort ein Fels ist und in dessen von der Zentralsonne der Ehre brennenden und bewegten Brust keine anderen Geendlich weder den kalten von grundsätzen gelenkten Tugendhaften, noch den Gefühlvollen, dessen Fühlfäden sich um alle Wesen wickeln und zucken in der fremden Wunde und der die Tugend und eine Schöne mit gleichem Feuer umfassetauch den blossen grossen Menschen von Genie mein' ich nicht unter dem hohen, und schon die Metapher deutet dort waagrechte und hier steilrechte Ausdehnung an.

Sondern den mein' ich, der zum grösseren oder geringem Grade aller dieser Vorzüge noch etwas setzt, was die Erde so selten hatdie Erhebung über die Erde, das Gefühl der Geringfügigkeit alles irdischen Tuns und der Unförmlichkeit zwischen unserem Herzen und unserem Orte, das über das verwirrende Gebüsch und den ekelhaften Köder unsers Fussbodens aufgerichtete Angesicht, den Wunsch des Todes und den blick über die Wolken. Wenn ein Engel sich über unsern Luftkreis stellte und durch dieses trübe mit Wolkenschaum und schwimmendem Kot verfinsterte Meer herniedersähe auf den Meergrund, auf dem wir liegen und klebenwenn er die tausend Augen und hände sähe, die geradeaus waagrecht nach dem Inhalte der Luft, nach Gepränge, fangen und starren; wenn er die schlimmern sähe, die schief niedergebückt werden gegen den Frass und Goldglimmer im morastigen Boden, und endlich die schlimmsten, die liegend das edle Menschengesicht durch den Kot durchziehen; – wenn dieser Engel aber unter den Seetieren einige aufrecht gehende hohe Menschen zu sich aufblicken säheund er wahrnähme, wie sie, gedrückt von der Wassersäule über ihrem haupt, umstrickt vom Geniste und Schlamm ihres Fussbodens, sich durch die Wellen drängten und lechzeten nach einem Atemzuge aus dem weiten Äter über ihnen, wie sie mehr liebten als geliebt würden, das Leben mehr ertrügen als genössen, gleich fern von stehendem Emporstaunen und rennendem Geschäftleben hände und Füsse dem Meerboden liessen und nur das aufwärts steigende Herz und Haupt dem Äter ausser dem Meere gäben und auf nichts sähen als auf die Hand, die das Gewicht des Körpers, das den Täucher mit dem Boden verbindet, von ihm trennt und ihn aufsteigen lässt in sein Element .... o dieser Engel könnte diese Menschen für untergesunkne Engel halten und ihre Tiefe bedauern und ihre Tränen im Meer .... Könnte